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Rezensionen von MarcoL:
Sanfter, ruhiger Roman über die Frage nach Zu Hause und Fremde Heimat
Das gute Leben von Nadine Schneider
Christine kommt zurück nach Nürnberg – sie hat das Haus ihrer Großmutter Anni geerbt. Und sogleich geht die Geschichte in einen Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit. Wie war das Leben von Anni, die damals aus Rumänien flüchtete um in Deutschland ein bessere Existenz finden zu können?
Anni zieht ihre Tochter und in weiterer Folge dann auch ihre Enkelin alleine auf, findet im damaligen Quelle-Versandhaus nicht nur einen Arbeitgeber, sondern sogar so etwas wie einen Rückhalt und Bestätigung für ihr Tun.
Und dennoch, vor ihrem Rentenantritt müssen Stellen gekürzt werden …
Im Haus von Anni sucht Christine nach Erinnerungen. Nach einer (gemeinsamen) Vergangenheit – und nach der titelgebenden Frage: Was ist ein gutes Leben? Was benötigt man, um zufrieden und glücklich zu sein? Eine Frage, die natürlich jede*r anders beantworten wird. Dennoch baut Nadine Schneider diese Thematik geschickt in diese Familiengeschichte ein.
Rumänien war schon Schauplatz ihrer ersten beiden Romane, die ich sehr gerne gelesen habe. Nun dreht sich wieder eine kleine Familienchronik um das ehemalige Regime – um Flucht, aber auch sehr um Loslassen und um jene Plätze, die eine Heimat bedeuten können – für ein gutes Leben. Für viele ist das schon eine Arbeit und ein Dach über den Kopf ...
Die Erzählweise ist zweigeteilt, mal kommt Anni zu Wort, dann wieder Christine; die Übergänge sind manchmal fließend und nicht zu hundert Prozent eindeutig definierbar – was stilistisch auch auf eine enge Verstrickung der beiden Frauen hindeutet.
Die Worte kommen ruhig daher, die Geschichte plätschert leise dahin. Für meinen Geschmack manchmal zu sanft, da hätte ich mir vielleicht manchmal mehr „Knalleffekte“ gewünscht. Dennoch, der Roman lädt zum Nachdenken ein.
Intensiv mit einem packenden Epilog! Große Leseempfehlung!
Einmachglas von Demian Cornu
Fünfzehn Schüler*innen der Abschlussklasse bereiten sich für ein Theaterstück vor, das sie am letzten Schultag aufführen sollen. Vier davon sind für die Technik zuständig, die anderen stehen auf der Bühne, alles unter der Leitung des Lehrers Herr Keller. Die Lust dazu hält sich in Grenzen, aber sie lernen auf ihre Einsätze.
Siebzig Tage haben sie Zeit – und genau da fängt dieser Roman an. Siebzig Tage vor dem Epilog, beginnend mit Lisa. Abwechselnd kommen die Schüler*innen zu Wort, für maximal zwei Seiten. Im Wechsel erzählen sie von sich, von ihrem Leben, ihren Ängsten, Sorgen, von der Familie, und natürlich auch von den Vorbereitungen zur Theateraufführung.
Am Anfang ist dieser schnelle Wechsel zwischen den Handlungsträger*innen etwas anstrengend, aber man kommt schnell in einen Flow und fiebert darauf hin, wie es in den einzelnen „Minigeschichten“ weitergeht. Jedes Mädchen, jeder Junge, hat seinen eigenen Rucksack zu tragen – und dieser Inhalt wird nach und nach vor uns ausgeschüttet.
Es gibt welche, die keinen Vater haben, und darunter natürlich leiden. Andere werden zuhause verprügelt. Manche sind sanft, andere können sich nur über verbale oder sogar körperliche Gewalt äußern. Alle verstecken irgendwas vor den anderen, denn es könnte ja peinlich sein. Nur nicht zu viel von sich preisgeben ist die Devise, am besten cool sein. Besonders ein Junge führt ein Doppelleben als erfolgreicher Influencer, versteckt sich nicht nur vor seinen Mitschüler*innen, sondern auch vor seinem Vater. Allein diese Episoden sind sehr berührend und lassen tief blicken.
Alles in allem ist es ein Sammelsurium aus Gefühlen und Situationen, das mit dem Wort „Leben“ beschrieben werden kann. Der Theatertermin rückt näher, und wir merken, was die Proben in den jungen Menschen bewegen und auslösen. Sie beginnen sich leicht zu verändern, anzupassen.
Und je mehr Licht in das Leben der Einzelnen kommt, desto mehr keimt beim Lesen der Verdacht, dass das wahre Theater nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Klassenzimmer.
Und das Theaterstück dann selbst – der Epilog, auf den die Zeitlinie zuschreitet – wird dann zum absoluten Wow-Erlebnis. Mehr wird nicht verraten.
Es ist ein absolut fesselnder Roman, ein Psychogramm mit tiefen Einblicken und Wahrheiten. Wunderbar erzählt und in Szene (Worte) gesetzt von Demian Cornu
Ganz große Leseempfehlung
Wunderbarer Roman über weit mehr als eine toxische Mutter/Tochter Beziehung
Am Ende der Kleinigkeiten von Franziska Hauser
Irmas Geburtstag ist zugleich die Geburtsstunde von „Zeugland“, eine kommunenhafte Einrichtung für ein Zusammenleben ohne Besitz. Gründerin ist Irmas Mutter. Im Prinzip eine bedauernswerte Figur, die sich von Anfang an zur Antipathieperson schlechthin entwickelt, die man eigentlich aus tiefstem Herzen verachten und hassen müsste, so wie sie mit Irma umgeht.
Aber ist sie vielleicht auch nur ein Opfer?
Mit fünfzehn bricht Irma aus der Gemeinschaft, die ihr mehr Familie war als ihre Mutter in hundert Jahren nicht sein könnte, aus, und landet mittellos in der Stadt. Sie hat Glück, kommt im Theater unter, bekommt kleine Arbeiten, ein Dach über dem Kopf und bald sogar Rollen im Theater. Sie scheint ein Naturtalent zu sein, spielt die Rollen so, wie sie glaubt, sie spielen zu müssen, passt sich an. Dabei ist ihr völlig bewusst, dass ihre Mutter dabei als Vorlage dient.
Irma fühlt sich wohl in der Theatergemeinschaft, es ähnelt sogar ein wenig ihrer ersten Wohngemeinschaft. Allerdings mit einem großen Unterschied: während es auf Zeugland kaum persönlichen Besitz gab, herrscht in der Stadt und in ihrem neuen Leben der pure Kapitalismus. Ohne Geld geht nichts. Aber Irma rappelt sich durch. Enge Bekanntschaften zu einem Agent, der sie tatsächlich fördern möchte (zumindest so lange, wie seine Kassa damit klingelt) und in weiterer Folge mit einem toxischen Regisseur, der alles nur aus Eigennutz und persönlichen Befindlichkeiten sieht, bringen sie auf die Bühne.
Doch wie das Leben so spielt, eine Schwangerschaft beenden die Träume, und sie wird fallen gelassen. Auch ihre erste Mentorin, eine erfolgreiche Schauspielerin, kann ihr nicht mehr helfen. Irma kapiert: sie muss ihr eigenes Leben leben, und nicht nur spielen. Und sich nicht nur in die Rolle einer anderen eindenken.
S.239:“ […] fragte ich mich, was eigentlich mit mir auf der Bühne passierte, solange ich jemand anders war. Wo ist eigentlich Irma währenddessen? Wer passt auf mein wahres Ich auf, wenn ich gerade einem anderen Ich meinen Körper zur Verfügung stelle? Und was ist, wenn ich mich hinter der Bühne nicht wiederfinde?“
Dieser Roman ist weit mehr als der Selbstfindungstrip der Ich-Erzählerin Irma. Es ist quasi ein Kern, um den sich wie Zwiebelhäute der Kapitalismus, die alten DDR-Strukturen, und vor allem das Patriarchat spannen. Eine Männerwelt, die stets glaubt, dass Frauen ein Selbstbedienungsladen sind (Spoiler: so wie es auch der Regisseur Taron Irma gegenüber ausdrückte, wenn er morgens seinem „Drang“ nachgeben wollte).
Franziska Hauser hat in diesem Roman spannende, sehr authentisch wirkende Charaktere erschaffen. Wie erwähnt, die einen kann man nur lieben, die anderen nur hassen oder verachten.
Ich bin sehr gerne in diese Welt zwischen Siedlungsgemeinschaft und Theater eingetaucht. Man kann sich wunderbar von den Worten und tollen Sätzen treiben lassen, stets mit einer bestimmten kühlenden Brise im Antlitz, damit man immer gewahr ist, dass das Leben nicht nur Glück und Sonnenschein ist, aber viele Kleinigkeiten zu bieten hat.
Große Leseempfehlung für diesen wunderbaren Roman.
PS: Ein paar Allegorien würden mir noch zum Begriff „Zeugland“ einfallen. Ein geschickt gewählter Name, würde ich sagen. Oder für das Theater, dass ja bekanntlich die „Bretter der Welt“ bedeuten soll.
Und noch eines: Je länger man liest, umso mehr wird man als Leser Teil dieser Welt. Da gibt es keine Längen, oder Wiederholungen. Mit fortschreitender Seitenzahl wird die Stimme der Autorin lauter, gleichzeitig einfühlsamer, die Sprache schöner und die Sätze intensiver. Ganz große Erzählkunst!
Ein wunderbarer, starker Roman über Heimat und Wurzeln. Archaisch, wild, feinfühlig.
Die Riesinnen von Hannah Häffner
Das ist eines der besten Bücher, das ich je! gelesen habe. Es ist atmosphärisch, wild, stürmisch und ruhig zugleich. Und von einer so wunderbaren Sprache durchdrungen, dass man ewig darin verweilen möchte. Alleine die Naturbeschreibungen, vor allem die Szenen im Wald, bewegen einen sehr und man wünscht sich beim Lesen nichts sehnlicher als mit dabei zu sein in dieser kleinen Welt der Abgeschiedenheit unter den Bäumen.
„Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt. Der wurzelt, unter dem Herzen, hinter den Lungen, und man hört ihn deiner Sprache an und sieht ihn in deinen Augen.“
Es fühlt sich an wie ein Zuhause – und der Begriff Heimat ist auch eines der Kernthemen dieses Romans.
„Zuhause ist schließlich etwas anderes als daheim. Zu Hause kann sich ändern, daheim bleibt“
Die Menschen in der Heimat können grausam sein, böse, abweisend. Besonders dann, wenn man nicht in deren Weltanschauung hineinpasst. Und das passiert auf dem Land oder im Dorf, wo es keine Anonymität gibt, sehr leicht. Schneller als einem lieb ist wird man zur Außenseiter*in gestempelt. Und sei es erst mal nur wegen des äußerlichen Erscheinungsbildes.
Wittenmoos – ein Dorf im Schwarzwald. Liese ist groß, schlank und hat orange-rotes Haar. Ihre Tochter Cora wird ihr ähnlich werden. Lieses Mann Bernhard wendet sich ab, er wollte einen Sohn, wird gewalttätig. Nach Bernhards Unfalltod steht Liese mit dem neuen Haus und ihrer Tochter alleine da, ohne Einkünfte, ohne helfende Hände; - auch nicht die ihre Schwiegereltern. Doch sie beißt und kämpft sich durch, fordert das Erbe von Bernhard ein: die Dorfmetzgerei. Ohne jegliche Erfahrung übernimmt sie den Laden, kämpft sich mit viel Fleiß trotz Gegenwind durch und hat Erfolg. Cora wird bald zu einer unentbehrlichen Stütze, das Geschäft floriert. Aber auch Cora hat ihren eigenen Willen und macht sich auf die Suche nach sich selbst … und letztendlich schließt Eva, Coras Tochter und Lieses Enkelin, den Kreis und veranschaulicht, was es bedeutet, eine Heimat zu haben.
Der Roman ist so wunderbar erzählt (erwähnte ich schon). Hannah Häffner geht feinfühlig mit ihren Protagonist*innen um, lässt ihren Ecken und Kanten, Sehnsüchten und Pflichten freien Spielraum, nur damit wir merken, dass es so sein muss.
„Dinge, die so sind, wie sie sein sollen, haben ihren eigenen Schmerz“
Über drei Generationen nimmt uns die Autorin mit in diese Abgeschiedenheit des Schwarzwälder Dorfes und hinterlässt am Ende den Wunsch, die Geschichte möge unendlich weitergehen.
Ganz große Erzählkunst, und ganz große Leseempfehlung. Lieblingsbuch für immer.
Vom Wahn, allen gefallen zu müssen im lauten JetSet
Partypeople von Stefan Sommer
Drugs, Sex & wummernder Bass, bis der Schädel platzt. Dazu traumhafte und luxuriöse Locations auf dem Planeten, umgeben von den „Reichen und Schönen“. So mutet das Leben des namenlosen, noch jungen, queeren Ich-Erzählers an. Von einem Platz zum nächsten wird er gereicht. Sei es um die Rave-hungrige Meute zu befriedigen oder die Gäste eines Milliardärs zur dessen Geburtstagsfeier zu bespaßen.
Er ist gefragt, taumelt zwischen Erfolg und verkaterten Tagen von exzessivem Drogen- und Alkoholkonsum hin und her. Als erfolgreicher Influenzer auf den Social-Media muss er dazu noch genau abwägen, wann was gepostet wird. Man hat es eben nicht leicht, so als Superstar. Und wer hoch oben steht, der kann auch tief fallen. Das Leben spielt sich hier auf einem schmalen Grat zwischen gefeiertem Entertainer und verlorenem Leben ab.
Stefan Sommer nimmt uns mit seinem zweiten Roman auf eine rasante Fahrt auf einer Achterbahn des Lebens mit. Manchmal scheint unser Held kaum zu wissen, wo er sich auf dem Planeten gerade befindet. Seine Suche nach Einsamkeit verblasst, es tauchen Bilder seiner verstorbenen Mutter auf. Die Trauer wogt auf, doch die Bassbeats pusten sie wieder davon. Christian taucht auf, sucht gleichzeitig Nähe und Distanz wie in einem Wirbel aus unterdrückten Emotionen. Mit dieser Figur bringt der Autor einen kleinen Ruhepol in die Erzählung, gleichwohl wir sofort merken, dass es eigentlich nur ein zappeliges Stillhalten ist.
Was steckt hinter dieser Fassade des Glamours? Was wird, wenn der Spiegel blind wird, wenn die Euphorie und Lautstärke der Massen verklingen? Vereinsamung mitten im Pulk eines zu schnell gelebten Lebens?
Der Roman ist ein Blick auf eine Gesellschaftsform, die wir am Rande unseres Tellers wahrnehmen, aber kaum fassen können. Gründlich recherchiert bringt uns Sommer dies näher. Es ist mehr als eine Metapher auf unsere schnelllebige Zeit und der Hast des Alltags gepaart mit dem Wunsch, allen zu gefallen (im realen wie im SocialMedia Leben).
Leseempfehlung für diesen Roman, der sich wie ein tiefer, steter Bass unser bemächtigt.
Ein sanfter, ruhiger Roman über die Sehnsucht nach dem Alleinesein
Nur die Laute der Vögel von Ursula Wiegele
Mit sanften Worten rollt dieser Roman heran, der so viel an Stille birgt, manchmal melancholisch anmutet, und dennoch eine zarte Musik verbreitet. Gambist
Luca, der seinen Lebensunterhalt als Gambist verdient, beschließt, auf einer Insel in der Lagune von Grado eine Auszeit zu nehmen. Er lässt sich vom alten Fischer Matteo auf die Insel bringen, um dort Körper und Geist zur Ruhe kommen zu lassen.
Elektrizität gibt es dort keine, seinem Smartphone gönnt er keinen Tropfen an Akkukapazität. So kommt er gar nicht in die Versuchung, sich mit den Belangen der großen weiten Welt mit all ihren Eskapaden stören zu lassen. Es ist ein kleines Paradies mit einer Hütte und Abstellschuppen, viel Natur; und zwei Katzen, um die sich Luca kümmern soll. Für Lebensmittelnachschub und allen anderen nötigen Sachen kümmert sich Matteo.
Eine trübe Vergangenheit mischt sich auf mit dem Idyll der Insel, und schließlich kann auch die Sonne durch das eher schwere Gemüt von Luca brechen und einen bahnenden Lichtstrahl für die Zukunft weisen.
Mit fünf Jahren hatte er seine Mutter unter tragischen Umständen verloren, das Verhältnis zu seinem Vater war nie von einer elterlichen Tiefe geprägt. Diese Trauma geistern auf der Insel herum, und die spärlichen Kontakte zur Außenwelt helfen Luca schließlich, einiges mit anderen Augen zu sehen und sich seiner Vergangenheit zu stellen.
Das kleine Idyll umgeben von Meer und Natur wird kaum gestört, nur die Laute der Vögel sind die ständigen Begleiter. Und die hungrigen Katzen, die die einzige Regelmäßigkeit in diesem Sommer in Lucas Auszeit bilden. Eines Tages im Spätsommer bringt jemand seine Gambe auf die Insel … die Weichen für die Zukunft stehen in der richtigen Position.
Es ist ein sanftes, ruhiges Buch, das beim Lesen entschleunigt und den Wunsch nach einer heilen, abgeschiedenen Welt schürt.
Sehr gerne gelesen und somit eine Leseempfehlung für diesen zarten Roman.
Eine wunderbare Reise durch die Welt über die Kraft der Sprache. Absolut toll!
Wörterbuch einer Nomadin von Volha Hapeyeva
Selten hat mich ein Buch beeindruckt wie dieses hier. Und kaum wie zuvor war ich lange Zeit ideenlos, wie ich darüber in wohlst wollenden Wörtern schreiben könnte. Kein Roman, kein Sachbuch, kein Essay – es ist einfach eine Sammlung von Gedanken rund um das Thema der Sprache. Und diese Gedanken haben es in sich; nimmt uns doch die Autorin mit auf eine wunderbare Reise durch ihre Welt der Wörter.
Mit vielen eigenen Erfahrungen erläutert sie, was unterschiedliche Sprachen für Schätze bieten können, und wir finden uns in einer spannenden Welt wieder. Schnell entdecken wir, dass möglicherweise die gleichen Wörter in anderen Sprachen ganz eine andere Bedeutung haben können – oder manche Ausdrücke es tatsächlich nur in einer spezifischen Sprache gibt.
Volha Hapeyeva verabsäumt es dabei auch nicht, Bezüge zur Gesellschafts- und Geopolitik zu schaffen – und natürlich vor allem darauf, welche Macht Wörter haben.
S.16/17: „ [...] indem man eine Parallele zwischen Frauen und kleinen Nationen zieht. Beide stehen in einem asymmetrischen Verhältnis zu einer dominanten Macht – Frauen gegenüber Männern, kleine Nationen gegenüber großen oder ehemaligen Imperien. […] Sie haben kein Recht auf Fehler […] Das, was Frauen und kleinen Nationen gleichermaßen betrifft, entspringt ein und demselben System: dem Patriarchat – einer Denk und Herrschaftsordnung, die strukturell Ungleichheit erzeugt und aufrecht erhält.“
Die Autorin, geboren in Belarus, mit Regime und Russlandabhängigkeit bestens vertraut, gibt uns viele interessante Einblicke in die Unterschiede der Linguistik der Nationen und somit Ländersprachen, oftmals direkt im Vergleich zwischen Deutsch und Belarusisch, aber auch die sprachlichen Nuancen im Englischen oder gar Japanischen. Spannend hier auch ein kleiner Auszug über das Wort „Muttersprache“:
S. 104: „Muttersprachler*in oder nativ speaker heißt auf Belarusisch nos'bit movy – was buchstäblich bedeutet: Träger der Sprache. Kein Wort über Mutter oder Heimat, wichtig ist die Handlung, der Prozess, vielleicht denkt man über Sprache nach, wie man über ein Kleid nachdenkt oder einen Anzug.“
S. 105: „Sprache ist Teil der Identität, und verschiedene Sprachen geben uns verschiedene Blickwinkel auf die Welt und uns selbst.“
Sprache und/oder Wörter können sehr mächtig und eine furchtbare Waffe sein, besonders in der heutigen Zeit. Aber auch das Gegenteil ist der Fall.
S.122: „Andererseits kann Sprache selbst zum Ziel der Vernichtung werden. Eine Sprache kann verboten werden (wie es beim Belarusischen lange Zeit der Fall war) […] können zum Linguizid oder zum Sprachentod führen.“
Mich erinnert das auch an das Verbot der Deutschen Sprache in Südtirol ab 1923/24.
Und letztendlich sind auch Sprache und Literatur ein Rettungsanker, besonders in krisengebeutelten Zeiten.
S.130: „Beim Lesen begreifen wir, dass wir nicht alleine sind, dass wir unsere Gedanken und Gefühle teilen können – das bewahrt uns vor der Isolation. Das ist aber auch der Grund, warum Diktatoren und totalitäre Regime so viel Angst vor der Literatur haben oder warum sie sie immer kontrollieren wollen.“(bestes Beispiel dieser Tage die USA).
Eigentlich könnte ich hier jede Seite zitieren, so beeindruckend und toll finde ich dieses Buch mit tausenden klugen Gedanken. Und am beeindruckendsten finde ich die Art und Weise, wie Volha Hapeyeva uns dies alles näherbringt. Allein ihre Sprache ist ein angenehmer Fluss der Wörter, der sanft dahin treibt, uns immer wieder gerne zum Verweilen einlädt, um in den eigenen Reflexionen zu baden wie in einem warmen, klaren See der Erkenntnis.
Ganz große Leseempfehlung – anders kann ich es nicht ausdrücken. Und lest auch die anderen Werke der Autorin. Ihren Roman „Samota“ kann ich euch nur wärmstens ans Herz legen, genauso wie ihr feines Gespür für die Lyrik.
Intensive Gesellschaftsstudie, Ausgrenzung, Sensationslüsternheit. Wunderbar erzählt.
Kleine Schwächen von Megan Nolan
Irland, Ende der Siebzigerjahre. Carmel, noch kaum eine Frau und auch kein Kind mehr, wird schwanger. Sie verdrängt es, denkt einfach nicht daran. Und wenn man nicht mehr daran dankt, dann ist es auch nicht geschehen. Doch eines Tages wird es unausweichlich, aber Carmel schweigt. Ihre Mutter Rose sieht im bigotten Irland keine Möglichkeit, noch etwas zu tun, und reist mit Carmel kurzerhand nach London.
In der Abtreibungsklinik wird aber nur bestätigt, was alle schon wissen: es ist zu spät. Rose beschließt, ihre Heimat in Irland aufzugeben, denn dort zeigen nur alle mit dem Finger auf sie. Sie nehmen in London eine Wohnung, lässt ihren Mann John Green und dessen Sohn aus erster Ehe, Richard, nachkommen. Sie versuchen, aus ihrer Situation das Beste zu machen.
Carmel ist überlastet, kümmert sich nicht um ihre Tochter Lucy. Das übernimmt Rose, während sich John um seine eigenen Dinge kümmert und Richard total dem Alkohol verfallen ist. Irgendwie vegetieren sie alle am Rande der Gesellschaft.
Rose stirbt unerwartet, und nun muss Carmel wohl … aber es ist schwer. Als Mia, eine Schulkameradin aus besseren Kreisen der mittlerweile zehnjährigen Lucy, verschwindet und kurze Zeit darauf tot aufgefunden wird, ist es allen klar. Das kann nur Lucy gewesen sein, denn die beiden wurden kurz vor dem Unglück noch zusammen gesehen. Die versteckt sich aber in ihrer eigenen Welt, spricht nicht. Lucy kommt kurzerhand in Gewahrsam, und die Presse wittert DIE Sensation.
Journalist Tom setzt alles daran, die Exklusivstory zu bekommen. Die Familie wird vom Mob abgeschottet, in ein Hotel mit allen Annehmlichkeiten verfrachtet. Inklusiv All-you-can-drink für John und Richard. Es werden sogar Reporter in Irland beauftragt …
Nolan zeichnet mit diesem Roman sehr starke Bilder. In einer nüchternen, beinahe teilnahmslosen Sprache werden wir Beobachter einer Familie, die immer Rand stehen wird, auch wenn sie sich manchmal bemühen, ihren Status zu verändern. Tom ist ein Paradebeispiel an einer überzogenen Charakterdarstellung.
Glatt, ohne Skrupel, ohne Menschlichkeit spiegelt er das wider, was die Gesellschaft mit Außenseitern zu tun pflegt und steht sinnbildlich für die Sensationsgeilheit der Gesellschaft und vieler Medien, denen Schlagzeilen wichtiger sind als Inhalte. Was machen wir mit gebrochenen Menschen? Was machen Männer mit Frauen wie Carmel, die schön sind, aber das Leben unnahbar, verbittert gemacht hat? Was machen gesellschaftlich bessergestellte Menschen, wenn ihre behüteten Kinder mit jenen aus der armen Bevölkerungsschicht zusammenkommen? Und was macht die Gesellschaft, auf wenn wird als erstes gezeigt, wenn was passiert?
Ganz große Leseempfehlung für diesen Pageturner und gut dargestellte Gesellschaftsstudie.
Leichte Literatur für Zwischendurch mit etwas nordischem Feeling
Das Unwetter von Brit Bildøen
Dorte wollte nur ein schönes Fest organisieren. Ihr Eltern waren nun fünfzig Jahre verheiratet, da sollte es schon was besonderes werden – in einem abgelegenen Hotel am Rande zur Wildnis, wo es anscheinend Wölfe und Luchse gab.
Aber sie würde eh alles falsch machen, so ihr Mindset – denn ihre Familie mit ihrer Schwester Annette samt Schwager oder ihren Eltern im Speziellen haben doch immer was zum Nörgeln, und wenn es nur darum ging, weil Dorte weder eine eigene Familie noch Kinder wollte.
Möglicherweise passte auch ihrem Zwillingsbruder Karl etwas nicht … aber sie gab sich Mühe.
Das Wetter war alles andere als prächtig – Dauerregen – und natürlich ein Erdrutsch, der das Ressort von der Außenwelt abschottete. Die Familie wären die einzigen Gäste im Hotel von Ole gewesen, hätte dieses Unwetter nicht zwei Jäger in letzter Sekunde angespült. Im Gepäck Waffen und vergiftete Fleischköder. Beides unachtsam in der Vorhalle abgelegt … und der Hund von Annette macht eben mal Hundedinge …
Der Roman liest sich leicht und locker, aber von der sonst so typischen nordischen Düsternis, welche solche Literaturgenres im Allgemeinen versprechen, findet sich leider nichts. Es werden auch keine alten Familiengeheimnisse ans Tageslicht gefördert. Hauptaugenmerk liegt auf dem Lagerkoller (gerade mal 2 Tage) und eben einer traurigen Sache, die da passiert, ohne so richtig eine Spannung zu erzeugen. Man liest weiter in der Hoffnung auf einen großen Showdown oder was auch immer … falsche Erwartung? Keine Ahnung. Es dreht sich viel um das Seelen- und Liebesleben von Dorte. Und ja – die Thematik der Wölfe und der sinnlosen wie grausamen Jagd wird zumindest sehr gut angesprochen, und so entwickelt sich der Roman in eine Art Pro-Wolf Plädoyer, was ja an sich nicht verkehrt ist.
Fazit: der Roman ist eine feine Lektüre für Zwischendurch und kalte Winterabende, der sich schnell weg liest. Einen großen literarischen Anspruch darf man tatsächlich nicht haben.
Familiengeschichte aus dem irischen Landadel
Das gute Benehmen von Molly Keane
Aroon, die Ich-Erzählerin, wächst in einer irische Familie aus dem Landadel auf. Einst vermögend, verprassen die Eltern ihren Reichtum ohne Rücksicht und wohl auch ohne besseren Wissens, wie denn überhaupt die maroden Kassen gefüllt werden sollen, das letzte Geld. Die Erbin Aroon erzählt uns ihre Geschichte, von guten Tagen, von zunehmend schlechteren Tagen, und auch viel über sich selbst.
Auch sie lebt in einer Art Scheinwelt – einer gefühlten Parallelwelt zum realen Leben, in der Hoffnung, dass Richard, ein Lebemann von einer befreundeten englischen Familie, sie endlich ehelicht. Denn, er kannte sie doch, kam ihr doch einmal für eine äußerst kurze Zeit sehr nahe. Ein sehr spärlicher Briefverkehr wuchs, aber es entwickelte sich daraus nie mehr. Es gab von Seitens Richards nie eine Zusage, oder ein Versprechen. Er war „nur“ mit Hubert, Aroons Bruder, gut befreundet – mehr als gut – doch das wurde nie und nimmer ausgesprochen; vor allem in jener Zeit vor hundert Jahren. Hubert ist ein Dandy, Aroon das Gegenteil davon; korpulent und dem guten (und vielen) Essen mehr als zugeneigt.
Als Hubert bei einem Autounfall ums Leben kommt, verschließen sich Aroons Eltern komplett. Ihre Mutter tut so, als wäre nichts passiert, ihr Vater, ein leidenschaftlicher Jäger, ein Wrack. Irgendwann scheint Aroon zu verstehen, in welcher Welt sie lebt – aber es ist zu spät. Nach dem Tod des Vaters kümmert sie sich zusammen mit der resoluten Hausangestellten Rose um ihre Mutter … und der Kreis der Rache zur Eröffnungssequenz schließt sich.
Der Roman plätschert so dahin, ist eigentlich leicht und flüssig geschrieben, aber verzettelt sich manchmal für meinen Geschmack doch zu sehr und zu lustlos in Einzelheiten und dem Familiengeschehen. Auf der anderen Seite lässt einen die Autorin tief und leicht in die Erzählung eintauchen, und gibt uns ein gutes Abbild jener Gesellschaftsschichten.
In Summe hat mich der Roman zwar nicht restlos überzeugt, war aber dennoch eine angenehme Lektüre, die ich möglicherweise mit einer zu hohen Erwartungshaltung anging.











