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Rezensionen von MarcoL:

Ein zutiefst weiblicher Text, poetisch und anrührend!

Ein Geist in der Kehle von Doireann Ní Ghríofa

Die Autorin hat mit diesem Werk in meinen Augen etwas Einmaliges geschaffen. Ein literarisches Meisterwerk, in einer Symbiose aus Prosa und Poesie. Die Sprache, die Sätze, sind ein Genuss, auch wenn der Inhalt manchmal fast schon zu pathetisch erscheinen mag.

„Die seltsame Stille zwischen dem Abgang eines Briefes und seiner Zustellung, die sonderbare Zeit, nachdem die Worte erdacht und aufs Papier gebracht, aber noch nicht gelesen wurden.

“ - Herrlich!

Es ist eine gelungene Mischung aus lyrischen, historischen und biographischen Texten, in welche sich die Autorin verliert in einer Suche nach der ursprünglichen Weiblichkeit. Es ist ihr eigenes Leben zwischen Windeln und haushälterischer Aufopferung, welches sie beschreibt. Ein Leben auf der Suche nach einer anderen Zeit, nur um zu Bemerken, wie sehr die Männlichkeit (oder nennen wir es das Patriarchat), alles (weibliche) Dagewesene in den Schatten stellt.
Ausgangspunkt ist ein von Eibhlín Dubh Ní Chonaill im 18. Jahrhundert verfasstes Klagelied in 36 Strophen, das „Caoineadh Airt Uí Laoghaire“, in dem sie den Tod ihres Gefährten Art Ó Laoghaire beklagt. Aufgewühlt von diesem irischen Text begibt sich Doireann Ní Ghríofa zurück in die Vergangenheit. Sie beginnt an zu forschen, wer diese Autorin war. Sie sucht nach Gemeinsamkeiten, da sie seit ihrer Schulzeit von dem Text fasziniert, ja fast schon gefangen ist. Die beiden Leben der Frauen scheinen sich zu vermischen. Es geht hin fast bis zur Selbstaufopferung in diesem autofiktionalem Text (fast schon zu viel des Guten). Sie findet allerdings wenig, die Spur der Dichterin nach dem Verfassen des Klageliedes verblasst. Sie wird nur weitergeführt mit einer Chronologie der männlichen Nachfahren.

„Dies ist ein weiblicher Text“, lesen wir sehr oft. Nicht nur zu Beginn des Buches. Immer wieder erinnert uns die Autorin an diese paar Worte. Sie gibt nachhaltig Ausdruck darüber, was ihr wichtig ist. Zu recht, denn Texte von Frauen wurden verdrängt, der Männlichkeit einverleibt (z.B. George Eliot, um überhaupt Gehör zu finden). Und auch heute noch tun sich Autorinnen in der Verlagswelt wesentlich schwerer als ihre männlichen Kollegen.

Wie gesagt, der lyrische Schreibstil ist eine Wucht, man kann sich zwischen den Zeilen verlieren, und liest und liest und liest und denkt sich, das war jetzt zu schnell gelesen. Der Text ist einnehmend, übt eine Art Magie aus, beutelt einen, macht wütend und glücklich zu gleich. Ein wunderbares Werk! Lest es! Absolute Leseempfehlung!

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Ein eindruckvolles Plädoyer für eine bessere Zukunft, eingepackt in einen spannenden Roman.

Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen von John Ironmonger

… und die Hoffnung auf morgen … so der erweiterte Titel, der in Anbetracht der momentanen Situation auf dem Planeten wirklich nur mehr ein kleine Hoffnung auf Hoffnung zu sein scheint.
Ironmonger schreibt in diesem über 80 Jahre spannenden fiktiven Werk über den Klimawandel mit seinen (möglichen) Folgen, eingepackt in einen spannenden Roman, welcher sich hauptsächlich um zwei Hauptprotagonisten dreht.

Im beschaulichen cornischen St. Piran kennt jeder jeden, man trifft sich am Hafen oder abends im Pub. Eines Abends sitzt der zwanzigjährige Student Tom Horsmith im Pub, als der Politiker und eingefleischter Klimawandelleugner Monty Causley dazukommt. Es entsteht ein heißer Disput über den Klimawandel, und in weiterer Folge eine spektakuläre Wette zwischen den beiden. Was sie nicht wissen, ist, dass ihre Auseinandersetzung gefilmt wird und im Netz viral geht. Das verändert das Leben der beiden auf dramatische Weise. Seit diesem Tag sind ihrer beide Schicksale, auch wenn sie sich nur alle zehn bis fünfzehn Jahre treffen, eng mit einander verwoben. Mal zum Unglück des einen, mal folgenschwer für den anderen. Was alles in den achtzig Jahren geschieht, verrate ich natürlich nicht – ich kann aber soviel sagen: es bleibt spannend.
Ironmongers Erzählstil ist einfach. Er benötigt keine geschnörkelten Worte um eine Stimmung zu erzeugen, und dennoch sitzt jeder Satz, reißt die Leser:Innen mit in seinen Gedanken und im Streit mit Tom und Monty. Beide beschert das Schicksal eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, mit schönen Momenten und Erfolgen, aber auch mit Niederlagen. Die Lebenslinien der beiden bleiben mit einander verwoben.
Neben den sehr eindrücklichen Beschreibungen des Autors, was den Klimawandel betrifft, - mit erhobenen Zeigefinger -, besticht der Roman vor allem durch seine akribische Darstellung der Charaktere. Für mich ist das eine ganz besondere Erzählkunst. Den Tom, Monty und auch andere Protagonist:Innen erscheinen derart plastisch und real, man könnte meinen, sie ein Leben lang zu kennen.
Sehr gerne gebe ich hier eine ausgesprochene Leseempfehlung ab. Klimawandel geht uns alle an, ob es uns passt oder nicht (meine 5 coins dazu).

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Der ungeschönte, sprachlich brillant ausgearbeiteter Weg zur Haitianischen Revolution.

Der Tanz auf dem Vulkan von Marie Vieux-Chauvet

Die Autorin bedient sich bei diesem beeindruckenden Roman historischer Begebenheiten. Es ist der Vorabend zum Sklavenaufstand in Haiti, Ende des 18. Jahrhunderts, welcher schließlich, weltweit einzigartig, zu einem unabhängigen Staat führte.
1792, Minette und ihre jüngere Schwester Lise wachsen von ihrer Mutter, eine affraniche – eine freigelassene Sklavin, behütet in Port-au-Prince auf.

Beide können auf ihr Gesangstalent sehr stolz sein, und mit der Fürsprache und Schutz von Madame Acquaire, welche beiden in aller Heimlichkeit Gesangsunterricht gibt, darf Minette eines Tages auf der Bühne auftreten, obwohl es Farbigen strickt verboten ist. Ihr außergewöhnlicher Gesang und der Zusammenhalt innerhalb der Schauspielertruppe beschützt sie weitestgehend vor Repressalien und gröberen Anfeindungen. Zunächst singt sie unentgeltlich, fordert dennoch bald einen eigenen Vertrag. Ihr Selbstbewusstsein ist groß, auch ihr tiefer Argwohn gegen die weißen Kolonialherren, welche nach Lust und Laune regieren und die Einheimischen und Farbigen unterdrücken. Trotz ihres Erfolges bleibt Minette der Zugang zur Gesellschaft, wie etwas der obligatorische Ball nach einer Aufführung, aus Rassengründen untersagt.
Während dieser Monate kommt Minette immer mehr mit rassistischen Anfeindungen in Berührung. Auch wird sie mehrfach Zeuge der willkürlichen Gewalt der Weißen Farbigen gegenüber. Sie trifft auf den Untergrund, die aufständischen Sklaven und jenen guten Seelen, welche die aufkeimende Revolution unterstützen. Und sie beginnt, ihr Umfeld zu hinterfragen.
„ Warum gab es Reiche und Arme? Warum wurden die Sklaven geschlagen? Warum gab es gute und schlechte Herren, gute und schlechte Priester? Warum lehrte der Katechismus das eine und taten die Priester das andere? Sie sagten: wir sind alle Brüder, und trotzdem kauften sie Sklaven, manchmal schlugen sie sie, oder quälten sie zu Tode.“
Denn im ganzen Land formieren sich die Sklaven, es gibt erste Aufstände, bis hin, ohne jetzt zuviel zu spoilern, zur blutigen Revolution, welche oft sehr detailreich geschildert wird (Triggerwarnung!).
Die Geschichte ist mit einer großen, erzählerischer Kraft geschrieben. Die handelnden Personen sind derart plastisch dargestellt, als ob man sie real kennen würden. Das ist eine große Stärke der Autorin, welche ihre Heimat Haiti 1968 verlassen und ins Exil gehen musste. Die patriarchalen und menschenfeindlichen Strukturen haben das Land nie verlassen.
Der Roman beginnt sanft, Kritik und Aufstand kommen langsam daher, aber es schaukelt sich gegen Ende gewaltig auf. Manchmal ein wenig zu heftig nach meinem Geschmack, sodass der ursprüngliche Lesefluss und die eindrücklichen Szenen etwas in Mitleidenschaft geraten. Gerne gebe ich eine Leseempfehlung , vor allem für jene, die historisch über den Tellerrand schauen möchten.

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Dystopisch! Grandios!

12 Grad unter Null von Anna Herzig

In Sandburg beginnt eine neue Zeit. Die patriarchalen Strukturen haben es geschafft, einen weiteren Sieg gegen die Frauen zu erringen. Ein neues Gesetz erlaubt es jedem Mann, von den Frauen zurückzufordern, was die Testosteronträger in die Frauen investiert haben. Ein paar tausend Euro binnen 2 Wochen … natürlich kein Problem.

Gegebenenfalls droht eben ein Rechteentzug. Oder schlimmer. Keine Wohnung, Keine Arbeit. Keine Lebensgrundlage.
Greta, im sechsten Monat schwanger, sieht sich mit einer unmöglichen, existenz- und lebensbedrohenden Lage konfrontiert, als Henri, ihr Verlobter und Vater des ungeborenen Kindes, von diesem Gesetz gebrauch macht. Greta sucht Hilfe in ihrer Familie, bei ihrer Schwester. Und so nach und nach ermöglicht uns die Autorin Einblick in die tiefen Schluchten, welche das Familienoberhaupt mit seiner patriarchalen Besessenheit aufgerissen hat. Die Mutter war immer nur um Schadensminimierung bemüht, das Gesicht nach außen zu wahren um das Bild einer heilen Familie aufrecht zu erhalten (und nach Möglichkeit den Frieden in der Familie). Mehr möchte ich vom Inhalt nicht verraten.

Anna Herzig zeichnet uns eine Dystopie, welche die Grundlage aus dem Leben schöpft. Wissen wir immer, was hinter den Türen passiert? Wieviel Unterdrückung, Gewalt, Misogynie, etc. passiert im täglichen Leben, ohne dass wir es wissen. Vielleicht ahnen wir es, manchmal, an Geräuschen, Blicken. Vielleicht haben wir es selber erlebt und dachten, es ging nur uns so (egal ob Mädchen, Junge oder Frau).
Ich feiere dieses Buch! Ehrlich! Auch wenn die Story überspitzt zu scheinen mag. Aber einen Kuschelkurs gegen das Patriarchat gibt es nicht.

Auf den 140 Seiten passiert so viel, Herzig versteht es sehr gekonnt, ohne Ausschweifungen und in direkter, dem erzählten Inhalt perfekt angepasster Sprache, Bilder zu erzeugen. Man lebt und leidet mit, schüttelt den Kopf, wird wütend und hilflos zugleich, und stellt fast zum Glück fest, dass es nur eine dystope Fiktion ist. Es rüttelt auf, lässt einen nachdenken – mit der Hoffnung, dass sich unsere zerrüttete Gesellschaft zum besseren wenden wird.

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Das Leben! Fein beobachtete Momente. Vergangenes und Gegenwärtiges! Quirligen Lebensgeschichten.

La Vie von Katharina Levashova

La Vie – das Leben. Vielfältig, bunt, heiter, tragisch. Es endet und beginnt von Neuem. Und mittendrin: der Mensch, in all seinen Facetten. „Kein Ende ohne Anfang“
Ferdinand ist fast hundert Jahre alt, sitzt oft und gerne im Café oder auf einer Parkbank im Städtchen Melk in der Wachau. Er beobachtet die Menschen, zieht seine Schlüsse.

Seine lange Lebenserfahrung hat ihm ein besonderes Gespür gegeben. Und so wird Ferdinand (man muss ihn einfach liebhaben) in diesem Debütroman der Autorin zum Dreh- und Angelpunkt von einigen Episoden der Protagonist:Innen. Die meisten davon sind mit dem Greis verwandt, haben so ihre Ängste und Nöten, wie es einem das Leben nur bieten kann. Seien es berufliche Probleme, oder Beziehung, die neu keimen, sowie Flüchtlinge, die erst mal ankommen müssen.
Vieles erkennt Ferdinand, den alle kennen. Und so plaudert Ferdinand zwischen den einzelnen Kapiteln von der Zeit im und nach dem Krieg, seiner große Liebe Elisa, und natürlich von seinen Kindern und Enkeln. Vieles hat er zu berichten. Und in den Episoden lernen wir das kleine Knäuel Menschen sehr gut kennen, sitzen ebenfalls auf der Parkbank, und lassen uns einlullen in den ständigen fließenden Strom, genannt Leben (alles weitere wäre gespoilert, also bitte selber lesen).
Nebenbei, der Roman ist eine Liebeserklärung an die oberösterreichische Stadt Melk. Am Eingang zu schönen Wachau, an der Donau gelegen (da ist er wieder, der Strom), mit vielen schönen Locations, macht es Lust, es Ferdinand gleich zu tun. Ich bin sicher hundertmal oder öfter auf der Autobahn vorbei gerauscht, ohne auch nur einmal einen Abstecher dorthin zu machen (shame on me).
In einer angenehmen, unaufdringlichen Sprache entführt uns Levashova in das Leben der Stadt. Der Roman ist angereichert mit einer guten Beobachtungsgabe, authentischen Dialogen und so manchem Getuschel unter Freundinnen. Es ist ein sehr feines Buch, gerne gelesen, und bin gespannt, was wir von der Autorin noch erwarten dürfen. Ich gebe hier gerne eine #Leseempfehlung ab für die quirligen Lebensgeschichten, welche auch mal mit einer gewürzten Prise Humor daherkommen.

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