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Rezensionen von clematis:

Deutschenmädchen

Die verlorenen Kinder vom Fjord von Helen Parusel

Während des Zweiten Weltkriegs wird auch das norwegische Narvik von Deutschen besetzt, und – obwohl es natürlich verboten ist – kommt Laila dem sympathischen Josef näher und verliebt sich in ihn. Er sieht großzügig weg, wenn sie im Widerstand aktiv ist, verliebt sich umgekehrt in Laila. Bald nach seiner Versetzung an die Ostfront stellt Laila fest, dass sie schwanger ist.

Von ihrer Familie als Deutschenmädchen geächtet, sucht die junge Frau Hilfe in einem Heim für ledige Mütter und kommt dabei grausamen Machenschaften auf die Spur.

„Die verlorenen Kinder vom Fjord“ gliedert sich in drei große Abschnitte und besticht durch Realitätsnähe und Lebendigkeit, Helen Parusel gelingt es mit Leichtigkeit, die Gefühle und Gedanken ihrer Figuren in Worte zu fassen und dem Leser näher zu bringen. Die Bedrohung durch die deutschen Soldaten, welche anfangs nur durch die Straßen patrouillieren, später Widerstandskämpfer und Juden festnehmen, ist spürbar, die angespannte Stimmung im Lebensborn-Heim greifbar, wer sich nicht anpasst, hat schon verloren. Historische Fakten hat die Autorin bestens recherchiert und großartig in einen bewegenden Roman verpackt. Auch wenn man das Thema Lebensborn schon kennt, ist es doch immer wieder unfassbar, wie die Lehre der nationalsozialistische Rassenhygiene hier dazu gedient hat, die Geburtenrate an „guten arischen“ Kindern zu steigern.

Kurzweilig vom Anfang bis zum Ende schreibt Helen Parusel diesen Roman ebenso spannend wie einen Krimi, man kann das Buch kaum aus der Hand legen, um so schnell wie möglich zu erfahren, wie es Laila wohl ergehen wird als unverheiratete norwegische Frau, die das Kind eines Deutschen unter dem Herzen trägt. Eine berührende und fesselnde Geschichte, die ich gerne all jenen empfehle, die sich für Frauenschicksale im Krieg interessieren, lesenswert ist dieses Buch auf jeden Fall.

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Träume

Das Orangenblütenversprechen von Eva-Maria Bast

Magdalena hat sich gerade einen Traum verwirklicht, indem sie ein kleines Café in London eröffnet hat, da erreicht sie die Nachricht, dass sie ein altes Herrenhaus auf Mallorca geerbt hat. Völlig überrascht, weil sie die Insel nie zuvor besucht hat, schon gar nicht irgendjemanden dort kennt, reist Magdalena auf eine blühende Orangenplantage.

In regem Zeitenwechsel erzählt Eva-Maria Bast von Magdalena im Jahre 1978 und von Maria Lourdes Fuentes ab 1905. Maria muss befürchten, dass ihr Vater die Orangenplantage und damit ihre Heimat aufgeben wird, denn der Transport der köstlichen Früchte ist aufwendig und teuer. Eine Bahnlinie von Sóller nach Palma könnte Abhilfe schaffen, stößt aber bei einflussreichen Personen auf Widerstand. Nun ist es die mutige junge Maria, die um den Fortbestand der kleinen Orangenbauern kämpft, und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als wirtschaftspolitische Entscheidungen noch ausschließlich von Männern getroffen werden. Ob ihre Träume und Visionen aufgehen? Jahrzehnte später begibt sich Magdalena mit einem jungen Advokaten auf Spurensuche, will sie doch schnell herausfinden, was sie mit Orangen und einem Herrenhaus zu tun hat.

Beide Handlungsstränge gestalten sich als sehr interessant und zeigen uns prachtvolle Seiten der bekannten Baleareninsel, abseits von Trubel und Tourismus. Duftende Orangenblüten, weitläufige Olivenhaine und ein wohlgehütetes Geheimnis verbergen sich hier und warten darauf, entdeckt zu werden. Da wie dort passieren aufregende Dinge, jedoch empfinde ich so manche Entwicklung als zu plötzlich und zu abrupt, wodurch die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein wenig leidet. Die Portraits von Magdalena und Maria und die verbindenden Puzzlestücke sind dennoch sehr gut gelungen, die malerische Kulisse sorgt für eine überaus angenehme Atmosphäre und etliche historisch belegte Details bieten zusätzlich noch wertvolle Informationen rund um Mallorca, die Eisenbahn und die Orangenbauern.

Mit dem Roman „Das Orangenblütenversprechen“ liefert Eva-Maria Bast ein weiteres vergnügliches Buch für entspannte Lesestunden, Sóller und Port de Sóller scheinen eine Reise wert zu sein.

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Viktoria - Agnes - Elisabeth

Morgen sind wir wild und frei von Stephanie Schuster

München und Oberammergau, 1909: Drei recht unterschiedliche junge Frauen, die Sekretärin Viktoria, die Architekturstudentin Agnes und die Schneiderin Elisabeth, treffen in den Alpen aufeinander und freunden sich an. Alle drei leiden auf ihre Art unter fehlenden Rechten für die Frauen und planen, ohne entsprechende finanzielle Mittel, einen Berghof zu ersteigern.

Im ersten Drittel des Romans stellt Stephanie Schuster einmal die drei Damen einzeln vor und geht auf deren schwierige Lebensumstände ein. Dann lässt sie sie einander kennenlernen und gemeinsame Pläne schmieden. Ein Sammelsurium an Themen, von ledigen Müttern über Schmuggelwaren bis hin zu den Passionsspielen, wird aufgegriffen und nach sorgfältiger Recherche zu einem bunten, unterhaltsamen Konglomerat zusammengefügt. Abwechselnde Blickwinkel bringen Kurzweil ins Geschehen, das Ende wird fast ein bisschen zu turbulent und büßt an Glaubwürdigkeit ein. Aber im Roman darf das schon sein, die historischen Tatsachen sind hier bestens eingefügt, sogar reale Persönlichkeiten von damals finden Erwähnung.

Abwechslungsreiche Szenen und vielfältige Themen lassen die gut 500 Seiten rasch dahinschmelzen, die Zeit mit Viktoria, Agnes und Elisabeth zeigt auf originelle Art und Weise, mit welchen Schwierigkeiten Frauen damals zu kämpfen hatten.

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Stahlskelett

Hier oben sind wir unendlich von Gemma Tizzard

1930: Ein gigantisches Stahlskelett erhebt sich über den Dächern New Yorks, das Empire State Building wächst mit hoher Geschwindigkeit Stockwerk für Stockwerk dem Himmel entgegen. Furchtlose Männer, oder solche, die schlicht und einfach ihre Familie ernähren müssen, betreten tagtäglich schmale Stahlträger und vollbringen ihr erstaunliches Werk in schwindelerregender Höhe.

Darunter Patrick O’Connell, der sich eines Tages so verletzt, dass er unmöglich am nächsten Morgen weiterarbeiten kann. Miete und Medikamente für die jüngere Schwester sind aber dennoch zu bezahlen, der Vater ist bereits beim Arbeiten an den Docks umgekommen, er also verantwortlich für die Mutter und die Geschwister. Ein irrwitziger Plan nimmt Gestalt an: Patricks Zwillingsschwester Grace, die bislang als Tänzerin aufgetreten ist, soll an seiner Stelle sechs Wochen lang als Stahlarbeiter das vierköpfige Team ergänzen. „Du könntest es machen.“ „Ich könnte deinen Platz einnehmen.“ [Patrick und Grace O’Connell, kindle, Pos. 882]

Auf überaus detaillierte und lebendige Weise erzählt Gemma Tizzard aus den 1930er-Jahren in New York, beschreibt die aus der Wirtschaftskrise resultierende Armut und Not der Bevölkerung. Auf engstem Raum wohnen kinderreiche Familien, für wenig Geld nimmt man jede auch noch so anstrengende Arbeit an, man lebt von einem Tag auf den anderen, hofft darauf, auch im nächsten Monat noch die hungrigen Mäuler stopfen zu können und das Geld für die schäbigen Zimmer aufzubringen. Grace und Patrick aus einer irischen Einwandererfamilie stehen neben den Italienern Francesco und Guiseppe Gagliardi im Mittelpunkt und lehren die Leser das Fürchten, denn es geht mit dem Aufzug hinauf in den 21. Stock, hinaus auf nackte Stahlträger, ein einziger falscher Schritt kann den Tod bedeuten. Auch mit festem Boden unter den Beinen fühlt man Schwindel in sich aufsteigen beim Lesen, hält den Atem an ob der komplizierten Arbeiten mit glühend heißen Nieten, jedem Wind und Wetter ausgesetzt. Einer muss sich auf den anderen verlassen können, diese Regel gilt ausnahmslos, nun ist es eine als Mann verkleidete Frau, die diese verantwortungsvolle Rolle ohne mit der Wimper zu zucken übernimmt, denn verlassen können muss sich auch die Familie, welche keinen anderen Ausweg sieht. Tanzschuhe im Austausch gegen Stahlkappen, Zirkuserfahrung gegen Höhenangst, das ist es, was Grace bieten kann und auf bewundernswerte Weise am Stahlskelett des Empire State Buildings unter Beweis stellt.

Großartig recherchiert, verknüpft Gemma Tizzard die Geschichte des damals höchsten Stahlkonstruktes der Welt mit einer einfühlsamen Erzählung über den Kampf ums nackte Überleben, über Mut, Freundschaft, Vertrauen und die Liebe. Ein phantastisches Buch, welches mir mitunter Gänsehaut beschert hat und das ich uneingeschränkt weiterempfehle.

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Mörderische Schatten

Welcome Home – Du liebst dein neues Zuhause. Hier bist du sicher. Oder? von Arno Strobel

Endlich fährt der Umzugswagen Richtung Spessart in die Neubausiedlung Auf Mons, Ines und Marco Winkler richten sich mit Töchterchen Emilia und Labradoodle James im neuen Heim ein und auch die Nachbarn scheinen fast alle sehr freundlich zu sein. Das Glücksgefühl ändert sich jedoch rasch, als Ines in der Nacht einen Schatten im Zimmer sieht und ein Licht im noch unbewohnten Nachbarhaus wahrgenommen haben will.

Leidet sie unter Alpträumen oder überbordender Phantasie? Wohl nicht, obwohl die Polizei Entwarnung gegeben hat, denn tags darauf entdeckt Marco eine tote Frau im Haus nebenan.

Eine unheimliche Stimmung liegt von Anfang an über dem Neubaugebiet, wo die Bewohner einen lockeren Umgang untereinander pflegen, insbesondere das Ehepaar Mannstein freundet sich überraschend schnell mit der Familie Winkler an. Der Mord ändert die Lage schlagartig, die Bewohner fühlen sich unsicher und richten eine eigene Bürgerwehr ein, da der Polizei einfach die nötigen Kapazitäten fehlen. Dennoch geht die Mordserie weiter, niemand kann sich erklären, wie das möglich ist. Mitten im Buch bin ich völlig verblüfft, Arno Strobel erwischt mich kalt mit den Szenen, die sich während der Nachtwache einiger entschlossener Bürger im Siedlungsgebiet abspielen. Ist die Handlung bisher schon packend, wird es nun noch ein wenig aufregender, die Nerven liegen blank, denn es geht jetzt wohl auch um die Zeit. Raffiniert führen Strobel und der Mörder alle an der Nase herum, am Ende gibt es eine so knappe wie logische Auflösung.

Nervenkitzel, wie man es von Arno Strobel gewohnt ist, Seiten, die nur so dahinfliegen und die Angst um die Familie als Ausgangsbasis für mitreißende Lesestunden. Ich sperre gleich alle Türen ab und lausche nach den geringsten Geräuschen!

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Komm heim oder Zwei kleine weiße Porzellanpferde

Die Verlorene von Miriam Georg

Änne ist 93, als sie wenige Tage nach einem Sturz verstirbt. Sie hinterlässt ein kleines weißes Porzellanpferd und ein Gemälde, das man ihr erst kürzlich geschickt hat und das sie selbst gar nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Neugierig, was das bedeuten soll, sind ihre Tochter Ellen und noch viel mehr ihre Enkelin Laura.

Eine Reise nach Schlesien, Ännes ursprüngliche Heimat, beantwortet zumindest einige Fragen, die bislang offen geblieben sind und über die Änne nie gesprochen hat.

Wundervoll aufgeteilt auf zwei Zeitebenen spielt dieser überwältigende Roman, der mich sofort in seinen Bann gezogen und kaum noch losgelassen hat, wobei sowohl die Gegenwart mit Laura und Ellen als auch die zurückliegenden Jahre - 1941 bis 1946 - jeweils auf ihre ganz eigene Art und Weise spannend sind und voller Emotionen stecken. Bildhafte Beschreibungen von Landschaft, Geräuschen und Gerüchen begleiten uns durch den Roman, sodass die Szenen ausgesprochen lebendig wirken, die Figuren sind detailgetreu und liebevoll dargestellt, man kann nicht anders, als sich mitten im Geschehen zu fühlen. Das Besondere an Miriam Georgs Schilderung ist die langsame Annäherung an die Wahrheit, nur Stück für Stück wird preisgegeben, oftmals wechseln die Perspektiven, wodurch die Sogwirkung nur noch weiter angefacht wird. Dennoch habe ich vergleichsweise langsam gelesen, um nur ja keine Einzelheit zu verpassen, um in die jeweilige Stimmung voll und ganz eintauchen zu können. Da sind einerseits zwei Frauen auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, andererseits eine Familie auf einem schlesischen Gutshof, mitten in Kriegszeiten, wobei die Kampfhandlungen selbst noch gar nicht hier angekommen sind. Die wenigen Szenen von der Front sind realistisch, aber doch so bedacht verfasst, dass kein seitenlanges brutales Gemetzel vorgeführt wird, der Rest schwingt zwischen den Zeilen mit und lässt diesen Roman zu einem besonders wertvollen Zeugnis der Geschichte werden. Besonders berührt natürlich der eine Soldat, der einen Zettel mit der russischen Aufforderung „Komm heim“ mit sich trägt. Aber auch sonst kann man sich problemlos in die einzelnen Figuren hineinversetzen, ihre Gefühle, ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnung immer wieder spüren.

Ein hervorragendes Buch, inspiriert vom Schicksal einzelner Familienmitglieder von Miriam Georg (wie man im Nachwort lesen kann) und wahrscheinlich genau deshalb so bewegend und einfühlsam erzählt. Die Verlorene wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, die Themen Heimatverlust und Identität sind bestens ins Geschehen eingeflochten. Unbedingte Leseempfehlung!

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Scheinbare Idylle

Schattengrünes Tal von Kristina Hauff

Das Hotel Zum alten Forsthaus im Nordschwarzwald ist idyllisch gelegen und zieht seit Jahrzehnten seine Stammgäste an, allerdings täte dem alten Kasten einmal eine Renovierung gut. Während Lisa dies erkennt, wehrt Claus, ihr Vater und Hotelbesitzer, jegliche Veränderung konsequent ab, er wartet auf seinen Sohn Felix, der einst übernehmen soll.

Als sich eine bedauernswert scheinende Fremde einquartiert, ändert sich so manches Schlag auf Schlag.

Bildgewaltig und elegant fließt dieser ansprechende Spannungsroman von Kristina Hauff dahin, bannt mich als Leser alsbald und lässt mich bis zur letzten Seite nicht mehr los. Sowohl die Landschaftsschilderungen als auch die Charaktere bestechen durch Lebendigkeit, die Atmosphäre im bisweilen dunklen Schwarzwald ist großartig eingefangen. Durch wechselnde Blickwinkel kommen verschiedene Figuren zu Wort, dass die undurchschaubare Fremde keine Stimme bekommt, unterstreicht noch deren Rätselhaftigkeit. Besonders raffiniert ist die Tatsache, dass manche Szene aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtet und dadurch doppelt erzählt wird. Wer meint, das könnte langweilig werden, der irrt gewaltig, denn Kristina Hauff erzählt dicht und präzise, wie wir es bereits gewohnt sind. Die Spannung ist unterschwellig stets vorhanden, die düstere und bedrohliche Stimmung allgegenwärtig. Besonders gut gefällt mir die Entwicklung der einzelnen Personen, die sich am Ende klar abzeichnet.

Wer ein packendes Leseerlebnis sucht und das Thema (familiäre) Beziehungen und Abhängigkeiten interessant findet, der ist im schattengrünen Tal goldrichtig!

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Der Tod ist tot

Tod bei den Salzburger Festspielen von Sophie Reyer

Aufregung herrscht vor der Premiere der Salzburger Festspiele im Jahre 1937, denn der Darsteller des Todes ist tot, kurzerhand ermordet vor einer Engelstatue. Nachdem auch die Zweitbesetzung dieser Rolle erstochen wird, steht nicht nur Kommissar Oscar Breitensee vor einem Rätsel, auch Max Reinhardt muss rasch handeln und einen neuen „Tod“ quasi aus dem Hut zaubern.

Dafür eignet sich niemand anderer besser als seine Ex-Frau Else Heims, die sich immer schon wie im Vorübergehen jeden Text leicht gemerkt hat.

Die Handlung dieses historischen Kriminalromans ist in Salzburg im Jahre 1937 angesiedelt, ein weiterer Erzählstrang, beginnend 1882 in Berlin, nähert sich diesem schrittweise an. Raffiniert verknüpft Sophie Reyer – deren Großvater Walther Reyer übrigens selbst mehrmals den Jedermann am Salzburger Domplatz gegeben hat – eine spannende Kriminalgeschichte mit realen Ausschnitten aus Else Heims Biografie, einer Frau, die schon früh aufgrund ihrer Begabung als Schauspielerin engagiert worden ist, aber nach der Trennung von Max Reinhardt wieder in die Bedeutungslosigkeit abgedriftet ist. Durch entsprechende Szenen in diesem Buch werden ihr Können und ihre Vorreiterrolle für Gleichberechtigung entsprechend gewürdigt.

Aber zurück zum Krimi: dieser besticht durch die einzigartige Atmosphäre bei den Salzburger Festspielen, dem alljährlichen Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Was veranlasst einen Mörder, gerade den Tod zu töten? Will vielleicht ein verschmähter Schauspieler Rache üben? Die Autorin deutet verschiedene Motive an und bringt auch die gesellschaftspolitische Stimmung, den immer spürbarer werdenden Antisemitismus aufs Tapet, dem sich sogar der hiesige Pfarrer nicht verschließt. Auf diese Weise zeichnet Reyer ein lesenswertes Sittenbild im Rahmen eines faszinierenden Kriminalromans und bietet wie nebenbei noch allerhand Hintergrundinformationen zu den mittlerweile mehr als 125 Jahre alten Schauspielaufführungen im Salzburger Land. Der eloquente Schreibstil ist nicht zuletzt für vergnügliche Lesestunden verantwortlich.

Tod bei den Salzburger Festspielen – eine gelungene Verquickung von Historie und Fantasie, welche beste Einblicke gewährt in die Gunst und Kunst der Theaterwelt. Lesenswert!

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Missverständnisse und Auswege

Gestern und Heute, Sammelband von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Gisela ist über achtzig, aber noch rüstig und munter mit dabei in ihrer Immobilienfirma. Als aber ihre Rückenschmerzen nicht mehr länger zu verleugnen sind und die moderne Technik mit undurchschaubaren Computerprogrammen ihr die Arbeit eher schwerer als leichter von der Hand gehen lässt, denkt sie über Veränderungen nach.

Eine Versöhnung mit Karin, eine Senioren-WG – allerlei Projekte spuken da in Giselas Kopf herum und bereiten den Weg für unterhaltsame Lesestunden, während der wir verzweigte Familienstrukturen kennenlernen dürfen und deutlich sehen können, wie die Vergangenheit unser jetziges Leben beeinflusst.

Kombiniert in diesem Sammelband geht die Geschichte Giselas nahtlos in jene von Elke und Johann über und bietet interessante Einblicke in zuweilen kompliziert anmutende Familienverhältnisse. Mütter und Stiefmütter, Ex-Freunde und neue Liebschaften, verstorbene Menschen und Enkelkinder, der Stammbaum samt Freunden ist weit verzweigt, stiftet manchmal auch Verwirrung, obwohl Brigitte Teufl-Heimhilcher ihre Figuren sehr deutlich charakterisiert. Einmal eingetaucht ins Geschehen, hat man dann aber bald das Gefühl, mittendrinnen zu sein in diesem Trubel, der besticht durch unterschiedliche Meinungen und Weltanschauungen, ja sogar jahrzehntelangen Zwist. Ist dieser berechtigt oder beruht er auf Missverständnissen? Gibt es Auswege in Richtung Versöhnung oder ignoriert man sich weiterhin gekonnt? Auf beeindruckende Weise verknüpft Brigitte Teufl-Heimhilcher immer wieder das Jetzt mit längst vergangenen Tagen, sodass Ursachen und Auslöser offenbar werden, welche das Heute nachhaltig beeinflussen. Was schlussendlich daraus entsteht, wenn Hausverwalter, Künstler und Geistliche aufeinandertreffen, schildert die Autorin mit leicht ironischem Unterton und einem gerüttelt Maß an Humor.

Ein angenehmer Lesefluss stellt sich aufgrund des flüssigen Schreibstils schnell ein, die Szenen sind direkt aus dem Alltag gegriffen und bieten somit immer wieder die Möglichkeit, sich mit einer Figur zu identifizieren. Auch wenn das Buch eher ruhig daherkommt, ohne große Aufregung, so besticht es doch durch die präzise gezeichneten Charaktere und das lösungsorientierte Zusammenfinden höchst unterschiedlicher Personen. Gesellschaftspolitische Themen werden unaufdringlich, quasi im Vorübergehen, eingestreut und passen somit perfekt in die Handlung.

Mir hat der Sammelband mit „Ach, Gisela“, „Ach, Elke“ und „Ach, Johann“ eine unterhaltsame Lesezeit beschert, jetzt bin ich neugierig auf die Reihe „Juttas Freundinnen“.

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Fehlende Seiten

Die Holunderschwestern von Teresa Simon

Fanny (Franziska) und Fritzi (Friederike), Zwillingsschwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dennoch wie Pech und Schwefel zusammenhalten, erleben nicht nur während der „zerrissenen Jahre“ (1918-1938) unruhige Zeiten, aber auf diese konzentrieren sich die Tagebucheinträge, welche Fannys Urenkelin Katharina 2015 in die Hände bekommt.

Im munteren Wechsel der Zeitebenen erfahren wir, welche Familiengeheimnisse über lange Zeit im Verborgenen schlummern.

Mit viel Liebe zum Detail erzählt Teresa Simon auch in diesem Roman wieder eine so spannende wie berührende Geschichte über den Aufbruch nach dem Großen Krieg, Freundschaften, die es nicht geben sollte und die Bindung zwischen Zwillingen. Wahre Begebenheiten haben die Autorin inspiriert zu einer fiktiven Handlung, welche ein lebendiges Bild der damaligen Zeit zeichnet und sogar bekannte historische Persönlichkeiten wie Paul Klee oder Rainer Maria Rilke ins Geschehen einbindet. Ebenso nah fühlt man sich den Figuren im 21. Jahrhundert, welche anhand von Tagebuchaufzeichnungen Katharinas Familienchronik auf den Grund gehen. Ach nein, mitten drinnen fehlen wesentliche Seiten und irgendwann reißt der Text abrupt ab. Es wäre aber keine gelungene Geschichte, würde sich das Rätsel um die Lücken nicht lösen lassen, und genau das gelingt den Personen im Buch bestens. Teresa Simon legt die Spur in die Vergangenheit und schafft es bravourös, die Übergänge zwischen den beiden Zeitebenen fließend zu gestalten, sodass man einerseits so neugierig wird wie Katharina und andererseits ganz abtaucht in die Zeit der Zwillinge Fanny und Fritzi. Dazwischen gibt es historische Eckpfeiler zur Orientierung, interessante Einzelheiten in Sachen Möbelrestaurierung und duftende Mahlzeiten, die Fanny und Katharina auf den Tisch zaubern.

Ein herzlicher Schreibstil mit lebendigen Szenen führt uns durch diesen wunderbaren Roman, der Wissenswertes mit Leichtigkeit in eine fesselnde Handlung einfügt. Mir haben die Holunderschwestern viel Freude beim Lesen bereitet, weshalb ich sehr gerne eine Empfehlung ausspreche.

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