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Rezensionen von Skanus:
Vom Erfolg der Unbeirrbarkeit
Das Echo der Gezeiten von Rebekka Frank
Das Echo der Gezeiten zieht sich durch die Geschichte, wie ein dunkelroter Faden. Gerade die Gezeiten sind es, die schicksalhaft auf die beiden starken Frauen im 17. und im 20. Jahrhundert wirken. Im 20. ist das Echo des 17. noch nicht verhallt.
Beide Frauen haben in ihren Jahrhunderten mit extremen Vorurteilen und nicht vorhandener oder mangelnder Gleichberechtigung zu kämpfen, um sich irgendwie Gehör zu verschaffen und sich einen unabhängigen, selbständigen Platz im Leben zu erobern.
Schon die Probleme, mit denen Tilla 1963 zu kämpfen hat, muten heute altmodisch an, auch wenn sie bis heute nicht vollständig ausgemerzt worden sind. Auch heute noch stoßen Frauen an Grenzen, die von Männern oder der Gesellschaft gesetzt werden.
Mutig kämpfen sie für ihre Ideen und Träume.
Nes Dorn, die Heldin im historischen Teil des Romans, muss allerdings einen sehr viel höheren Preis zahlen, um wenigstens Rache üben zu können. Zu sehr ist sie Aberglauben, Macht, mangelnder Bildung und gesellschaftlichem Druck ausgeliefert. Doch sie steht zu ihren Überzeugungen und lässt sich nicht unterkriegen.
Tilla Puls im 20. Jahrhundert kriegt es mit überholten, gesellschaftlichen Normen zu tun, die es Männern leicht machten, Frauen in die zweite Reihe (oder als ihr Anhängsel ohne Namen) zu drängen. Wollten sie Erfolg haben, mussten sie zäh sein und vor allem aus dem Leitbild der Ehefrau am heimischen Herd ausbrechen. Zu der Zeit war eine Ehe das Ende jedweder Ambitionen einer Frau auf Selbständigkeit oder eigene Entscheidungen.
Insofern ist auch der moderne Teil des Romans heute schon historisch. Die Gleichberechtigung der Frau hat in den letzten 60 Jahren enorme Fortschritte gemacht, die einer Frau im 21. Jahrhundert der westlichen Welt eine Unabhängigkeit ermöglichen, die sie noch nie gehabt hat.
Rebekka Frank schafft es in ihrer Geschichte, gesellschaftlichen Wandel zu beschreiben und weibliche Schicksale darin zu verknüpfen, die dem heutigen Leser vor Augen führen, was alles in Sachen Emanzipation erreicht worden ist. Unter anderem auch, weil es Frauen wie Nes und Tilla gegeben hat.
Etwas wunderlich
Neun Tage Wunder von Kristina Moninger
Eine in sich stimmige und von den Charakteren folgerichtig angelegte Liebesgeschichte. Aber dennoch bin ich mit der Geschichte nicht richtig warm geworden. Das mag daran liegen, dass Anni ein gutes Stück jünger ist als ich und ich eine solche Situation anders angehen würde. Das würde schon damit anfangen, dass ich der Meinung bin, man sollte seinem Partner derart wichtige Dinge aus der eigenen Vergangenheit nicht verschweigen.
Liebe verträgt Geheimnisse, aber hier ist eine Differenzierung nötig. Annis Tage mit Lukas haben etwas Magisches und warum sollte man diese Erfahrung nicht mit seinem neuen Lebenspartner teilen?
Nun ist es so, dass Geheimnisse in so vielen Liebesromanen ein wesentlicher Teil des Plots sind und die Basis für Lebenserfahrung des Protagonisten sind. Außerdem erzeugen sie Spannung.
Einige Figuren dieser Geschichte sind meiner Meinung etwas dürr in der Ausprägung geraten, wie z.B. Claire (Ex-Frau des einen männlichen Helden) und Michael (Freund von Annis Freundin).
Lukas selbst bewegt sich fast komplett in einer undurchsichtigen Wolke, er bleibt bis zum Höhepunkt wenig greifbar.
Was mir aber gefallen hat, war die Reaktion von Lukas auf das Verhalten von Anni. Hier hatte ich wirklich das Gefühl es mit realen Menschen zu tun zu haben, konnte die Verhaltensweisen nachvollziehen. Leider muss Anni durch ein Komplott dazu gebracht werden, sich mit Lukas zu treffen. Eigener Antrieb wäre besser gewesen.
Ein lebensnahes Bild auf sich selbst zeigt Anni nach ihrem Treffen mit Lukas. Und daran kann man gut sehen, was zehn Jahre Getrenntsein eben doch ausmachen können.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, welches durch frische, witzige Dialoge besticht. Die Selbstreflexion der Protagonisten könnte tiefer gehen, aber das ist vielleicht etwas viel verlangt.
Fehlende emotionale Reife
Tage mit Milena von Katrin Burseg
Ein hochaktuelles Thema unserer Zeit wird zum Anlass genommen, die Heldin des Romans in einen Konflikt mit einem Vorfall in ihrer Vergangenheit zu stürzen. Das ist grundsätzlich ein guter Plot. Klimakleber, Letzte Generation und Klimaaktivisten sind ein Thema unserer Zeit und somit etwas, mit dem sich viele identifizieren können.
Der Konflikt der Heldin ist in einem ähnlich brisanten Umfeld angesiedelt, allerdings knapp 40 Jahre früher. Die Hausbesetzerszene in der Hamburger Hafenstraße. Auch das hat viele Gemüter damals erhitzt.
Bindeglied ist eine junge Frau, die sich auf die Straße klebt und unsere Heldin spontan dazu bringt, sich neben sie zu setzen. Das bringt alles ins Rollen.
Die Heldin wird von ihren Erinnerungen in die Vergangenheit gesogen und ein emotional unverarbeiteter Konflikt bricht auf. Das führt dazu, dass sie aus ihrem Alltag ausbricht und zusammen mit der jungen Frau eine Reise antritt, die schließlich zur Konfliktlösung führt.
Das Alltagssituationen zu Schlüsselerlebnissen werden können, kommt vor. Ein Déja vu und die Erinnerungen fließen, gute wie schlechte.
Was mich allerdings daran stört, ist die Heftigkeit, mit der Konflikt aus der Vergangenheit an die Oberfläche drängt. Inzwischen sind fast 40 Jahre ins Land gegangen. Die Heldin geht auf die sechzig zu und da soll etwas, das so lange her ist, derart Wellen schlagen? In den vergangenen 40 Jahren soll es keine Situation gegeben haben, die ebenso als Trigger hätte fungieren können? Und was ist mit der in den Jahren angesammelten Lebenserfahrung?
Es liest sich manchmal, als hätte die Heldin keine emotionale Reife in den 40 Jahren gewonnen. Als wäre es gefühlt gestern gewesen. Das ergibt für mich keinen Sinn. Und auch, dass ihr Ausbruch aus dem Alltag keine Konsequenzen für ihre Ehe hat und ausschließlich auf umfassendes Verständnis stößt, ist verwunderlich. Eine gute Ehe trägt das möglicherweise, aber das zieht Gespräche nach sich. Hierfür hat die Geschichte keinen Raum. Es hätte aber zumindest in die Schlussseiten eingeflochten werden müssen. Der Ehemann wird damit zu einer faden, schwachen Person degradiert. Was zu Beginn der Geschichte so gar nicht der Fall gewesen ist.
Auch die Parallelen zwischen der Freundin der Heldin in der Hafenstraße (Milena) und der jungen Frau in der Gegenwart muten konstruiert an. Das Menschen in gesundheitlichen Extremsituationen extrem handeln können, ist nachvollziehbar. Aber das unsere Heldin in beiden Situationen mit einer kranken Mitstreiterin agiert, ist seltsam.
In diesem Roman habe ich die emotionale Dichte der Helden, die ich aus anderen Romanen der Autorin kenne, vermisst. 40 Jahre sind eine lange Zeit, die viel Einfluss auf den Entwicklungs- und Reifeprozess eines Menschen haben. Die Reaktion der Heldin scheint mir weit überzogen und unglaubwürdig.




