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Rezensionen von clematis:

Seifensieden

Der Ruf des Horizonts von Jaane Janssen

Während Lian wieder einmal auf Walfang ist, versucht seine Frau Sventje auf der Ostfrieseninsel Borkum, sich und ihre Kinder mit Seifensieden und Kräuteranbau über die Runden zu bringen. Aber obwohl der Glaube an Hexen und Teufelszeug im Jahre 1870 eigentlich schon überholt sein sollte, finden sich missgünstige Nachbarn, die darin Frevel und Gotteslästerei sehen und gegen Sventje hetzen.

Zu allem Unheil bricht auch noch ein Krieg aus und ein Geheimnis rund um den Gutsherrn Valentin von Halversberg drängt ans Licht.

Ein wunderbares Wiedersehen mit liebgewonnen Figuren auf Borkum beschert uns Jaane Janssen mit diesem zweiten Teil der Ostfriesland-Saga. Leider das Leben seit damals nicht einfacher geworden, immer noch sorgen viele Frauen allein für ihre Kinder, während die Männer gen Grönland reisen, um Wale zu erlegen und Tran auszukochen, was eine der wenigen Einkommensquellen hier darstellt. Mit viel Geschick verbindet die Autorin eine fiktive, aber durchaus realistische Handlung mit der Geschichte Borkums, die sie genauestens recherchiert hat und somit ein überaus glaubwürdiges Abbild der damaligen Zeit zu erschaffen vermag. Armut und Not, die Angst um den Ehemann herrschen auf der Insel, Einsamkeit und Sehnsucht nach Daheim am Meer. Die Liebe zwischen Sventje und Lian hält beide aufrecht, auch wenn sie so oft voneinander getrennt sind und allein mit ihren Schicksalsschlägen zurechtkommen müssen. Und immer wieder taucht Valentin auf, dessen Rolle erst noch geklärt werden muss.

Gebannt verfolgt man Kapitel um Kapitel, die durch stete Perspektivwechsel abwechslungsreich gestaltet sind und höchst lebendig den Alltag auf der Insel, auf hoher See oder am Gutshof beschreiben. Durch Janssens ruhige und einfühlsame Erzählweise hat man nicht nur eindrucksvolle Bilder vor Augen, sondern verspürt auch eine ganze Fülle an Emotionen, welche Sventje, Lian, Valentin oder die Kinder beuteln, denn da geht es von echter Freude über einfache, aber von Herzen kommende Geburtstagsgeschenke bis hin zu blanker Angst während der Plünderungen oder der Jagd auf eine vermeintliche Hexe. Flott vergeht die Zeit mit großartigen Figuren, mit denen man so richtig mitfiebern kann, kaum ist eine Herausforderung bewältigt, wartet schon die nächste Aufregung um die Ecke. Selbst wenn die Zukunft von Sventje und Lian nicht auf Borkum liegen sollte, so würde ich mich gerne mit ihnen auf die Reise zum Ende des Horizonts begeben.

Der Ruf des Horizonts – eine wunderbare Fortsetzung nach „Die Spur der Sehnsucht“ und hoffentlich nicht das Ende einer lebendigen und abwechslungsreichen Saga, deren historische Grundlagen bestens recherchiert sind. Mir sind alle – vielleicht mit Ausnahme des nicht immer perfekt verständlichen, da meist im Friesischen daherbrummelnden Baders – schon sehr ans Herz gewachsen, weshalb ich mich sehr über einen weiteren Band freuen würde. Leseempfehlung!

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Frauen auf der Flucht

Killer Potential von Hannah Deitch

Mit Nachhilfe verdient Evie Gordon ihr Geld. Als sie zu ihrem nächsten Einsatzort, einer reichen Familie in Beverly Hills kommt, wird sie regelrecht aus der Bahn geworfen, denn der Vater liegt ertrunken im Teich, die Mutter erschlagen im Garten. Ein heiserer Schrei aus dem Raum unter der Treppe führt zu einer Gefesselten jungen Frau.

Während Evie diese befreit, taucht die Tochter der Familie - die Nachhilfeschülerin selbst - auf und bekommt in der surrealen Situation eine schwere Vase auf den Kopf, geworfen von Evie in deren Panik. Als vermeintliche Täterin flieht Evie mit der Unbekannten vor der Polizei.

Was zwar aberwitzig, aber durchaus spannend klingt, entpuppt sich schnell als langatmiger Roadtrip zweier einander völlig fremden Frauen. Mit ausschweifenden Kindheits- und Jugenderinnerungen gespickt, geht es quer durch Amerika, schlagen die Beiden den Verfolgern stets ein Schnippchen. Nach wenigen Tagen kommen sich die Frauen nun auch noch körperlich näher, wodurch die Handlung immer weiter von einem fesselnden Thriller abdriftet. Die kurzen Kapitel lesen sich vom Schreibstil her locker und flott, die Handlung selbst bleibt jedoch deutlich hinter den Erwartungen zurück, auch die Auflösung der Morde an Mr. und Mrs. Victor kann am Ende den bisherigen eher schwachen Eindruck über das Buch nicht mehr aufwiegen.

Ein Thriller, der mit wenig Blutvergießen auskommt, dafür zwei raffinierte Frauen in den Mittelpunkt rückt. Wenn man offen und ohne bestimmte Erwartungen an dieses Buch herangeht, wird man auch mit der ungewöhnlichen Geschichte selbst unterhaltsame Stunden genießen können.

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Die Unehrliche

Das Pestmädchen von Silvia Stolzenburg

Lina wird als Tochter einer Hure geboren, landet im Waisenhaus und ist somit eine Unehrliche. Bereits im Kindesalter wird sie im Heilig-Geist-Spital als Helferin und Pflegerin aufgenommen, aber die junge gottesfürchtige Magd hat Neider, die sie in eine lebensbedrohliche Situation bringen.

Bildreich und lebendig gestaltet Silvia Stolzenburg das Leben in Augsburg um das Jahr 1462.

Die einzelnen Berufsgruppen, die Standesunterschiede, die Ehrlichen und die Unehrlichen, werden bestens dargestellt, der Gestank im Siechenhaus, der Trubel in den schmutzigen Gassen und das einfältige Gehabe in Ratsherrenkreisen sind großartig getroffen. Auch wenn die Ereignisse aus dem Klappentext erst spät eintreffen, so ist die Handlung durchwegs aufregend und fesselnd, sind die Szenen bestens recherchiert und stets authentisch. Die Autorin schafft es wie immer, historisch Belegtes mit einer romanhaften Geschichte zu verweben, sodass ein gelungenes Ganzes für bestes Lesevergnügen sorgt. Nicht nur Lina, auch alle anderen Figuren können den Leser berühren und unterschiedliche Emotionen auslösen, was ich besonders wichtig finde bei solch einem Buch.

Detailgetreu und bildhaft wird die Zeit der Pest, der Beutelschneider, der Bader und Wundärzte zum Leben erweckt, auch der Scharfrichter darf natürlich nicht fehlen. Gottesfürchtigkeit und Aberglaube liegen nahe beieinander, die medizinischen Kenntnisse sind atemberaubend in vielerlei Hinsicht. Spannende 500 Seiten lassen die Zeit mit Lina viel zu rasch vergehen und zu einem passenden Ende finden. Mir würde das so durchaus gefallen, aber die Fortsetzung reizt mich natürlich noch viel mehr.

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Kinderkurheim

Am Meer ist es schön von Barbara Leciejewski

Susi ist zu schmächtig, sagt der Amtsarzt, und empfiehlt für die Achtjährige einen Aufenthalt an der Nordsee. Die Familie hat Glück, denn die Krankenkasse bewilligt eine mehrwöchige Kur im Kinderheim „Haus Morgentau“. Gleichaltrige Spielgefährten, kräftigende Mahlzeiten und gesunde Luft am Meer locken zu einem unvergesslichen Sommer.

Unvergessen wird er bleiben, aber anders als erwartet.

Im Jahre 2018 wird Susanne ins Pflegeheim Abendrot gerufen, die Mutter liegt im Sterben. Zufällig oder schicksalhaft, wer weiß das schon, entspinnt sich ein Gespräch über den Sommer 1969, jenen Sommer, in dem die erste Mondlandung stattgefunden hat, jenen Sommer, den Susanne in St. Peter-Ording im Haus Morgentau verbracht hat. Während ihr damals niemand geglaubt hat, der Arzt alles als rege Phantasie eines einfallsreichen Kindes abgetan hat, hören ihr ihre Mutter und ihre Tochter nun gebannt zu, denn was sich an der Nordsee zugetragen hat, lässt die beiden, ebenso wie den Leser, sprachlos zurück. Extrem reduziert und trotzdem unglaublich, schildert Barbara Leciejeweski die unfassbaren Zustände, wie sie sich leider tatsächlich von der Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre zugetragen haben. Pädagogik, von der Nazizeit geprägt, mit lieblosen „Tanten“, die nichts außer blindem Gehorsam und der Einhaltung strenger Regeln erwarten, gibt hier den schroffen Ton an. Damit die Geschichte nicht nur trostlos daherkommt, erzählt Leciejewski auf einer zweiten Zeitebene, 2018, von der erwachsenen Susanne, die allerdings immer noch unter dieser Zeit leidet und gegen Alpträume kämpft. Jetzt aber ist der rechte Moment gekommen, um sich diesem Trauma zu stellen, der Familie die bleibenden Eindrücke von der schrecklichen Zeit im Kinderhaus zu berichten. Nach und nach kommen auch noch Susannes Geschwister dazu und ein herzlicher Austausch findet statt. Dass ein Verdrängen oft nicht weiterhilft, sondern ein Aufarbeiten notwendig ist, wird immer deutlicher. Den hoffnungsvollen Ausblick untermalt dann schlussendlich Udo Jürgens mit „Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf“, ein überaus passendes Lied, dessen Melodie noch in mir nachhallt zum schönen Ende, das die Autorin für Susanne gefunden hat.

Auch wenn Barbara Leciejewski den Alltag im Kinderkurheim nicht so drastisch und grausam beschreibt wie manch andere Autoren vor ihr und die Realität wohl noch viel schlimmer war, so trägt auch dieses Buch wesentlich dazu bei, dass das Thema „Kinderverschickung“ nicht in Vergessenheit gerät und die „schwarze Pädagogik“ hoffentlich nie wieder zur Anwendung kommt, um die grundsätzlich „bösen Kinder“ richtig zu „erziehen“. Gehört werden und ernst genommen werden – diesem Ziel für die Betroffenen rückt der bewegende Roman „Am Meer ist es schön“ ein Stückchen näher. Auch wenn ich mir am Anfang des Buches noch ein bisschen mehr an Emotionen gewünscht hätte, so ist es dennoch eine gelungene Geschichte, die ich gerne weiterempfehle.

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Der perfekte Moment

Das Versprechen eines Sommertags von Elena Sonnberg

Isabelle wird von ihren Eltern zur Feier deren Goldenen Hochzeit eingeladen. Trotz Ehekrise spielen Isabelle und Stefan noch das vermeintliche Traumpaar, um niemanden das Fest zu verderben oder ihre Kinder zu verstören. Als aber Isabelles Bruder mit seinem besten Freund Ben auf Mallorca auftaucht, geraten die Gefühle der unglücklichen Ehefrau durcheinander, denn fünfzehn Jahre zuvor hat sie mit Ben einen unvergesslichen Roadtrip erlebt.

Mit witzigen und humorvollen Momenten aus einem ganz normalen Familienalltag beginnt dieser schöne Sommerroman in Hamburg, bevor es auf die bekannte Urlaubsinsel geht, wo Isabelles Eltern ihren Lebensabend verbringen. Mit malerischen Landschaftseindrücken des ruhigen Ortes Portocolom im Osten oder des Bergdorfes Fortnalutx im Nordwesten fühlt man sich sofort fern der Heimat und doch daheim bei den sympathischen Figuren des Romans. Ohne große Aufregung erzählt Elena Sonnberg aus dem Alltag einer Familie, beleuchtet das Hamsterrad, in dem wir uns nur allzu leicht verlieren und weist hin auf den rechten Moment, den wir nicht verpassen sollten, um unsere Wünsche und Träume in die Tat umzusetzen. Keineswegs handelt es sich aber hier um einen besserwisserischen Ratgeber, vielmehr fließen diese Gedanken ganz selbstverständlich ins Geschehen mit ein und lassen wunderbare Stunden für den Leser entstehen.

Der bildhafte, stets flüssige Schreibstil unterhält bestens, die Atmosphäre ist perfekt eingefangen, die Handlung kommt ohne einen speziellen Bösewicht aus, kurzum, ein gelungener Sommerroman, der für beste Stimmung sorgt.

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Edler

Winterling von André Hülsbömer

Zwanzig Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg herrschen im oberhessischen Dauernheim immer noch Not und Elend. Nach Brandschatzungen, Pest und Typhus gelingt es den Leibeigenen kaum, über den nächsten Winter zu kommen, wer alt und schwach ist oder noch ein kleines Kind, wird zuerst vom Tod geholt.

Als der Landgraf die Steuern abermals erhöht, zürnt Bauer Edler dem Ortsvorsteher Dieffenbach und will sich endlich zur Wehr setzen.

In wunderbarer Weise, versehen mit längst vergessenen Wörtern, wie sie um 1670 jedoch üblich waren, erzählt André Hülsbömer die Geschichte des Johann Henrich Edler. Ruhig und besonnen, wie es auch zur Hauptfigur passt, schreitet das Geschehen gemächlich voran. Mit bildhaften Beschreibungen und lebensechten Szenen versetzt der Autor seine Leser in eine völlig andere Zeit, lässt den beschwerlichen Alltag von damals spürbar werden. Mit sorgfältig recherchierten Details und wahren Begebenheiten wird dieser fiktive Roman bestens verquickt, sodass ein authentisches Ganzes entstehen kann. Inhaltlich geht es um einen umsichtigen und vorausschauend agierenden Bauern, Jannis Edler, und den Ortsvorsteher Dieffenbach, der sich gerne einmal einen Vorteil verschafft. Wie lange soll man sich vom Schultheiß und vom Landgrafen knechten lassen? Während der Schwiegervater zur Ruhe gemahnt, ersinnt Jannis einen Plan, dem aber noch sein ältester Sohn zuvorkommt. Mit durchaus anschaulichen Einzelheiten, aber keineswegs langweilig, begleiten wir das Leben im Dorf, die Landwirtschaft, das Handwerk, die Hausarbeit, erleben hartes Tun und karge Mahlzeiten, junge Mädchen, die mit fünfzehn schon verheiratet werden und Burschen, die auf Wanderschaft geschickt werden, weil am elterlichen Hof kein weiteres Maul gestopft werden kann. Düster, wie der Tag, an dem diese Geschichte beginnt, aber auch hoffnungsvoll, wie sie endet, erstreckt sich so ein Lebensweg im 17. Jahrhundert über die Jahre.

Ein überaus interessanter Roman, welcher durch seine eindringliche Erzählweise und die vielen Informationen vorab und hinterher punktet. Leseempfehlung für all jene, die auf historische Genauigkeit Wert legen.

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Ich erwarte ...

Vorsehung von Liane Moriarty

Auf dem Flug Hobart – Sydney gibt es außer einer unglücklichen Startverzögerung keine besonderen Vorkommnisse, oder doch? Kurz vor dem Ziel rührt sich eine alte unscheinbare Dame, die bisher niemandem aufgefallen ist, erhebt sich von ihrem Gangsitz 4D und schreitet gemächlich die Reihen ab, um jedem einzelnen Passagier etwas über sein Lebensende zu prophezeien.

Ich erwarte … mit Todesursache und Alter. Was das auslöst, Entsetzen, Verärgerung, Angst, neue Sichtweisen oder gar Zufriedenheit,… das schildert Liane Moriarty in diesem Buch.

Eine fesselnde Leseprobe mit kühlen, präzisen Beobachtungen weckt nach dem wunderschönen Titelbild Neugierde auf mehr. Und die ersten hundert Seiten sind tatsächlich interessant. Einzelne Fluggäste werden herausgegriffen und genauer beobachtet, sodass man ein Bild bekommt von den unterschiedlichen Menschen an Bord. Als die Vorhersagen beginnen, reagieren die meisten Leute verstört, überlegen, ob es sich um eine Wahrsagerin oder eher um eine Verrückte handelt, manche verpassen die Ankündigung aufgrund von Kopfhörern auf ihren Ohren. Als Leser ist man nun natürlich gespannt, wie die Handlung weitergeführt wird und hat wahrscheinlich hohe Erwartungen an aufregende vierhundert verbleibende Seiten. Leider ist dem – aus meiner Sicht – nicht so. Nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug dürfen wir einige Passagiere in den kommenden Jahren begleiten und fieberhaft darauf warten, was passiert. Treffen die Erwartungen der alten Dame ein oder verliert sich das Ganze und gerät in Vergessenheit? Nun, fiebrig wird es leider nicht, die einzelnen Handlungsstränge verlaufen jeder für sich, die Leute aus dem Flugzeug sind einander ja fremd und leben jeder ein eigenes Leben, wobei es da und dort dann doch Berührungspunkte gibt. Die voneinander unabhängigen Geschichten sind eher belanglose Aneinanderreihungen von einzelnen Szenen, die extrem ausschweifend erzählt werden, bis hin zu den Schuhen der Schwiegermutter einer Cousine oder dem Cholesterinspiegel irgendeiner Freundin (sinngemäß), wobei diese Details weder besonders interessant sind, noch irgendeine Basis für die Handlung darstellen. Eine Handlung im engeren Sinne gibt es auch nicht, eher eine Betrachtung und Philosophie über die Reaktionen einzelner Betroffener auf ihre Vorhersage. Zwischen diesen perlschnurartig aufgereihten Momentaufnahmen blitzt immer wieder eine Stimme aus dem Off auf und erzählt aus ihrem Leben. Möglicherweise soll somit eine Erklärung für die Prophezeiungen geschaffen werden, mir helfen diese Informationen aus längst vergangenen Tagen allerdings nicht wirklich weiter. Sowohl diese Ich-Abschnitte als auch die Lebenswege der Passagiere lösen leider keine Emotionen bei mir aus, sämtliche Figuren sind eher marionettenhaft, es fehlt irgendwie an Lebendigkeit. Auch vom Ende, von der „Auflösung“ der unerwarteten Situation an Bord des Flugzeuges nach Sydney, habe ich mir mehr erwartet, in dieser Form war die Erklärung eher ernüchternd.

Was tust du, wenn du jetzt erfährst, dass du (beispielsweise) im vierundfünfzigsten Lebensjahr an Krebs sterben wirst? Wirst du dein Schicksal annehmen? Wirst du dagegen kämpfen? Wirst du dein Leben auf den Kopf stellen und abändern oder wirst du wie gewohnt deine Tage verbringen? Liane Moriarty stellt philosophische Fragen im Rahmen eines Romanes und stellt Verbindungen her im Universum und Abhängigkeiten einzelner Individuen von anderen. Die Idee hat mich begeistert, der Beginn des Buches ebenso, leider konnte ich dann mit der konkreten Umsetzung in den folgenden vier Fünfteln nicht mehr viel anfangen. Ich bin wohl mit gänzlich anderen (falschen?) Erwartungen an die „Vorsehung“ herangegangen. Das heißt allerdings nicht, dass das Buch grundsätzlich schlecht ist! Andere Lesermeinungen zeichnen ein ganz anderes Bild, sodass es sich gewiss lohnt, sich eine eigene Meinung zu bilden.

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Mördersuche

The Island - Auf der Flucht von Nicola Martin

Hals über Kopf verläßt Hotelmanagerin Lola Hongkong, um in der Karibik neu anzufangen. Ihr Ex-Chef und Kollege Moxham macht´s möglich. Doch nur kurz nach Lolas Ankunft ist Moxham tot - ein Unfall oder Mord? Lola geht auf die Suche nach der Wahrheit und gerät in einen Sturm von Intrigen auf der kleinen Privatinsel.

Was mit großen Erwartungen aufgrund der Leseprobe beginnt, hält dann leider im Laufe der Geschichte nicht ganz, die Figuren werden nicht so plastisch präsentiert, wie ich mir das vorgestellt hätte, die Gründe für Lolas Flucht in die Karibik sind anfangs unklar. Aber selbstverständlich kann nicht gleich alles offengelegt werden. In die kleine Welt der Reichen auf einer abgeschiedenen Insel kann man sich hingegen gut hineinversetzen, jeder noch so unmögliche Wunsch wird wirklich möglich, kein Gast wird enttäuscht. Und dann wird auch noch alles selbst im kleinen Kreise geregelt, hier braucht man keine Polizei und keine Sanitäter, allerdings kann man sich auch auf niemanden verlassen, weshalb Lola allein auf die Suche geht nach Moxhams Mörder, denn, dass es sich um Mord handelt, davon ist die Managerin überzeugt.

Ein flott zu lesender Thriller, der auf weiten Strecken nicht die notwendige Spannung hält, aber durchaus interessante Einblicke gewährt in die karibische Inselwelt von Reich und Mächtig, Intrigen und Geheimnissen.

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Fünf Tage

Aschesommer von Benjamin Cors

Schon bald nach ihrem ersten Fall (Krähentage) in der Sonderermittlungsgruppe 4 stehen dem leitenden Team Jakob Krogh und Mila Weiss eiskalte Momente bevor, und das trotz brütender Sommerhitze: in einem unterirdischen Kühlhaus hängen zwei Leichen.
Fünf Tage höchster Konzentration halten nicht nur alle im Team, sondern auch den Leser in Atem, denn diese Todesserie hat es in sich.

Der Verdächtige, auf den alles hinweist, sitzt seit Jahren in einer psychiatrischen Anstalt, aber wer lässt dann die Menschen der Reihe nach sterben? Bald ist klar, dass ein Muster vorliegt, dennoch scheint es fast unmöglich, dem Täter näher zu kommen, geschweige denn, ihm einen Schritt voraus zu sein. Die Zeit steht nicht still, das bereits begonnene Sterben ebenso wenig.

Flott im Schreibstil, raffiniert in der Ausführung, so fesselt Benjamin Cors seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite dieses Thrillers. Beim Motiv und der Planung der einzelnen Morde bleiben keine Fragen offen, auch die Ermittlungen bleiben stets spannend, da immer wieder auch sehr persönliche Details zur Sprache kommen. Optimalerweise liest man die „Krähentage“ vorab, aber auch für sich allein bietet dieses Buch beste Unterhaltung und liefert alle notwendigen Informationen, um die höchst lebendig dargestellten Figuren zu verstehen.

Ein kleines Team mit höchst unterschiedlichen Spezialisten arbeitet auf Hochtouren, durch den wissenschaftlichen Hintergrund heben sich die Ermittlungen bestens von anderen Kriminalfällen ab. Auch Aschesommer hat mich rundum überzeugt, auf alle Fälle bin ich beim nächsten Mal wieder mit dabei. Leseempfehlung!

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Schatten der Vergangenheit

Zypressensommer von Teresa Simon

Julia mit ihren knapp dreißig Jahren lebt friedlich in Hamburg, teilt sich mit einer lieben Freundin einen Laden, in dem sie ihre Goldschmiedekunst herstellt und verkauft. Als ihr warmherziger Großvater stirbt, muss sie sich seinem Vermächtnis entsprechend nach Italien begeben, nach Lucignano in der Toskana, und erkennen, dass die Vergangenheit ihre Schatten wirft.

Hinter dem sanftgrünen Titelbild geht es sogleich mitten ins Geschehen mit einem italienischen Volkslied und wehmütigen Erinnerungen, während die wilden Verräter aus den Reihen der italienischen Armee von den Deutschen erniedrigt und als Zwangsarbeiter (offiziell Militärinternierte) wie Vieh in den Norden verfrachtet werden. Hier beginnt die bedrückende Geschichte des einst stolzen Olivenbauern Gianni, der die letzten Kriegsjahre unter widrigsten Umständen in einer Hamburger Fischräucherei durchstehen muss. Wahre Begebenheiten, historisch belegte Szenen wie das Massaker von Civitella oder Details über die Resistenza und ihre Stafetten fließen nach realen Vorbildern und ausgezeichneter Recherche in diese wunderschöne Geschichte mit ein, sodass diese grausame Zeit nicht in Vergessenheit gerät und an die vielen mutigen Menschen erinnert wird. Damit allerdings kein schwermütiger Band über die 1940er-Jahre in den Buchhandlungen landet, hat Teresa Simon ganz bewusst mit Enkelin Julia einen Kontrapunkt gesetzt, sodass der Leser die junge Frau begleiten darf in die malerische Welt der Toskana mit ihren vielfältigen Gerüchen und Geschmäckern. Helle Vogelstimmen erwecken den Tag zum Leben, grünlichgoldenes Olivenöl aromatisiert das knusprig gebackene Brot, das frische Wasser des Lago Trasimeno lässt die Hitze des Sommers erträglich werden. Darüber hinaus wird die leidenschaftliche Lebensweise des Südens mit jeder Zeile aufs Neue spürbar, man kann sich wegträumen an einen Ort der Sehnsucht, der schmetterlingshafte Gefühle weckt. Durch Julias Nachforschungen und Tagebuchaufzeichnungen werden die beiden Handlungsstränge auf geschickte Art und Weise verknüpft, sodass eine abwechslungsreiche und überaus ansprechende Erzählung entsteht, deren Sog einen bis weit in die Nachtstunden hinein gefangen nimmt.

Ich freue mich sehr, dass dieser bewegende Roman seinen Weg zu mir gefunden hat und ich diese Reise voll widerstreitender Emotionen miterleben durfte. Fünf Sterne und eine Leseempfehlung!

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