Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Morten:
Traurig-schöne Coming-of-Age-Geschichte
Für Polina von Takis Würger
Vermutlich ist „Für Polina“ nicht perfekt. Aber: Es war das perfekte Buch für diesen Moment. Es hat mich emotional gecatcht, mich mit Hannes und den teils wunderbar skizzierten Nebenfiguren leiden lassen, mich rasend schnell mit ins Moor und durch Europa geschickt. Ja, vielleicht ist Takis Würger Diogenes-Debüt ein bisschen kitschig, ein bisschen konstruiert, aber hey, es ist vor allem auch eines: gute Unterhaltung für Fans von Coming-of-Age-Geschichten.
Der erste Teil des Buchs ist wunderschön. In toller Sprache nimmt Takis Würger uns mit ins Moor, irgendwo bei Hannover, auf ein altes Gut, verwaltet von Heinrich Hildebrand, ein „alter Zausel“, dessen Herz der kleine Hannes, seine Mutter Fritzi, aber auch deren Freundin Gunes samt Tochter Polina schnell zum Schmelzen bringen. Dieses Zusammenleben ist so heimelig beschrieben, dass das Wörtchen Hygge sich verneigend aus dem Wortschatz verabschieden könnte. Bis zum Ende dieses Abschnitts zumindest.
Im zweiten Teil verlässt der etwas ältere Hannes nach dem Abitur seinen Vater, schleppt Klaviere durch Hamburg statt auf ihnen zu spielen, trifft dabei auf den sonderbaren, aber herzensguten Bosch mit seiner oft zitierten Vorliebe für Olivenöl-Gerichte, auf skurrile Gestalten der musikaffinen Oberschicht und auf Leonie, seine Liebe für die nächsten Jahre. Doch kann er eine Person nicht vergessen, die er über die Jahre aus den Augen, nicht aber aus dem Herzen verloren hat: Polina. Dann beginnt er wieder Klavier zu spielen. Auf der Straße. Und geht damit viral.
Ich kann durchaus verstehen, dass „Für Polina“ auf Kritik stößt, dass Leser:innen Takis Würger vorwerfen, nichts Neues zu schreiben, zu wenig Liebe in die Hauptfiguren gesteckt zu haben, hart auf der Kitschgrenze zu wandeln. Aber Würger hat hier auch wunderbare Figuren geschaffen, die mir mehr ans Herz gewachsen sind als Hannes und Polina. Allen voran die liebenswerte, toughe Fritz, den grummelig-herzensguten Heinrich, den wortkarg-fürsorglichen Bosch. Wenn Autoren es schaffen, dass einem die Nebenfiguren ans Herz wachsen, haben sie in meinen Augen etwas Besonderes geschaffen. So gut haben es nicht alle, manche tauchen zwar wieder auf, ohne besondere Eigenschaften, aber zumindest schließt sich so mancher Kreis.
Dazu ist Würgers Roman ein Coming-of-Age-Roman, ein Genre, dass nicht immer die allzu große Tiefe benötigt, um Emotionen zu wecken. Erinnerungen an die eigene Kindheit oder Jugend oder Zeit danach, Empathie für Hannes. Dass es ein virales Video benötigt, um die Geschichte zu einem Ziel zu führen, ist halt Zeitgeist. Auch das Namedropping von Sophie Passmann und Prince Harry hätte es vermutlich nicht benötigt, werden doch vorher schon andere, viel charmantere fiktive Figuren beim Sharing von Hannes‘ Video gezeigt. Völlig verzeihbar.
Mich hat „Für Polina“ erreicht, für zwei Abende bestens unterhalten, traurig und glücklich gemacht, abwechselnd oder zugleich – das schaffen nicht viele Bücher. Daher: vollste Empfehlung, trotz Hype und Kritik an eben diesem. Am besten aber ist es, das Buch völlig neutral anzugehen und sich von Hannes‘ Melodien durch die Seiten tragen zu lassen. Und hoffentlich entzückt zu sein.
Alles ist verbunden
HEN NA E - Seltsame Bilder von Uketsu
Eigentlich ist der Titel ein Spoiler. Zumindest bis man in der zweiten der vier Geschichten ist, den Prolog einmal ausgeklammert. Denn die erste Geschichte aus „Hen na e – Seltsame Bilder“ wirkt fast wie eine in sich geschlossene, leicht mysteriöse Kurzgeschichte, in der zwei junge Männer über einen rätselhaften Blog diskutieren und einem möglichen Mordfall auf die Schliche kommen.
Doch schon die nächste Geschichte zeigt: Bestimmte Personen tauchen erneut auf – und der Täter oder die Täterin hat mehrere Opfer auf dem Gewissen.
Ich lese selten Krimis, dafür umso lieber japanische Gesellschaftsromane, aber „Hen na e“ ist eigentlich beides. Mit einem Twist, denn der Kriminalroman von Uketsu gehört zum recht neuen Genre „Sketch Mystery Roman“. So sind Bilder ein wichtiger Teil der Ermittlungen – Bilder, die von Opfern hinterlassen wurden oder die auf eine besondere Beziehung der Figuren hindeuten. Ob es sie in jeder der insgesamt vier Geschichten gebraucht hätte oder ob die Leser:innen nicht auch so den Ermittlungen hätten folgen können, sei einmal dahingestellt. Aber sie machen durchaus einen gewissen Reiz bei der Lektüre aus. Auch die plastische Wiederholung von Ermittlungsnotizen wie die Tagesabläufe des Opfers und der Verdächtigen in der dritten Geschichte sorgen für ein ganz anderes Lesegefühl.
Vor allem aber ist „Hen na e“ eine recht dramatische, tragische Geschichte, die Leser:innen in die japanische Kultur eintauchen lässt – in Ehre, in Alltag, in den Umgang miteinander. Und mitreißend ist sie, schnell geschrieben, toll übersetzt von Heike Patzschke – 272 Seiten, die sich in einem Rutsch lesen lassen und auch müssen, möchte man doch direkt alle Geheimnisse und Verbindungen erfahren.
Bloß ein Geheimnis lässt sich nicht lösen – dass des unbekannten Autors, der sich hinter einer weißen Maske versteckt, die entfernt an Michael Myers aus Halloween erinnert. Aber vielleicht kommt das ja noch mit einem der nächsten Sketch Mystery-Romane, die hoffentlich bereits in der Arbeit oder Übersetzung sind.
Zurück in die Vergangenheit
Nowhere Heart Land von Emily Marie Lara
"My fingertips are holding onto the cracks in our foundation and I know that I should let go but I can't."
18 Jahre ist der Song von Kate Nash bereits alt, 15 Jahre in „Nowhere Heart Land“ von Emily Marie Lara – und ähnlich wie die Figur im Song hält auch die Protagonistin im Buch an Dingen fest, die sie längst loslassen müsste.
Wenn das mal so einfach wäre.
In der Gegenwart ist gerade die Queen gestorben. Rosas Kollege, dessen Arbeit sie in einer Londoner Ad-Agency mitmacht, kommentiert das mit einem abfälligen Spruch – und kassiert Rosas Faust in sein Gesicht. Verdientermaßen muss man auch als gewaltfreier Mensch zugeben. Rosa wird freigestellt. Und muss zurück nach Deutschland, denn das Altersheim ihrer dementen Oma verlangt mehr Geld, das nur durch den Verkauf ihres Hauses aufzutreiben ist. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt – zurück zum längst abgerissenen Internat, die zerbrochene Schulfreundschaft zu Leni und die Kartons mit den Erinnerungen an ihre früh verstorbene Mutter Conny.
„Nowhere Heart Land“ ist ein forderndes Buch. Eine Tour de Force durch diverse Breakdowns der Protagonistin, deren toxischer Alltag durch zu viel Alkohol und nie aufgearbeitete Abschiede bestimmt wird. Leser:innen werden sich viele Frage stellen und es ist nicht zu viel gespoilert, wenn man festhält, dass eigentlich keine davon beantwortet wird. Mag sicher für einige unbefriedigend sein, mir hat’s gefallen, mit klaren Antworten können auch Enttäuschungen einhergehen – und das ist auch sicherlich nicht die Intention des Buchs.
Es ist ein Homecoming-Roman einer Person, die nach dem Ende ihrer Schulzeit nach London geflüchtet ist, mit Heimat und Freund:innen gebrochen oder letztere auch verprellt hat. Die feststellen muss, dass auch ihre Freundschaften in England nicht allzu viel wert sind. Die den Abriss ihrer Schule und damit auch ein Auslöschen an ihre Mutter, die das Internat ebenfalls besucht hat, nie überwunden hat, vor allem aber auch deren viel zu frühen Tod – und wie soll man das überhaupt schaffen?
Ich mochte in Emily Marie Laras Debüt drei Sachen besonders: die Sprache, mit der sie Rosas Geschichte erzählt. Die Gefühle, die ich nachvollziehen konnte, wenn sie durch ihre alte Heimat läuft und sie gleichzeitig vertraut und doch fremd scheint. Aber auch die vielen „Oh girl, come on!“-Momente, wenn man Rosa von etwas abhalten oder ihr gut zureden oder wenigstens in den Arm nehmen mochte. Sie ist keine sonderlich sympathische, aber eine realistische Protagonistin, voller Fehler, voller Vergangenheit, der man auch nicht immer ganz vertrauen möchte und sie sich selbst vermutlich auch nicht.
Und auch wenn das Buch keine Antworten liefert, so ist das Ende doch durchaus passend, die Szene in der Pizzabude mehr als stark und das Buch trotz kleinerer Längen sehr lesenswert – aber nicht für jede:n.
Charmanter Kinderreiseführer durch die Alpen
OTTO fährt los - Ein Sommer in den Bergen von Madlen Ottenschläger
Gleich zwei Sachen vorab: Ja, es kommt Urlaubsstimmung auf im dritten Abenteuer von VW-Bus Otto. Und (leider?) ja, das Buch ist mehr Reiseführer als Geschichte – aber das ist nur in einem Punkt schade. Dazu später mehr.
Denn erst einmal Sachen packen und auf in die Berge: Otto reist mit einer Familie durch die Alpen.
Bayern, Österreich, Schweiz – alles ist dabei. Schloss Neuschwanstein genauso wie der Bodensee, hochgelegene Bergseen, Hängebrücken, Gipfelessen. „Ein Sommer in den Bergen“, so der Titel dieses „Otto fährt los“-Teils, macht richtig Vorfreude auf den nächsten Urlaub oder sorgt für Flashbacks zu vergangenen Reisen.
Natürlich vor allem dank der großartigen Illustrationen von Stefanie Reich, die die Bergwelt perfekt einfängt und dabei das ein oder andere Motiv gezeichnet hat, das man von vielen, vielen Instagram Fotos kennt. Ist aber ja nicht schlimm, ist schließlich ein Kinderbuch und Kinder sind (hoffentlich) noch nicht selbst auf Insta unterwegs.
Und auch die Texte von Madlen Ottenschläger sind wieder gewohnt wohlig-lustig. Sie hat diesen ganz besonderen Stil, der hier im Haus ganz gut ankommt, egal ob bei Hannah und Benja, bei Metti Meerschwein oder nun eben Otto.
Nur einen kleinen Wermutstropfen gibt es doch: Die Familie, die mit Mietbulli Otto in den Süden fährt, bleibt leider etwas blass. Und das ist dem geschuldet, was ich anfangs geschrieben habe – dass das Buch mehr ein Reiseführer, eine Urlaubsinspiration für die Alpen ist und weniger eine Geschichte. Zwar verfolgt man, was die Zwillinge Klara und Luzie mit ihren Eltern erleben – vom Übernachten an Bergseen und Gondelfahrten hin zu Kletterabenteuern. Aber trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass es eine Aneinanderreihung von Urlaubsempfehlungen ist. Das ist, auch schon geschrieben, ein wenig schade. Aber auch Jammern auf recht hohem Niveau.
Denn alles in allem ist „Otto fährt los: Ein Sommer in den Bergen“ ein toll illustriertes, schön geschriebenes Buch, das sich tatsächlich anfühlt wie ein sonniger Wandertag irgendwo in Österreich oder Bayern mit einem großen Teller Kaiserschmarrn mit Preiselbeeren zum Abschluss. Sogar mit dem passenden Rezept am Ende des Buchs. Wer also in diesem Jahr mit dem Nachwuchs einen Urlaub im Süden plant – dieses Buch ist die (fast) perfekte Einstimmung.
Unaufregter Krimi für Kinder
Detektivagentur Christie & Agatha - Ein Beweisstück verschwindet von Pip Murphy
Ein Sandwich ist verschwunden. Kein normales Sandwich, was für jeden hungrigen Magen schon recht dramatisch wäre. Nein, darin war ein Experiment von Mr. Fleming versteckt. Wer könnte Interesse daran haben? Sein Assistent Mr. Pryce? Die französischen Gastgeber? Oder etwa Sir Arthur Conan Doyle? Klare Sache – die Schwestern Agatha und Christie müssen diesen Fall aufklären.
Der erste Band der neuen Reihe „Detektivagentur Christie & Agatha“ mit dem Titel „Ein Beweisstück verschwindet“ ist ein gemütlicher, humorvoller Kinderkrimi voller Anspielungen auf Krimigeschichte und kulturellen Besonderheiten. So geraten die Gastgeber der Teeparty in Verdacht, französische Spione zu sein – dabei stammen sie aus dem benachbarten Belgien. Ein Schmunzler, der im englischen Original vermutlich ein bisschen besser zündet und mit Vorurteilen aufräumen soll.
Und natürlich ist die Geschichte ein guter Einstieg in die Krimiwelt, besonders, wenn die Eltern oder Großeltern eine Affinität für Agatha Christie, Sir Arthur Conan Doyle oder ähnliche Autor:innen haben. Es ist alles komplett unaufgeregt, die beiden Schwestern sind charmant, der Humor very british. Die Kriminalgeschichte ist ziemlich geradlinig, nur bedingt überraschend – cosy crime für Kinder eben, aber sie lebt über die Figuren, wie auch häufig in den Krimis für Erwachsene.
Vielleicht fehlt ein bisschen Würze, wenn die Kinder bereits andere Detektivgeschichten gelesen oder gehört haben. Sind sie schon an spannende Abenteuer wie bei den drei ??? Kids gewöhnt, könnten die Abenteuer von Christie und Agatha ein bisschen zu ruhig wirken. Das aber hängt vermutlich vom jeweiligen Kind ab – und wie die Reihe weitergeht. Denn schon im Sommer soll Teil 2 der Detektivagentur erscheinen. Und ich sag’s mal so: Wir sind durchaus interessiert, welcher Fall dann aufgeklärt werden muss.
Grandios unzuverlässig
Mickey und Arlo von Morgan Dick
Nun ist es ja so: Dass Menschen einen auf Dauer enttäuschen, ist gar nicht so selten. Selbst liebgewonnene. Gehört zum Leben dazu, ist schade, vielleicht ist man selbst auch mal der Enttäuscher und nicht der Enttäuschte. Bücher müssen diese Emotionen erst einmal schaffen. Wie sehr Morgan Dick dies mit ihren Protagonistinnen in „Mickey und Arlo“ – und ganz besonders mit Mickey – gelingt, ist ziemlich grandios.
Denn was erst nach cosy Thirty-Something-Read klingt, birgt ganz schön tiefe Abgründe.
Mickey ist Vorschullehrerin und quasi dafür geboren. Sie hat ein Händchen für Kinder und bleibt auch lieber beim kleinen Ian, als die Polizei und so das Jugendamt zu rufen, als seine Mutter ihn nicht abholt. Viel mehr noch: Sie bringt Ian zu seinem Onkel – und verstößt so gegen allerhand Gesetze und verliert ihren geliebten Job. Mit dabei ist der Anwalt ihres verstorbenen Vaters, der ihr nach jahrzehntelangem Nichtkontakt fünfeinhalb Millionen Dollar hinterlässt, wenn sie eine Therapie macht – bei ihrer Halbschwester. Und nein, die beiden kennen sich nicht und wissen nichts von der Situation.
Das ist auf den ersten Seiten mit viel Witz erzählt, man fühlt sich als Leser wohl in der Geschichte, bis man merkt: So eine richtig zuverlässige Erzählerin ist vor allem Mickey nicht. (Streng genommen: Die Kapitel erzählen nicht aus der Sicht der Schwestern, sondern in der dritten Person, muss man hier aber nicht so eng sehen.) Denn immer wird deutlich: Die beiden haben Probleme, die in ihrer familiären Vergangenheit liegen. Vor allem Mickey, die wie ihr Vater an Alkoholismus leidet, am liebsten alleine ist, ihre Freunde bestiehlt. Und Arlo, die gerade wieder in eine Psychotherapiepraxis einsteigt, nachdem ihre letzte Patientin Suizid begangen hat und keine Mitverantwortung bei sich sieht.
Und so wird „Mickey und Arlo“ Seite für Seite abgründiger, trauriger, man fühlt sich fast ein bisschen verraten von diesen großartig gezeichneten Figuren, die einem erst furchtbar sympathisch sind und von denen man sich doch Stück für Stück entfremdet – und ihnen gleichzeitig helfen will. Vielleicht dreht die Autorin irgendwann eine Schleife zu viel, ein paar Seiten weniger hätte dem Buch möglicherweise gut getan – auf der anderen Seite wollte ich noch viel, viel mehr Zeit mit Mickey und Arlo und auch dem Anwalt Tom Samson verbringen (auch so eine wunderbare Figur, die man selbst Stück für Stück erlesen und erfassen muss).
Hätte das Ende ein bisschen aufregender sein können? Ja, vielleicht, aber irgendwie ist es auch gut, wie es ist, ganz spoilerfrei. Ich habe die Figuren geliebt, bemitleidet, angezweifelt und furchtbar gerne über ihr Leben gelesen. Schon jetzt eines der schönsten Bücher des Jahres. Aber auch eines, das Menschen fordern kann. Gerade, wenn sie selbst mit familiären und mentalen Problemen kämpfen, selbst oder in Co-Abhängigkeit. Auf der anderen Seite: es sensibilisiert. Und das ist ja auch immer gut.
Falsches Etikett, guter Inhalt
Shanghai Story von Juli Min
Vielleicht hilft es, wenn man „Shanghai Story“ direkt anders betrachtet: Nicht als Roman, sondern als Kurzgeschichtensammlung. Als Roman scheitert das Experiment, eine Familiengeschichte von 2040 in Richtung Vergangenheit zu erzählen, am fehlenden roten Faden. Auf der anderen Seite: die unterschiedlich langen Episoden aus dem Leben der Familie Yang sind wirklich gut.
Juli Min nimmt die Leser:innen mit in das Leben einer asiatischen Familie mit chinesisch-japanischen Wurzeln. Wobei Grenzen eigentlich keine Rolle spielen. Zwei der drei Kinder studieren in den Staaten, die Eltern haben lange in Frankreich gelebt, man jettet zu jeder Gelegenheit rund um den Globus. Aber auch das Leben in der Shang-High Society hat seine Schattenseiten – und die Autorin beleuchtet diese grandios.
Eheprobleme, Abtreibung, illegale Autorennen, Prostitution, ja, selbst Corona sind Elemente, die in den einzelnen Geschichten vorkommen. Zu Beginn sitzt Leo, der Familienvater, im Hochgeschwindigkeitszug vom Flughafen zurück in die Stadt und reflektiert den aktuellen Status seiner Ehe. Und auch andere Figuren tauchen auf, nehmen die Lesenden mit in ihre Gedankenwelt. Damit beginnt das Experiment, denn: „Shanghai Story“ ist rückwärts erzählt. Man wird nie erfahren, was aus Juli Mins Figuren wird. Aber kleiner, enttäuschender Spoiler: Man erfährt größtenteils auch nicht, worin die Wurzeln ihrer Gedanken, ihrer Lebenssituationen sind. Denn nur wenig ist miteinander verwoben.
Eigentlich enttäuschend, sollte man meinen. Viele Nebenfiguren, die in den Geschichten auftauchen, sind gut gezeichnet, man möchte mehr über sie erfahren, aber nein, um sie soll und wird es nur am Rande gehen. Und auch die vielen Erlebnisse der Familie Yang sind größtenteils nur kleine Spotlights, die einmal aufglühen und danach nicht mehr thematisiert werden. Viel Potenzial verschenkt, „Shanghai Story“ hätte zu einem epochalen Werk werden können.
Aber: Die Geschichten sind schon gut. Liest man sie für sich und macht sich keine Hoffnung, dass Plots wieder aufgegriffen werden, sind es wirklich starke, spannende Episoden rund um das Leben der Familie und der Personen, die ihnen nahestehen. Besonders berührend die über das Kindermädchen der Familie, fast schon herzzerreißend die Begegnungen und Abschiede rund um ihr vormals betreutes Kind.
Kritzelt man also dieses Wort „Roman“ vom Cover, ändert den Titel minimal auf „Shanghai Stories“, dann ist Juli Mins Debüt wirklich richtig gelungen. So bleibt ein fader Beigeschmack, dass mehr möglich gewesen wäre. Schon schade. Aber lesenswert allemal.
Kunterbunte Kniffelei
tiptoi® Meine Lern-Spiel-Welt - Logisches Denken von Annette Neubauer
Vorschulbücher sind ja eigentlich eine schöne Sache: voller Rätsel und Spiele. Nur leider meistens nach einem Rutsch Geschichte. Alles vollgekritzelt und gelöst. tiptoi ist da schon eine cleverere Wahl – die Spiele lassen sich immer wieder spielen oder bieten häufig neu zusammengewürfelte Fragestellungen.
Die Neuauflage „Logisches Denken“ mit Theo Tiger macht das auf eine ganz bezaubernde Weise.
Kinder ab 4 Jahren – Ravensburger nennt als Empfehlung 4 bis 6 Jahre, aber es macht sicher auch älteren Kindern und sogar Erwachsenen Freude – begleiten Theo rund um die Welt. Im Meer, am Strand, aber auch in den Bergen, in einem Schloss und sogar auf einem Jahrmarkt geht es kunterbunt zu. Die Hauptgeschichte ist zwar nicht allzu ausgefeilt, die Spiele dafür umso mehr.
Auf jeder Doppelseite gibt es drei Rätsel (Ausnahme: Im Schloss gibt es nur zwei, dafür aber komplexere.). Mal müssen Paare gefunden werden, mal werden Summen verglichen, Töne erzeugt, Labyrinthe bewältigt, Sudokus gelöst. Das ist wirklich vielseitig und sorgt schon einmal dafür, dass allein auf einer Doppelseite mehr als 30 Minuten mit dem tiptoi Stift verbracht werden.
Auch zwei Lieder dürfen nicht fehlen. In unserer Theorie sind diese besonders dafür da, dass die Elternteile Ohrwürmer fürs Leben haben – Grüße gehen raus an den Cowboy Joe. Abgerundet wird dieses sehr gelungene Buch durch die wie immer in den tiptoi Büchern schönen Illustrationen. Im Vergleich zu den Wimmelbüchern sind diese vielleicht etwas weniger detailliert, aber auch das hat seinen Sinn, sollen sie bei Suchspielen doch nicht ablenken.
Für wen ist das tiptoi Buch „Meine Lern-Spiel-Welt Logisches Denken“ am besten geeignet? Vermutlich für Kinder zwischen letztem Kindergarten- und erstem Schuljahr. Die Spiele haben unterschiedliche Ausprägungen und Schwierigkeitsgrade – wenn’s bei einem hakt, wird ein anders souverän bewältigt und irgendwann klappt eh alles. Und nach der Bettzeit? Sitzen die Eltern mit Zunge zwischen den Zähnen und Stift in der Hand und hoffen auf das Erfolgsglöckchen.
Flugabenteuer mit leichten Turbulenzen
Earhart von Torben Kuhlmann
Vielleicht ist es wichtig: „Earhart“ ist unser erstes Mausabenteuer. Der Stil daher erst einmal ein bisschen ungewohnt. Kurze Kapitel mit einer halben Seite wechseln sich mit Abschnitten über zwei, drei Seiten ab. Manches passiert Comic-artig mit großen, schönen Bildern ohne Text zwischendurch.
Eine Art des Erzählens, an die man sich erst einmal gewöhnen muss. Als Vorlesender und Zuhörende. Ist man dann mal drin, macht es größtenteils Spaß.
„Earhart“ erzählt aus den Augen einer kleinen Wühlmaus die Geschichte der Pilotin Amelia Earhart nach. Die kleine Maus entdeckt eine Briefmarke und so, dass die Welt größer ist als der rechteckige Heimatgarten. Und sie macht sich auf Entdeckungsreise, baut sich ein Flugzeug, umrundet die Welt und …
Wer die Geschichte von Amelia Earhart kennt, der weiß, dass sie mit allerlei Widerständen zu kämpfen hatte. Pilotinnen gab es zu ihrer Zeit nicht viele, das Fliegen war wie vieles eine Männerdomäne und Pionierinnen wie Earhart wurden kritisch beäugt, verspottet und angefeindet. So wie die kleine Wühlmaus es erlebt als ihre Wühlmauskamerad:innen von ihren Flugplänen erfahren. Und dennoch hat sich Earhart durchgesetzt und mit einem Flugzeug die Welt fast umrundet bis sie auf mysteriöse Weise kurz vor dem Ziel verschwand. Ist sie abgestürzt? Hat sie sich versteckt? Bis heute ungeklärt, das Flugzeug wurde nie gefunden. Und auch das Buch von Torben Kuhlmann endet mit einem gewissen Interpretationsspielraum.
Es ist schön, dass eine Biografie wie die von Amelia Earhart auf eine solch erzählerische Weise für Kinder aufbereitet wird. Das Buch hat zwar ein paar Längen, gerade in der ersten Hälfte, und der Stil ist ein bisschen anders als der anderer Kinderbücher, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, entwickelt sich ein schönes Abenteuer über das Ausbrechen aus Konventionen und die Entdeckung der Welt. Die Reise selbst nimmt zwar wenig (Text-)Platz ein, aber mit schönen Bildern bietet sie den Vorlesenden Spielraum, die Geschichte selbst auszuschmücken.
Aber was ist das Wichtigste? Genau, die Meinung des Kindes. Und das fragte: Gibt’s noch mehr Bücher davon? Holen wir uns die auch? Es hat also gefallen. Auf ins nächste Mausabenteuer!
500 Seiten sind 250 zu viel
Intermezzo von Sally Rooney
Sally Rooney hat ein erwachsenes Buch geschrieben, heißt es. Und ja, es stimmt, größtenteils. Zwei der Hauptfiguren sind zwar immer noch im Alter vergangener Rooney-Romane, drei andere aber Mid-30s. Im Alter der Autorin also. Und das Hauptthema neben Trauer ist eben die Liebe mit Altersunterschied.
Klingt eigentlich vielversprechend. Ist aber leider, zumindest in der ersten Hälfte des Buchs, furchtbar zäh.
Kann man natürlich auch positiv betrachten. Rooney nimmt sich Zeit, ihre Figuren vorzustellen. Ivan und Peter, zwei Brüder, gut zehn Jahre Altersunterschied. Der Ältere ist Jurist, der Jüngere Noch-Student und Schachspieler. Und beide trauern auf ihre Weise um den jüngst an Krebs verstorbenen Vater. Bei einem Schachturnier lernt Ivan die 36-jährige Margaret kennen und trotz des Altersunterschieds funkt es zwischen dem jungen Mann und der in Scheidung lebenden Frau. Peter findet das kritisch, obwohl er selbst eine Freundin in Ivans Alter hat, was zu einem weiteren Streit zwischen den Brüdern führt. Und dann ist da noch Sylvia, Peters frühere Beziehung, die nach einem Autounfall zerbrach und sich in Freundschaft auflöste, auf ihren Wunsch.
Nur: Sie nimmt sich zu viel Zeit. In kurzen Sätzen, mit vielen Dialogen ohne wörtliche Rede, eigentlich kein Problem für meinen Lesefluss, hier eher anstrengend. Peter und Ivan lamentieren, schweigen, schmeißen ihr Kopfkino an oder kotzen sich aus. Die Nebenfiguren performen dabei höchst unterschiedlich: Margaret bleibt trotz eigener Hintergrundgeschichte (Ex-Mann ist Alkoholiker, die Beziehung zu ihrer Mutter ist gestört) und ihrer Bedeutung für Ivan erschreckend blass. Sylvia ist eine interessante Figur, doch erfährt man relativ wenig über ihr Leben und den Autounfall, der eben jenes auf den Kopf gestellt hat. Am spannendsten ist dann doch die eher im typischen Alter einer Rooney-Figur gezeichnete Naomi, Studentin, Drogendealerin und, vermutlich, Onlyfans-Model. Mit ihrer kühlen Art, Peter zu betrachten, ihr Spiel zu spielen, dabei aber auch souverän mit Sylvia und Ivan umzugehen, ist sie trotz ihrer Probleme die einzige irgendwie positive Figur in Intermezzo.
Ich bin kein ganz schneller Leser, manchmal fliege ich in zwei, drei, vier Tagen durch ein Buch, manchmal dauert es eine Woche – bei Intermezzo waren es mehr als drei. Die meisten Tage gingen für die erste Hälfte des Buchs drauf, ich kam so gar nicht rein, war oft nach wenigen Zeilen wieder genervt von Peter, aber auch von Ivan, ihrer Lethargie, ihrer Unfähigkeit miteinander zu sprechen, ihrer Art übereinander zu sprechen. Muss man ihnen vielleicht auch nicht zum Vorwurf machen, jeder Mensch trauert anders. Vor allem wenn Machtmenschen wie Peter nicht nur um den Vater, sondern auch um die frühere Beziehung und das Verhältnis zum Bruder trauern, ja, vielleicht auch um das leichte Leben der Jugend- und Studentenzeit. Trauer ist vielschichtig und das aufzuzeigen, ist eine Stärke von Rooneys Roman.
Und tatsächlich, irgendwann, so nach der Hälfte der 500 Seiten, wenn genau das konkreter wird, die Geschichte ins Elternhaus von Peter und Ivan verlagert wird und die beiden ungleichen Brüder aktiv(er) werden, beginnt auch die Geschichte Fahrt aufzunehmen, der Lesefluss wird direkt schneller und Intermezzo wird zu einem, ja, doch recht guten Buch. Wären die ersten 250 Seiten nicht gewesen, wäre es vielleicht sogar ein sehr gutes.











