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Rezensionen von alekto:

Wissenschaftlich fundierter, verständlich geschriebener Ratgeber ohne praktischen Teil rund um das Thema Muskeln

Muskeln – die Gesundmacher von Ingo Froböse

Der bekannte Sportwissenschaftler Ingo Froböse, der Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln ist, beginnt "Muskeln – die Gesundmacher" bei den Basics, wenn er Muskeln ihrer Physiologie und Anatomie nach vorstellt. Das fängt bei den Namen der Muskeln an, deren lateinische Bezeichnung und Zusammensetzung aus mehreren Bestandteilen erläutert wird, und wird in der Klassifikation von Muskeln anhand von deren Funktion fortgeführt, die sich nach Skelett-, Herz- und glatter Muskulatur unterscheiden lassen.

Zudem setzt sich der Autor mit dem Aufbau der Muskulatur, dem Bindegewebe sowie den unterschiedlichen Typen von Muskelfasern auseinander.
Dabei hat mir gut gefallen, dass sich der Schreibstil in diesem Sachbuch flüssig liest, da die Ausführungen verständlich gehalten sind, obgleich präzise beschrieben wird. Die sich an konkreten Zahlen orientierende Erzählweise von Ingo Froböse bleibt nicht im Vagen, indem etwa Prozentangaben zur Muskelmasse bei Männern, Frauen oder Sportlern in Abhängigkeit von deren Körpergewicht enthalten sind. Auch spart der Autor nicht am korrekten wissenschaftlichen Vokabular, sondern verwendet die entsprechenden Termini, nachdem er diese eingeführt hat. Beispielsweise werden den Energiestoffwechsel betreffend, deren Motor die Muskeln sind, die Mitochondrien und das Adenosintriphosphat (ATP) erklärt. Die Mitochondrien stellen die Minikraftwerke in den Zellen dar und das ATP ist die von den Mitochondrien produzierte Energie, die wir zum Leben benötigen.

Zum strukturierten Vorgehen, das "Muskeln – die Gesundmacher" prägt, haben für mich die in den Fließtext integrierten Schaukästen beigetragen. Diese umfassen wichtige Fakten, so dass sich diese zum späteren Nachschlagen nach der Lektüre dieses Sachbuchs anbieten, und interessante Tatsachen zu Muskeln. Diese listen etwa Weltrekorde der Muskeln auf, die neben dem stärksten, größten, längsten und kleinsten auch den aktivsten, schnellsten oder fleißigsten der 654 Muskel im Körper angeben. Als übersichtlich habe ich die in tabellarischer Form aufbereiteten Informationen empfunden. Dazu zählen beispielsweise eine Gegenüberstellung von Herz-, Skelett- und glatter Muskulatur anhand von deren Merkmalen (wie u.a. deren Länge, Dicke, Anordnung der für die An- und Entspannung der Muskeln zuständigen kontraktilen Filamente, d.h. Proteinfäden) und ein Vergleich von verschiedenen Typen von Muskelfasern. Zudem werden Verweise auf andere Kapitel gegeben, die in Zusammenhang mit dem gerade Gelesenen stehen (z.B. vom Abschnitt zur "Feinstruktur des Skelettmuskels" auf die motorische Einheit für Kraft und Steuerung).
Teilweise hätte ich mir jedoch mehr Verlinkungen gewünscht. So hätte ich etwa bei der Einführung der Mitochondrien eine Erwähnung des später folgenden Kapitels, das sich in detaillierter Weise den Mitochondrien als Energielieferant des Muskels widmet, als nützlich angesehen. An mancher Stelle haben mir Abbildungen gefehlt. Beispielsweise hätte ich bei der Ausführung, dass die Herzmuskulatur auch quer gestreifte Muskulatur genannt wird, da in einer Betrachtung mit Fokus auf die Gewebeart auf mikroskopischer Ebene helle und dunkle Bahnen als Streifen sichtbar werden, gern eine Aufnahme derselben zur Veranschaulichung vor Augen gehabt anstelle der nur in Fließtext erfolgenden Beschreibung.

Angesprochen hat mich, dass Ingo Froböse in “Muskeln – die Gesundmacher” theoretisches Hintergrundwissen nicht nur in oberflächlicher Form vermittelt, sondern stattdessen in die Tiefe geht. Dabei verliert der Autor nie den Schwerpunkt seines Sachbuchs aus dem Blick und bindet bereits in seinen einleitenden, sich mit der Physiologie und Anatomie von Muskeln auseinandersetzen Kapiteln Informationen zum Problemfall der glatten Muskulatur, zu verklebten Faszien als Schmerzursache sowie zur Veränderung der Muskelfasertypen durch Training mit ein.
In diesem Kontext steht der von Ingo Froböse verfolgte wissenschaftliche Ansatz, den ich als passend für die Materie empfunden habe. Denn wenn der Autor auf den positiven Effekt eingeht, den Training auf die Muskulatur sowie die allgemeine Gesundheit haben kann, werden verschiedene Studien zitiert. Dazu zählen die Veröffentlichung von Prof. Henneman aus dem Jahr 1957, die die Zusammenarbeit der Neuronen in den motorischen Einheiten, der motorischen Einheiten untereinander und miteinander in der Skelettmuskulatur erläutert, aber auch aktuellere Studien zum Muskeltraining bei Frauen von Prof. Petra Platen von der Universität Bochum aus 2009 bzw. zu Menschen mit spastischen Störungen, die in der Rehabilitation nachhaltig von Stretching profitieren können, von Doktor Zhihao Zhou von der Universität Peking aus 2016. Abgerundet wird dies von einem detaillierten Literaturverzeichnis, das sich im Anhang findet.

Zudem widmet sich Ingo Froböse Themen wie dem Muskeltraining bei Frauen oder im Alter, die sonst eher am Rande behandelt werden. Insgesamt deckt “Muskeln – die Gesundmacher” eine große Bandbreite unterschiedlicher Themen ab. Diese umfassen u.a. die “Muskelkraft und Muskelmasse im Altersverlauf”, Sarkopenie als krankhaften Muskelverlust im Alter, dem sich mit einem geeigneten Training entgegenwirken lässt, sowie für mich unerwartete Kapitel zur Verbindung von Muskeln und Gefühlen bzw. von Muskeln und Gehirn. Denn gezielte Muskelentspannung kann Abhilfe bei Stress, Angst oder durch Anspannung ausgelöstem Zähneknirschen verschaffen und körperliche Aktivität beeinflusst kognitive Funktionen.
Ein Schwerpunkt liegt im weiteren Verlauf dieses Sachbuchs auf den Myokinen als Heilstoffen der Muskulatur. Indem Myokine, die von der Muskulatur produzierte Botenstoffen darstellen, das Immunsystem unterstützen, Entzündungen bekämpfen, den Stoffwechsel aktivieren oder das Erinnerungsvermögen optimieren, sind Muskeln viel mehr als nur für Bewegungen zuständig. Überrascht hat mich zu erfahren, dass die Forschung zu den Myokinen noch in den Kinderschuhen steckt. Von den vermuteten ca. 3.000 Myokinen sind derzeit erst 600 bekannt.
Interessant fand ich auch zu lesen, welch vielfältigen Schutz Muskeln für unsere Gesundheit bedeuten, weil entsprechendes Training ganz unterschiedlichen Krankheitsbilder lindern kann. Dazu zählen etwa Herz-Kreislauferkrankungen, Adipositas, Diabetes, Rückenbeschwerden oder Arthrose. Nach der ganzen Theorie hat mir dann aber ein praktischer Teil gefehlt, in dem für die beschriebenen Krankheitsbilder wie insbesondere die Rückenschmerzen konkrete Übungen vorgestellt und mittels geeigneter Abbildungen bzw. via QR-Code verlinkter Videos illustriert worden wären. Da hätte das Wort zum Schluss, dass "Muskeln regelmäßiges Training brauchen”, eine andere Wirkung erzielen können, wenn ich das gleich anhand von konkreten Übungen in die Tat hätte umsetzen können.

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Ambitioniertes, abwechslungsreich erzähltes Krimi-Drama um eine Serie brutaler Vergewaltigungen in 1994

Sommersonnenwende von Pascal Engman; Johannes Selåker

Die bosnische Muslimin Nadija Alihodzic ist als Kriegsflüchtling und Asylbewerberin erst seit einem Jahr in Schweden gewesen, bevor sie vor einem Flüchtlingswohnheim ermordet worden ist. Währenddessen ist ihr Ehemann Elvedin unterwegs gewesen, weil er nachts in einem nahe gelegenen Industriegebäude putzt.

Indem sein betrunkener Bruder Kristian vor dem Polizeirevier damit prahlt, die Tat begangen zu haben, wird Tomas Wolf, Kriminalkommissar bei der Mordkommission in Stockholm, in den Fall verwickelt, da er seinem Bruder zwar diverse kriminelle Machenschaften zutraut, dieses Verbrechen aber nicht zu ihm zu passen scheint. So nimmt Tomas die Ermittlungen auf und stellt den Zusammenhang in einer abgründigen Serie von Vergewaltigungen her.

“Sommersonnenwende” wird von Engman und Selaker neben der Perspektive des Polizisten Tomas Wolf auch aus Sicht der Journalistin Vera Berg sowie des bekannten Schauspielers Micael Bratt erzählt.
Tomas Wolf ist ein von seiner Arbeit überforderter Kommissar, nachdem er bereits eine Leiche zu viel gesehen hat und nun von den Geistern der Verstorbenen verfolgt wird, die er an den Orten, an denen sie ihren Tod gefunden haben, nicht aus dem Kopf bekommen kann. Seine schwierige Situation wird durch seinen mit Abwesenheit glänzenden Partner und ehemaligen Mentor Lars Johansson, der von allen Zingo genannt wird, verschärft, indem er Tomas nicht nur keine Unterstützung ist, sondern seinerseits dessen Hilfe benötigt, wenn Tomas für sein fortwährendes Fehlen dem Chef gegenüber Ausreden parat haben muss. Zudem verfolgen Tomas die grausamen Taten, deren Zeuge er im in Bosnien-Herzegowina tobenden Krieg ein Jahr zuvor geworden ist. Seine Familie, die aus seiner Frau Klara und seinen zwei kleinen Kindern Alexander und Ebba besteht, wird von seiner Liebe zur schönen Azra belastet, die er als einzige Überlebende eines Massakers in einem bosnischen Dorf entdeckt hat.
Auch Vera Berg hat mit ihrer traumatischen Vergangenheit zu kämpfen, da ihr kleiner Bruder Vincent früh gestorben ist und deren Eltern, die ihr die Schuld daran gegeben haben, ihr den Rücken gekehrt und sie nicht mehr als ihre Tochter angesehen haben. So kann sie den sechsjährigen Sigge, der der Sohn ihres Ex-Freundes Johnny ist, weder dem Jugendamt übergeben noch seinem Vater überlassen, der tagelang verschwinden kann, wenn er auf Droge ist, und sich mit Betrügereien, Diebstählen und Raubüberfällen über Wasser hält. Kurzerhand nimmt sie Sigge mit nach Stockholm, als sie dort ihre neue Stelle bei der Kvällsposten antritt, um das anspruchsvolle Ressort der überregionalen Berichterstattung zu vertreten. Im Zuge ihrer Arbeit kommt Vera ebenfalls in Kontakt mit der brutalen Mordserie, deren Opfer Nadija Alihodzic geworden ist.
In die Vita des Polizisten Tomas Wolf und der jungen Vera Berg ist von Engman und Selaker eine Vielzahl von Problemen integriert worden, die fast schon ein wenig des Guten zu viel ist. Dabei ist den Autoren jedoch ein komplexes Porträt nach wie vor relevanter Themen gelungen, die die Charakterisierung ihrer beiden Protagonisten prägen, weil deren ambivalente Auseinandersetzung damit beschrieben wird. Im Gegensatz dazu ist der berühmte Micael Bratt recht eindimensional geraten. In jeder Szene, in der er auftritt, neigt er zu Größenwahnsinn und schafft es sein zuvor bereits an den Tag gelegtes unhöfliches Verhalten noch zu toppen. Zudem ist sein Handlungsspielraum dadurch, dass er quasi permanent betrunken ist, ziemlich eingeschränkt.

Abgesehen von einem vorangestellten Prolog und einem nachgelagerten Epilog ist “Sommersonnenwende” zeitlich vom 6. Juni bis 18. Juli 1994 angesiedelt und wird von Anfang an abwechslungsreich aus mehreren Perspektiven geschildert. Denn Engman und Selaker nutzen den traumatisierten Ermittler und die unter ihrer Vergangenheit leidende Journalistin nicht dafür ein in typischer Weise ruhig erzähltes skandinavisches Krimi-Drama zu entspinnen, indem das Buch eine große Bandbreite unterschiedlicher Themen abdeckt, die meisten davon aber nur anschneiden kann. Auch werden die Hauptfiguren neben der im Mittelpunkt stehenden Vergewaltigungsserie mit weiteren Verbrechen wie einem schockierenden Massaker, das das beschauliche Falun erschüttert hat, konfrontiert. Durch die verschiedenen, begonnenen Handlungsstränge und die Vielzahl der angerissenen Themen, obgleich die Auseinandersetzung mit diesen meist nicht in der Tiefe erfolgt, die deren Bedeutung gerecht werden würde, erreicht "Sommersonnenwende" eine gewisse Komplexität. Dabei hat mich die gekonnte Integration tatsächlicher historischer Ereignisse aus dem Jahr 1994 wie des Amoklaufs in Falun oder der Erfolge, die die schwedische Nationalmannschaft bei der in den USA ausgetragenen Fußball-WM erzielt hat, in die von den Autoren ersonnene Kriminalgeschichte überzeugt, indem die Übergänge zwischen Fiktion und Realität fließend ausgefallen sind.
Dagegen ist die Entwicklung der erst so stark eingeführten Protagonisten Wolf und Berg weniger gelungen, da die nicht gänzlich schlüssig ist. Inkonsistenzen zeigen sich etwa bei den Gedächtnislücken von Wolf, die durch dessen traumatische Erlebnisse während seines Einsatzes im Bosnien-Krieg bedingt sind. Nachdem Engman und Selaker eingangs noch eindringlich PTBS-Symptome und deren Auslöser wiedergegeben haben, sind diese Aussetzer von Wolf im späteren Verlauf des Romans dann plötzlich über weite Strecken verschwunden. Berg trifft kaum nachvollziehbare Entscheidungen, wenn sie wiederholt allein bzw. höchstens mit Verstärkung des kleinen Sigge Tatverdächtige mit ihrer Theorie von Angesicht zu Angesicht konfrontieren muss, damit sie deren Reaktion ablesen kann. So bringt sie sich nur unnötigerweise in Gefahr, was zwar die Spannung in diesen Szenen hochtreibt, aber spätestens als sich bei Berg durch diese Aktionen kein Lerneffekt einstellt, zulasten der Glaubwürdigkeit ihrer Figur geht. Der Charakterisierung von Schauspieler Bratt hätte gut getan, wenn diese nicht derart einseitig geraten wäre, sondern die Autoren andere Seiten von ihm - wie etwa seine in Armut verbrachte Kindheit - näher beleuchtet hätten.
Nach einem starken Einstieg haben sich bei mir in den Mittelteil von "Sommersonnenwende" Längen eingeschlichen, weil die Verfolgung der falschen Fährten, die ich meist schnell als solche identifizieren konnte, aufgrund der Behinderung durch den Mittsommer-Feiertag, die Urlaubszeit sowie die Fußball-WM viel Zeit in Anspruch genommen hat. Da ich den zum Schluss enthüllten Täter recht früh vermutet habe, hätte ich diesen Krimi als gelungener empfunden, wenn Engman und Selaker statt der exzessiven Beschreibung der Finten interessanten Nebenfiguren mehr Raum gegeben hätten, um deren Handlungen für mich plausibler werden zu lassen. Dazu zählen Veras Ex-Freund Jonny und sein ambivalentes Verhältnis zu seinem Sohn Sigge, Wolfs Partner Zingo und dessen ausufernde Abwesenheitszeiten im Job sowie Wolfs jüngerer Bruder Peter und die Auswirkung der radikalen Aktionen von Thomas auf dessen weitere Entwicklung.

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Nicht ganz so gelungene, da wenig eigenständige Fortsetzung um den Gangster Danny Ryan

City of Dreams von Don Winslow

Danny Ryan will möglichst viel Abstand zwischen sich und Providence in Rhode Island bringen, weil er auf der Flucht ist, nachdem er den korrupten Agenten Jardin erschossen hat und zehn Kilo H, die im Verkauf auf der Straße Millionen eingebracht hätten, im Meer entsorgt hat. Begleitet wird Danny von seinem Vater Marty und Sohn Ian sowie dem kläglichen Rest der einst so stolzen irischen Mafia seiner Heimatstadt, der aus seiner Crew besteht.

Auf den Fersen sind Danny die FBI-Agentin Moneta, die auf Rache sinnt, da Jardin ihr Geliebter gewesen ist, und dem seine Schulden über den Kopf wachsenden Peter Moretti, der als Kopf der italienischen Mafia zwar den Krieg gewonnen hat, nun aber in seinen Geldsorgen ertrinkt. Obwohl Danny über keinen Notgroschen verfügt, ihm kein sicherer Fluchthafen bekannt ist und er zu viele Feinde hat, die mit allen Mitteln nach ihm suchen, gedenkt er das seiner Frau Terri auf ihrem Totenbett gegebene Versprechen, ihren Sohn zu beschützen, zu halten. Komme, was da wolle.

“City of Dreams” ist nach “City on Fire” der zweite Teil einer Trilogie von Don Winslow, der genau in dem Punkt beginnt, an dem der Vorgänger geendet hat. Obwohl der Autor am Anfang in zusammengefasster Form zentrale Ereignisse des ersten Bandes wiedergegeben hat, ist mir die Orientierung in diesem Roman zunächst schwer gefallen, indem ich nur mühsam den Überblick behalten konnte. Das lag wohl primär im recht umfangreichen Figurenarsenal begründet, mit dem “City on Fire” ausgestattet ist. In dieser Hinsicht hätte ich ein vorangestelltes Personenverzeichnis als hilfreich empfunden.
Der in der irischen Mafia groß gewordene Danny, der noch unter dem Verlust seiner Frau Terri leidet, die ihrer Krebs-Erkrankung erlegen ist, hat sich in “City of Dreams” über weite Strecken anderen Herausforderungen zu widmen, wenn er sich an die für ihn ungewohnte Rolle als Vater zu gewöhnen hat. Denn seine Verantwortung besteht nun darin, für den kleinen Ian, der bereits seine Mutter verloren hat, da zu sein. Zudem hat er sich um seinen Vater Marty zu kümmern, weil der immer häufiger Aussetzer hat, so dass dessen Diagnose Demenz wenig überraschend kommt. Auch muss Danny seine Gang unter Kontrolle behalten, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, was die Sicherheit seiner Familie gefährden würde. Sorgen bereiten Danny die jungen "Messdiener" Kevin Coombs und Sean South, die im guten wie im schlechten Sinn verrückt sind, indem er auf die Loyalität seines besten Freundes Jimmy Mac Neese, der ein ausgezeichneter Fluchtwagenfahrer ist, und von Ned Egan, dem Leibwächter seines Vaters, zählen kann.

Nach dem Prolog, der zeitlich deutlich später als der Beginn dieses Romans angesiedelt ist und der wegen seines offen gehaltenen Ausgangs, der die Danny von Seiten neu gewonnener Feinde drohenden Schwierigkeiten anreißt, spannend geraten ist, setzt die eigentliche Handlung ein. Die erst so steil angezogene Spannungskurve tendiert dann gegen Null, wenn Don Winslow bis zum Finale des ersten Teils so gut wie keine Szene einbaut, die das Adrenalin nach oben treiben würde. Denn der Autor stellt in den Mittelpunkt seines Buchs, wie Danny seinem Sohn ein richtiger Vater wird, da er seine Zeit damit verbringt, mit ihm auf den Spielplatz zu gehen, ihn dort rutschen zu lassen oder mit ihm im Pool zu planschen. Dabei hat die in “City of Dreams” erzählte Geschichte durchaus ihre interessanten Komponenten, die aber weniger bei Danny liegen und deren Intensität eher in den darin geschilderten Dramen als in Überfällen, Schießereien, Verfolgungsjagden und Mordanschlägen, die “City on Fire” in seiner Beschreibung des zwischen irischer und italienischer Mafia tobenden Kriegs geprägt haben, begründet liegt.
Hierzu hätte Don Winslow den Fokus seines Romans auf diejenigen seiner Figuren richten sollen, in deren Leben die Tragik die Oberhand gewinnt. Dafür hätten sich etwa die Demenz Erkrankung von Dannys Vater Marty und mehr noch die an ihrem Unglück zerbrechende Familie von Peter Moretti angeboten, zu der seine Frau Celia und deren drei Kinder gehören. Über die Probleme von deren jüngster Tochter, die sich immer weiter zuspitzen, verzweifelt ihre Mutter und weiß sich nicht anders zu helfen, als sie in eine luxuriöse Privatklinik einweisen zu lassen. Ihr Vater bemüht sich zwar, seiner Tochter die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie so dringend braucht, scheitert aber daran, weil er von seinen Geldsorgen abgelenkt ist, die auch die Finanzierung eines Aufenthalts in einer derart teuren Klinik verhindern. Statt in unnötiger Weise an der Vorlage der Aeneis festzuhalten und sich auf seinen Protagonisten Danny zu konzentrieren, hätte der Autor der Tragödie um die Familie Moretti nur mehr Raum geben müssen, damit das darin beinhaltete Drama seine Wucht entfalten kann.

Zudem rückt Don Winslow einen Handlungsstrang, der um die Filmstudios in Hollywood kreist, in den Mittelpunkt seines Romans. Die darüber eingeführte Meta-Ebene, die im Thema des dort gedrehten Films begründet liegt, ist zwar die Grundlage für einige humorvolle Szenen, die die Absurdität der Situation zur Schau stellen. Dadurch wird jedoch der eigentlich diese Trilogie bestimmende Grundton verfehlt, der in "City on Fire" vorgegeben wurde und zu einem Mafia-Epos passt. Abgesehen davon hebt sich "City on Dreams" kaum von seinem Vorgänger ab, wenn dieser Roman zu wenig Eigenständiges beizutragen hat und so eher die Geschichte des ersten Bandes wiederholt wird. Stärker wäre "City on Dreams" ausgefallen, wenn das Buch mehr Nebenfiguren wie der Chicagoer Mafia, die eine Zweigstelle in L.A. eröffnet hat und nun ihre Fühler nach Vegas ausstreckt, oder dem Drogenbaron Popeye Abbarca, der im Prolog als einäugiger Zyklop Eindruck hinterlassen hat, gefolgt wäre statt derart detailliert zu beschreiben, wie Danny die Füße still halten muss, um unsichtbar zu bleiben und nur noch legalen Tätigkeiten nachgehen darf.
Meinem Empfinden nach hat sich Don Winslow anders als in "City on Fire" und der gelungenen Integration eines Zyklopen in die Handlung allzu sehr an der Vorlage der Aeneis sowie weiterer Sagen, die den trojanischen Krieg und daraus resultierende Ereignisse auf Seiten der Griechen behandeln, orientiert. Dadurch steht etwa der Ausgang der Romanze, die sich zwischen Danny und einer Hollywood-Schauspielerin entspinnt, die er während der Dreharbeiten zum Film kennengelernt hat, bereits fest. Besonders deutlich tritt diese Schwäche aber im Drama um die Familie Moretti zutage. Dabei erzählt der Autor die entsprechende griechische Sage nach, ohne jedoch die Wucht der darin beinhalteten Tragödie heraufbeschwören zu können. So ist für mich, weil ich das Original kannte, früh klar gewesen, welchen Verlauf die Geschichte der Familie Moretti nehmen und welche Todesfälle das nach sich ziehen wird. Damit ist der drastische Überraschungseffekt, den Don Winslow wohl durch die Art, in der er dieses Drama wiedergegeben hat, das derart plötzlich seinen Kulminationspunkt erreicht hat, erzielen wollte, bei mir verpufft.

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Ruhig erzählter, durchdacht konstruierter, wenig spannender dritter Fall für Hawthorne und Horowitz

Wenn Worte töten - Kriminalroman (Hawthorne ermittelt 3) von Anthony Horowitz

“Wenn Worte töten” ist nach “Ein perfider Plan” und “Mord in Highgate” bereits der dritte Fall für den ehemaligen Scotland Yard-Mitarbeiter Daniel Hawthorne und seinen Biografen Anthony Horowitz. Dieser führt die beiden zum erstmals stattfindenden Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney.

Dort sollen Hawthorne und Horowitz Werbung für ihr neues Buch, das zwar noch nicht erschienen ist, machen, um die Zahl der Vorbestellungen anzukurbeln. Bereits vor deren Abflug verhalten sich einige der anderen am Festival teilnehmenden Autoren wie etwa die französische Performance-Dichterin Maissa Lamar verdächtig. Vor Ort eskalieren die schwelenden Konflikte zwischen Fernsehkoch Marc Bellamy und dem unsympathischen Sponsor des Festivals Charles Le Mesurier, die sich von früher kennen. Le Mesurier, der seinen Wohlstand dem Betreiben eines Online-Kasinos verdankt, führt sich eher so auf als würde ihm das Festival gehören. Auch die Einwohner von Alderney stehen angesichts der geplanten Hochspannungsleitung, die über die Insel verlaufen soll, unter Strom. Das Zentrum der Aufmerksamkeit bildet Colin Matheson als Kopf des Entscheidungsgremiums, dessen Frau Judith das Festival organisiert. Und dann geschieht ein Mord.

Indem ich die beiden vorigen Bände der Reihe nicht kannte, ist mir der Einstieg in diesen Krimi durch dessen erstes Kapitel erleichtert worden. Darin wird ein beim Verlag angesetztes Meeting beschrieben, da Hawthorne dem Verlag vorgestellt werden soll. Das erweist sich als clevere Idee des Autoren, weil er dabei nebenher seine Hauptfiguren einführen, die Dynamik von deren Beziehung näher beleuchten und auf wesentliche Ereignisse aus den bisherigen Büchern Bezug nehmen kann.
Hawthorne ist lange Zeit als Polizist für Scotland Yard tätig gewesen, bevor er Privatdetektiv geworden ist und nun als Berater bei der Aufklärung schwieriger Verbrechen unterstützt. Anthony begleitet ihn bei seiner Arbeit, um darüber Romane zu schreiben. So ergibt sich eine moderne Version der klassischen Holmes-Watson Konstellation. Dieser Eindruck wird durch die eigenwilligen Gewohnheiten, die Hawthorne bei der Nahrungsaufnahme pflegt, seinen meist distanzierten Umgang mit anderen, obgleich er auch sehr charismatisch sein kann, wenn er denn will, und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zur Deduktion, die er nach seinem ersten Treffen mit Mitarbeitern des Verlags zur Schau stellt, über deren Probleme er eine ganze Reihe von Erkenntnissen gewonnen hat, verstärkt.
Dass Horowitz sich dafür nicht zu schade ist, sich auf die Rolle eines Watson-artigen Sidekicks zu beschränken, dem der echte Mehrwert fehlt, da er Schriftsteller und nicht Arzt ist, ist ein sympathischer Zug. So ist ihm Hawthorne nicht nur bei der Lösung ihrer Fälle in jeder Hinsicht überlegen, sondern kommt sogar besser auf dem Literaturfestival an, das an sich das Metier von Horowitz sein sollte. In der Art, wie der Autor sich selbst in sein Buch hineingeschrieben hat, hat er eine ungewöhnliche Meta-Ebene gefunden, die in ihrer Unterscheidung von Realität und Fiktion etwa in Hawthornes Abgrenzung von anderen aus Fernsehserien bekannten Ermittlern und seiner Auseinandersetzung mit Kriminalromanen konsequent durchgezogen wird. Zudem nutzt der Autor die Gelegenheit während des im Verlag angesetzten Meetings oder Besuchs eines Literaturfestivals interessante Kommentare, die wohl eher kleine Seitenhiebe darstellen, zum Verlagswesen im Speziellen und Literaturbetrieb im Allgemeinen mit einfließen zu lassen. Abgerundet wird die Einleitung von einer dem Roman vorangestellten Karte von Alderney und einem recht detailliert ausgefallenen Personenverzeichnis auf Seite 29 ff., das kurze Lebensläufe der am Literaturfestival teilnehmenden Schriftsteller enthält.

Obgleich sich einige der eingeführten Figuren schon zuvor verdächtig verhalten haben, dauert es recht lang, bis die eigentliche Krimi-Handlung in die Gänge kommt. Als der angekündigte Mord geschieht, der unerwartet brutal ausfällt, ist bereits ein Drittel des Buchs verstrichen. Aber auch danach wollte bei mir trotz des clever konstruierten, gut durchdachten Plots, der mich zum Mitraten animiert hat, nicht so recht Spannung aufkommen. Quasi jede der beteiligten Personen hat Geheimnisse zu verbergen, die erst nach und nach aufgedeckt werden. Gekonnt umgesetzt sind die Hinweise darauf, die vom Autor eingestreut werden. Da lag es dann an mir als Leser die verschiedenen Spuren passend zueinander zu sortieren und der relevanten Figur zuzuordnen. Dabei sind nur bedauerlicherweise an mindestens zwei Stellen Hinweise durch die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche verloren gegangen. Diese liegen im sprachlichen Umgang oder in Wortspielen, die sich in der Form nicht in der deutschen Ausgabe wiederfinden, begründet. Beispielsweise hätte ich als passender empfunden, wenn der Spitzname, den Fernsehkoch Marc Bellamy in Internatszeiten erhalten hat, Teesieb anstelle von Tea Leaf lauten würde.
Dieser Roman sucht Spannung weniger durch actiongeladene Szenen wie Verfolgungsjagden oder einen klassischen Showdown, die Anthony Horowitz in seiner Alex Rider-Reihe bestens beherrscht, sondern vielmehr durch die Intensität, die in verschiedenen emotionalen Traumata steckt, zu erzeugen. Dabei will der Autor jedoch zu viel auf einmal, indem jede der auftretenden Figuren ihre Last zu tragen hat, die von Hawthorne enthüllt werden muss, um zu beurteilen, ob diese das Motiv für den Mord gewesen ist. An dieser Stelle wäre weniger mehr gewesen, wenn etwa auf den um eine Undercover-Operation kreisenden Handlungsstrang verzichtet worden wäre. Denn so ist dieser Krimi in seinem letzten Drittel eher zum pflichtschuldigen Abspulen von einer Szene nach der nächsten geraten, die lediglich der schlüssigen Auflösung der zuvor eingestreuten Hinweise dient. Das Drama, das in der Tragik des Lebens nicht nur des Mörders, sondern auch von Zeugen und anderen Beteiligten liegt und diese zu ihren Lügen, Betrügereien und weit schlimmeren Taten getrieben hat, ist für mich nicht greifbar geworden. Dafür hätte diesen Figuren mehr Zeit und Raum gegeben werden müssen. Zudem hätte ich mir gewünscht, dass der Autor den Mut besessen hätte, den in seinem Krimi vorherrschenden Ton insgesamt düsterer ausfallen zu lassen, um die darin eine Rolle spielenden menschlichen Abgründe besser ausloten zu können.

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Abwechslungsreich erzählte, intensive Menschenjagd mit überraschenden Wendungen

Going Zero von Anthony McCarten

Katelyn Day arbeitet als Bibliothekarin in Boston. Ihr routinierter Alltag wird durchbrochen, als sie die einmalige Chance erhält am Going Zero-Betatest der Fusion-Initiative teilzunehmen, worüber sie nach dem durchlaufenen Bewerbungsprozess ein Schreiben des Department of Homeland Security informiert.

Insgesamt hat dieser Betatest nur zehn Teilnehmer. Jeder dieser zehn Ausgewählten wird zum Verfolgten in einer maximal dreißig Tage andauernden Menschenjagd und muss sich in dieser Zeit vor den nahezu unbeschränkten technischen Möglichkeiten zur Überwachung, die dem Unternehmen Fusion unter Leitung seines genialen Chefs Cy Baxter zur Verfügung stehen, verstecken. Jeder Teilnehmer, dem das gelingen sollte, erhält dafür ein Preisgeld in Höhe von 3 Millionen Dollar. Und so beginnt die Jagd.

Mich erinnert die Handlung von Going Zero ein wenig an den Action-Film Klassiker Running Man mit Arnold Schwarzenegger bzw. an die Serie Most Dangerous Game mit Christoph Waltz, die allerdings von Anthony McCarten in seinem Roman in konsequenter Weise, was die technischen Möglichkeiten des heutigen Überwachungsstaats betrifft, modernisiert werden.
Dabei gibt es in Going Zero nicht nur einen Teilnehmer, der dreißig Tage lang untertauchen und unsichtbar werden muss, sondern gleich eine ganze Gruppe. Diese besteht zur Hälfte aus ganz gewöhnlichen Menschen. Die andere Hälfte wird von Profis womit größtenteils IT-Sicherheitsexperten gemeint sind. Letztere verfügen über besonderes Wissen bzw. einzigartige Möglichkeiten in Gestalt von eigens dafür entwickelter Software, um sich der Überwachung durch moderne Technik zu entziehen. Diese umfasst nicht nur die Nutzung von Handys, Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, woran man zuerst denken mag. Stattdessen entwirft Anthony McCarten ein erschreckendes Szenario, indem die Paranoiden nicht die Verrückten, sondern die Realisten sind.

Fusion-Chef und Leiter des Betatests Cy Baxter wird von Anthony McCarten nicht als profitgieriger IT-Mogul eingeführt, der nur nach einem gewaltigen Regierungsauftrag strebt, sondern als sich selbst optimierender, seine Stimmungsschwankungen mit Yoga kontrollierender Visionär. Cy ist geprägt durch ein in der Vergangenheit begangenes schreckliches Verbrechen und sucht das dabei erlittene Trauma dadurch zu verarbeiten, dass er die Wiederholung einer solchen Tragödie um jeden Preis verhindern will, indem er die Welt sicherer machen wird. So ist der Autor bemüht seine Figuren nicht in gut und böse unterteilt anzulegen. Dennoch sind die Sympathien von Anfang an klar verteilt. Sie gehören der Gruppe der Normalen, die am Going Zero Betatest teilnehmen. Das gilt für die psychisch ein wenig instabile, manchmal ziemlich eigenartige Katelyn, die als Bibliothekarin unterschätzt wird, aber auch für Rose Yeo, die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist, und für den ältesten Teilnehmer im Feld, den Veteranen Ray Johnson, der komplett analog lebt und dessen bescheidene Ansprüche wie realistische Einschätzung seiner Chancen mir gefallen haben. Diesen Underdogs habe ich in diesem ungleichen David-gegen-Goliath-Wettstreit von Beginn an die Daumen gedrückt.
Der Roman ist von Anthony McCarten so angelegt, dass durch seinen Aufbau die Spannung von Anfang an hochgetrieben wird. Da dauert es nur wenige Seiten, bis der Going Zero-Betatest und damit die Jagd auf dessen zehn Teilnehmer startet. Zudem wechselt der Autor von Kapitel zu Kapitel die Sichtweise zwischen Verfolger und Verfolgten. Dabei beweist er besonderes Geschick darin stets aus der Perspektive zu berichten, die die Ereignisse besonders überraschend werden lässt. Als Katelyn etwa die Fusion-Zentrale mit ihrem ersten Schachzug überlistet, wird das zwar zuvor aus ihrer Perspektive angedeutet, dann aber ausschließlich aus Sicht der Fusion-Zentrale erzählt, die von Katelyns Aktionen überrumpelt werden und ihre Niederlage gar nicht fassen können.

Im weiteren Verlauf dieses Romans sorgt der kontinuierliche Wechsel der Perspektiven zwischen Fusion-Zentrale und Betatest-Teilnehmer für eine abwechslungsreiche Erzählweise. So wird die Spannungskurve vom Autor hochgehalten. Dazu trägt auch bei, dass die meisten der zehn Teilnehmer gleich bei deren ersten oder spätestens dem zweiten Auftreten von der Fusion-Zentrale entdeckt und den auf ihren Kommandos hin agierenden Zugriffsteams gestellt werden.
Die Kehrseite der Medaille des hohen Spannungslevels ist, dass viele der an sich interessant angelegten Nebenfiguren wenig in Erinnerung bleiben, da Anthony McCarten diesen kaum Raum gibt. Dabei verschenkt der Autor viel Potenzial, was besonders schade bei den als Sympathieträger angelegten Figuren von Rose Yeo und Ray Johnson ist. Ich hätte aber auch gern mehr über Maria Chan, die als ehemalige Studentenaktivistin aus Hongkong im Asyl in den USA lebt, oder die früher so engagierte Polizistin Catherine Sawyers erfahren. Denn Anthony McCarten hat es geschafft, eine wirklich bunt gemischte Gruppe von zehn im Betatest Gejagten zusammenzustellen, aus der er nur leider zu wenig herausholt. Da hätte mir besser gefallen, wenn der Autor sich bis zum Start des Tests mehr Zeit gelassen hätte, indem er seine Nebenfiguren ausführlicher vorgestellt und mir die Möglichkeit gegeben hätte, diese besser kennenzulernen.

Dieser Wunsch wird dadurch verstärkt, dass die Figuren der Fusion-Zentrale und allen voran deren Chef Cy Baxter erstaunlich blass geblieben sind. Beim arbeitssüchtigen, von seinen Wutausbrüchen getriebenen Silicon-Valley-Milliardär Cy, der sein Unternehmen Worldshare, die Muttergesellschaft von Fusion, einst als begabter Programmierer aufgebaut hat, hätte ich eine schillernde, charismatische Figur erwartet. Doch nach seiner Vorstellung wirkte er auf mich konturlos und hinterließ kaum Eindruck. Auch die in diesen Kapiteln geführten Diskussionen, die um Datenschutz und den Überwachungsstaat kreisten, kratzten leider nur an der Oberfläche. Da hätte mir eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesen Themen besser gefallen. Und an Cys zwar überraschender Entwicklung im weiteren Verlauf des Romans hat mich gestört, dass diese für mich wenig nachvollziehbar gewesen ist, da die nicht zur vorigen Charakterisierung Cys passen wollte.
Die Figur von Cy leidet zudem darunter, dass ich den genialen IT-Mogul zuletzt etwa bei Jennifer Egan in Gestalt von Bix Bouton, dem Gründer eines sozialen Netzwerks, schon weit eindrucksvoller erlebt habe. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass sich Anthony McCarten mit der Charakterisierung von Cy ein wenig schwer getan hat. So hätte mir der Roman besser gefallen, wenn der Autor sich weniger auf Cy konzentriert hätte und stattdessen mehr von den zehn Teilnehmern am Betatest erzählt hätte.

Die zentralen Wendungen in diesem Roman konnten mich überraschen, auch wenn sie zuvor angedeutet wurden. Dabei sind diese derart durchdacht, dass sie höchstens in unbedeutenden Details nicht absolut konsistent sind, obwohl sie alles zuvor Erzählte auf den Kopf stellen. Zudem hat Anthony McCarten ein starkes Ende für seinen Roman gefunden, das bei mir wohl noch länger nachwirken wird und von einem passenden, zeitlich in der Zukunft angesiedelten Epilog abgerundet wird.

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Schwarzhumoriges Debüt rund um Auftragsmörder und Spione mit Anleihen bei John Wick und Mission Impossible

Seventeen von John Brownlow

Jones, besser bekannt als Seventeen, ist der beste Auftragskiller der Welt, den man für Geld kaufen kann. Als er den Tag entspannt in Berlin ausklingen lassen will, nachdem er gerade einen Job abgeschlossen hat, erreicht ihn der Anruf seines Vermittlers Handler, dass er unmittelbar im Anschluss einen weiteren Auftrag ausführen soll.

Seventeen, der immer noch die Verkleidung trägt, in der er vom letzten Tatort entkommen ist, will ablehnen, da ihm die Möglichkeit fehlt sich mit neuem Equipment einzudecken oder auch nur umzuziehen. Doch Handler lockt ihn mit einem äußerst großzügigen Honorar. Und so sucht Seventeen eine Übergabe unter Spionen zu infiltrieren, die ganz old school als sog. Brush Pass erfolgen soll. Dabei sind sein Ziel der Empfänger und die von diesem übernommene Ware, ohne dass er weiß, wer der Mann ist, was das Übergabeobjekt ist und wo diese Übergabe überhaupt stattfinden soll.

Protagonist Jones aka Seventeen, der von John Brownlow während eines Auftrags in Berlin vorgestellt wird, ist ein von sich überzeugtes Arschloch, das das selbst auch gar nicht in Frage stellt. Seine Gedankengänge sind geprägt von seiner derben Sprache und triefen von schwarzem Humor. Seventeen, der seinen Job wie kaum ein anderer beherrscht, zeigt seit neuestem erste Anzeichen dafür ein Gewissen zu entwickeln. So verfolgen ihn Bilder von seinen Aufträgen in Berlin, die er nicht ganz aus dem Kopf zu bekommen vermag.
Zu Beginn haben mich zwar die spannenden, da actiongeladenen Szenen überzeugt, die John Brownlow rasant erzählt, mit unerwarteten Momenten gespickt und denen er durch Seventeens eigenwillige Sichtweise einen besonderen Touch gegeben hat. Doch ist es mir schwer gefallen einen Zugang zu Jones aka Seventeen zu finden, der mir fremd geblieben ist, obwohl ich eigentlich ganz nah dran an ihm hätte sein sollen, weil der Roman in dessen ersten Teilen ausschließlich aus seiner Perspektive geschildert ist. So habe ich viel über die Art und Weise erfahren, in der er seine Aufträge ausführt, wenn er mit den ausgeklügelten Methoden und Tricks (u.a. Unsichtbarkeit durch extreme Sichtbarkeit) angibt, auf die er dabei zurückgreift. Interessanter wäre jedoch gewesen, wenn ich Seventeens moralische Zwickmühle, in die sein aufkeimendes Gewissen den abgebrühten Auftragsmörder stürzt, hätte nachempfinden können. Und auch die Angst, mit der der draufgängerische Seventeen konfrontiert wird, als er sich seinem legendären Vorgänger Sixteen und damit dem einzigen, das er zu fürchten hat, stellen soll, ist seltsam abstrakt geblieben.
Einen Zugang zur Hauptfigur habe ich erst bekommen, als John Brownlow im weiteren Verlauf dieses Romans nach und nach die Lebensgeschichte von Seventeen enthüllt hat, die in seiner schweren, von Armut gezeichneten Kindheit beginnt. Da gibt es nur ihn und seine Mutter Junebug, die selbst mit ihrer traumatischen Vergangenheit zu kämpfen hat. Trotz der schwierigen Verhältnisse, in denen die beiden leben, ist Junebug bemüht, für ihren Sohn zu tun, was sie kann. Als Seventeen seine Mutter zu früh verliert, gerät er auf die schiefe Bahn, um noch mehr Leid ertragen zu müssen, bis er endlich den Punkt erreicht, an dem er zum ersten Mal zurückschlägt. Indem er Rache nimmt an seinen Peinigern und denen seiner Mutter, schwört er sich, nie wieder als Opfer angesehen zu werden. Insgesamt hat John Brownlow die Entwicklung, in der der kleine, verängstigte Junge zum gefürchteten Auftragsmörder Seventeen geworden ist, für mich nachvollziehbar werden lassen.

Prinzipiell mag ich ungewöhnliche Schreibstile gern, die etwa zwischen verschiedenen, ineinander verschachtelten Zeitebenen hin und her springen. John Brownlow lässt zwar gekonnt erzählt die Vergangenheit von Seventeen wiederholt in gegenwärtige Ereignisse einfließen, wenn er beispielsweise zwischen den heruntergezählten Sekunden vor einem schwierigen Schuss und Szenen aus Seventeens Jungend wechselt. Insgesamt schien mir der Autor jedoch mit diesem von ihm beherrschten Schreibstil, der mehr um seiner selbst willen erfolgt, statt das dadurch die Spannung in diesem Roman hochgetrieben werden würde, seine Kunstfertigkeit demonstrieren zu wollen. Abgesehen von der eben erwähnten Szene mit dem Schuss wurden die Einschübe aus vergangenen Zeiten vom Autor meist als Stilmittel verwandt, um Passagen in der Gegenwart, in denen sonst wenig passiert wäre, zu kaschieren.
Besser hätte mir das Buch gefallen, wenn John Brownlow höchstens in einem vorangestellten Prolog, indem er einen Job von Seventeen in Berlin oder einen seiner vielen anderen Aufträge beschreibt, von der chronologischen Erzählweise seiner Geschichte abgewichen wäre. D.h. der Autor hätte mit Seventeens Kindheit bei Junebug begonnen, um mit seiner ihn traumatisierenden Jugend fortzufahren, bis er dann zum ersten Mal nicht mehr einstecken muss, sondern zurückschlägt und den darauf folgenden, von ihm getroffenen Entscheidungen, die seinen Werdegang bestimmen. Damit wäre der Roman stärker ausgefallen, weil ich von Anfang an eine Beziehung zur Hauptfigur hätte aufbauen können, deren Lebensweg für mich so nachvollziehbar gewesen wäre. Wenn der Autor mit der Schilderung der Ereignisse in der Gegenwart angekommen wäre, hätten konsequent Längen herausgekürzt und Szenen mit blassen Nebenfiguren auf das Wesentliche reduziert werden müssen. So hätte nach der Schilderung von Seventeens Kindheit und Jugend, die mehr Drama als Thriller ist, die Spannung in diesem Roman bis zu dessen Finale weiter angezogen werden können. Und sofern dieser stringente Aufbau für das schriftstellerische, als Autor von Drehbüchern geschulte Können von John Brownlow zu simpel gewesen wäre, hätte er stattdessen parallel die Lebensgeschichte von Seventeen und seinem Vorgänger Sixteen auf zwei unterschiedlich schnell verlaufenden Zeitachsen erzählen können.

John Brownlow punktet mit der interessanten Lebensgeschichte von Seventeen, seinen spannenden Aufträgen und einzigartigen Fähigkeiten, die im Rahmen der von ihm ausgeführten Jobs zum Tragen kommen. Besonders gut kommen letztere im Aufeinandertreffen von Seventeen und seinem ihm überlegenen Vorgänger Sixteen zur Geltung. Dieses Duell erinnerte mich an das Finale des Films Fallout, indem Ethan Hunt August Walker aka John Lark zur Strecke bringt. Anders als in diesem Teil der Mission Impossible-Reihe sind bei John Brownlow die Sympathien nicht so eindeutig verteilt, da Sixteen und Seventeen, die sich so sehr ähneln, dass sie derselbe Typ in einer jüngeren und älteren Version zu sein scheinen, sich nicht in gut und böse unterscheiden lassen.
Der Roman scheitert jedoch am Versuch ein übergeordnetes Auftragsmörder-Universum zu etablieren, wie das etwa die John Wick-Welt prägt. Die Ansätze dafür sind zwar vorhanden, wenn Jones aka Seventeen auf seinem Weg zur Nr. 1 vieles über die Vermittler, Hintermänner und Auftraggeber sowie die Regeln, die in seiner neuen Lebensumgebung gelten, lernt. John Brownlow gelingt es jedoch nicht diese interessanten Ansätze, die immer mal wieder in Seventeens Gedankengängen anklingen, zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.
An mancher Stelle hätte dem Buch eine gründlichere Recherche gut getan. So wird etwa zu Beginn des Romans der Potsdamer Platz als von Bank-Monolithen gesäumt und Berlin insgesamt als Banken-Metropole Deutschlands beschrieben. Die Banken-Hauptstadt Deutschlands ist aber Frankfurt am Main und in den Büro-Türmen am Potsdamer Platz residieren keine Banken. Auch identifiziert Seventeen eine verstümmelte Leiche, die er in der Berliner Morgenpost abgebildet findet, anhand des von ihr bei ihrer Ermordung getragenen T-Shirts. Doch in seriösen deutschen Medien werden für gewöhnlich keine Fotos derart schlimm zugerichteter Leichen veröffentlicht.

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Ruhig erzählter Krimi mit ungewöhnlicher Meta-Ebene und wenig passendem Humor in der Finsternis Islands

30 Tage Dunkelheit von Jenny Lund Madsen

Hannah Krause-Bendix ist als literarische Autorin mehrfach für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert worden, hat aber unter ihrer äußerst überschaubaren Leserschaft zu leiden. Um ihrem Lektor Bastian, der dennoch treu zu ihr steht, einen Gefallen zu tun, rafft sie sich zu einer Signierstunde auf der Buchmesse auf.

Dort trifft sie nach einer Verkettung unglücklicher Umstände auf ihren Erzfeind Jorn Jensen, der in Hannahs Augen der schlechteste Krimi-Autor der Welt ist. Da dessen Bücher sich allerdings hervorragend verkaufen, eskaliert der Konflikt zwischen Hannah und Jorn vor einer immer größer werdenden Menge an Zuschauern und mündet in der Ansage, dass Hannah in nur einem Monat einen Krimi schreiben wird, der besser ist als alle von Jorns bisherigen Werken.

Mit Hannah hat Jenny Lund Madsen eine alles andere als sympathische Protagonistin für ihren Roman ersonnen, die dafür aber umso interessanter ist. Die neurotische Hannah, die Menschenmengen vermeidet, da sie unter Platzangst leidet, raucht wie ein Schlot, ist auf dem besten Weg zur Alkoholikerin und hat schon lange nichts mehr veröffentlicht. Die Problematik wird durch ihre fortwährende Schreibblockade verschärft. Auch nimmt sie kein Blatt vor den Mund und so trifft ihre scharfe Zunge jeden gleichermaßen. Zu ihren Opfern werden neben Krimi-Autor Jorn eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse die Buchmesse besucht, und Praktikantin Claudia, die an Hannahs Stand aushelfen soll.
Gerade bei ihrer isländischen Gastgeberin Ella, mit der sie sich nur schriftlich verständigen kann, da Hannah kein isländisch und Ella weder dänisch noch englisch spricht, beginnt sie jedoch allmählich über ihre auf Notizzettel gekritzelten Unterhaltungen eine andere Seite von sich zu zeigen. Bei Ella hat Hannahs Lektor Bastian sie einquartiert, damit sie dort den Krimi schreiben kann, von dem er in Gedanken bereits hunderttausend Stück verkauft hat. Im kleinen isländischen Dorf Husafjördur soll Hannah die Abgeschiedenheit und Ruhe finden, die sie hoffentlich zum Schreiben inspirieren wird, indem sie ihre Schreibblockade überwindet.

Damit hat Jenny Lund Madsen neben einer interessanten Hauptfigur auch eine ungewöhnliche Ausgangssituation für ihren Krimi gefunden. Im weiteren Verlauf erzählt die Autorin ihre eher eigenwillige Geschichte in einem ganz eigenen Tempo, so dass es etwa recht lange dauert, bis die eigentliche Handlung, die um den Mordfall kreist, in die Gänge kommt. Denn zuvor muss Hannah erst auf Konfrontationskurs mit Krimi-Schreiberling Jorn gehen, was sie überhaupt in Bredouille bringt, einen Krimi abliefern zu müssen und am Schauplatz des zukünftigen Verbrechens einzutreffen.
Zudem ist die Meta-Ebene zu etablieren, bei der eine an einem Kriminalroman arbeitende Schriftstellerin auf einen tatsächlichen Mordfall trifft. Nach Hannahs Ankunft in Husafjördur stirbt Thor, der innig geliebte Neffe von Ella, unter rätselhaften Umständen, die zunächst als Unfall deklariert werden. Dabei ist von Jenny Lund Madsen gut umgesetzt worden, wie sich Hannah die Inspiration für ihren Krimi aus der Realität zusammenklaut, indem sie die Recherchen, die sie im Todesfall von Thor anstellt, in ihren Krimi mit einfließen lässt. Ab und an diktiert aber auch Hannahs aktuelle Stimmungslage, was sie schreibt, wenn sie sich etwa den Rachegelüsten an ihrer Nemesis Jorn hingibt, um die sich in einem fast schon kathartischen Befreiungsschlag von der Seele zu schreiben. Das gibt dem Roman eine ganz eigene Note.

Im Verlauf des Romans zeigt sich die Meta-Ebene in Gestalt der verstärkten Integration von Jorn in dessen Handlung. In dieser Form funktioniert die eingangs starke Meta-Ebene jedoch weit weniger gut. Das geht dann Hand in Hand mit der Entwicklung, die Hannah in diesem Krimi durchläuft. So dauert das gar nicht lange, bis die in ihrem Zynismus überzeugende Hannah eher weich wie Butter ist und die in ihrer Mordermittlung durch ihre neu gewonnene Naivität behindert wird, wenn sie keinem der Dorfbewohner einen Mord zutraut. Diese Veränderung von Hannahs grundlegenden Charakterzügen erfolgte derart rasch, dass sie mir unglaubwürdig erschien. Lediglich ihre Neurosen durfte sie behalten, weil diese als Ausgangspunkt für humorvoll angelegte Szenen dienten.
Der allzu oft recht primitive Humor hat meinen Geschmack etwa beim von Ella zubereiteten Willkommensfrühstück, in dem ein Fischbällchen eine Hauptrolle spielt, nicht getroffen. Teils habe ich Episoden, die herausgestellt haben, wie ungeschickt Hannah als Hobby-Detektivin mit Restalkohol im Blut vorgegangen ist, als unpassend empfunden. Denn diese sind beispielsweise beim ersten Versuch der Befragung von Thors Freund Jonni eher in Klamauk ausgeartet. Das ist kein Vergleich zum Beginn, bei dem der Schlagabtausch von Hannah und Jorn auf der Buchmesse, in dem Hannah ihrem angestauten Frust Ausdruck verliehen hat, noch großes Kino gewesen ist.
"30 Tage Dunkelheit" wäre weit intensiver geraten, wenn der Name dieses Krimis mehr Programm gewesen wäre. Das meine ich weniger im wortwörtlichen Sinn, der von Jenny Lund Madsen als Untermalung der düsteren Stimmung gut umgesetzt wurde. Denn Hannah besucht Island zu einer Zeit, in der die Tage extrem kurz und damit in lang währende Finsternis getaucht sind. Im übertragenen Sinn zeigen sich aber Schwächen. Da hätte ich mir gewünscht, dass die Drama-Teile dieses Krimis statt der humorvollen Szenen, der an der Figur von Jorn aufgehangenen Meta-Ebene und der Romanze hervorgehoben worden wären. Das hätte für mich eine Konzentration auf die Beziehung von Hannahs Gastgeberin Ella zu ihrer Schwester Vigdis und deren Mann Aegir bedeutet. Gelungen sind zwar die konfrontativen Begegnungen von Hannah und Aegir auf der einen sowie von Ella und Aegir auf der anderen Seite ausgefallen. Dabei hat die Autorin jedoch gerade Vigdis zu wenig Raum gegeben, so dass diese ebenfalls essentielle Figur in ihrer Reduktion auf die Rolle der lieben Schwester blass geblieben ist. Das hat der Tragik, die in den lang begrabenen Familiengeheimnissen liegt, einen Teil ihrer Wirkung genommen. Womöglich hätte sich sogar angeboten, mehr Zeit bis zum ersten Mord verstreichen zu lassen, damit Hannah Ellas Familie vor dem Unglück näher kennen lernen kann.

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Mehr antike Tragödie als in Ligurien angesiedelter Cosy Crime

Abschied auf Italienisch von Andrea Bonetto

Commissario Vito Grassi hat von seinem Vater nach dessen Tod ein Haus in Levanto geerbt, das in den letzten Jahren von dessen Leben zu seinem Projekt geworden ist. Aus einer Laune heraus lässt er sich von Rom nach Ligurien versetzen. Dabei stößt Grassi aber schon bei seiner Ankunft auf unerwartete Probleme in Gestalt von seiner neuen Mitbewohnerin Toni, die zusammen mit seinem Vater das Haus auf dessen Grundstück erbaut und einen kleinen Olivenhain angelegt hat, auf Polizisten aber gar nicht gut zu sprechen ist.

An deren Verschlossenheit beißt Grassi sich die Zähne aus, muss sich jedoch mit ihr arrangieren, weil sie für ihn die letzte Verbindung zu seinem verstorbenen Vater ist. An seinem ersten Arbeitstag führt ihn sein Weg zur Carabinieri-Station in La Spezia an einem Tatort vorbei. In einem Tunnel wurde die Leiche von Luisa Amoretti, die zusammen mit ihrer Familie einen Agriturismo betrieben hat, aufgefunden. Die Polizei vor Ort geht von einem Unfall aus. Doch Grassi hat da seine Zweifel.

"Abschied auf Italienisch" ist der erste Fall für Commissario Vito Grassi in seiner neuen Wahlheimat Ligurien. Mit Grassi hat Andrea Bonetto einen kantigen Charakter für seine Krimi-Reihe ersonnen, der als Kollege zwar wenig umgänglich ist, auf dessen auf seiner langjährigen Erfahrung basierenden Instinkt aber Verlass ist. Privat hängt er an seinem Roadster und seiner Plattensammlung, ist aber auch einem guten Cafe und Essen gegenüber nie abgeneigt. Im Fall von Luisa Amoretti ermittelt er an der Seite seiner jungen Kollegin Marta Ricci und wird von Rechtsmediziner Penza unterstützt. Dabei fällt Ricci durch ihren extravaganten Kleidungsstil auf, der von irritierend grünen Kontaktlinsen gekrönt wird, und Dottore Penza durch seine unwillkürlichen Pfeifkonzerte, die jede Situation mit der passenden Melodie unterlegen.
Zu Beginn stehen für einen Cosy Crime typische Elemente im Vordergrund. Eine Hauptrolle spielt dabei neben der guten italienischen Küche, die sich sogar in Grassis experimentellen Kochversuchen niederschlägt, sonst aber in den frischen Speisen eines Fischrestaurants, bei köstlichen Antipasti und mehr zeigt, die malerische Schönheit des idyllischen Ligurien. Die lässt sich in der Aussicht vom Grundstück, das Grassi von seinem Vater geerbt hat, oder auf einer Fahrt mit dem Roadster entlang der Küste genießen. Da mir die Gegend von Levanto bis La Spezia zuvor nicht bekannt gewesen ist, habe ich die in der Rückseite des Einbandes enthaltene Karte von Ligurien als hilfreich empfunden.
Humorvolle Szenen ergeben sich bei Andrea Bonetto aus den skurril angelegten Figuren, die doch sympathisch rüberkommen, sowie der Akklimatisierung des Städters Grassi an das Landleben. Letztere verläuft nicht ohne Probleme, wenn Grassi mit dem fehlenden Handynetz, der langsamen Internetverbindung und den nicht vorhandenen Lademöglichkeiten für seinen Roadster zu kämpfen hat. Zu den schrägen Figuren zählt neben Dottore Penza etwa auch Francesco, der im Dunkeln ausgestattet mit einem Nachtsichtgerät und bewaffnet mit einem nicht geladenen Jagdgewehr über Grassis Grundstück schleicht, um Toni zu beschützen.

Da zudem das Kompetenzgerangel der verschiedenen italienischen Polizeiorganisationen im Mittelpunkt steht, dauert das eine ganze Weile, bis die Ermittlung im Fall von Luisa Amoretti in die Gänge kommt. Solange Luisas Tod als Unfall angesehen wird, ist der Capitano der Carabinieri Bruzzone für dessen Untersuchung zuständig. Erst als sich die Hinweise auf ein Verbrechen nicht von der Hand weisen lassen, übernimmt die Polizia di Stato, die durch Grassi und seine neue Chefin Questore Feltrinelli vertreten wird.
Wenn die Ermittlung dann Fahrt aufnimmt, schaltet Andrea Bonetto von seiner eingangs ruhigen Erzählweise ein paar Gänge hoch. Dabei baut er die Handlung seines Krimis logisch auf. Dieser Schreibstil bringt jedoch den Nachteil mit sich, dass ich insbesondere aufgrund von nur wenigen, unzureichend ausgebauten falschen Fährten den größten Teil der Auflösung recht früh vermutet habe. So konnte mich "Abschied auf Italienisch" in seinem weiteren Verlauf mehr als Drama überzeugen, da die in seinem Kern beinhaltete Geschichte für mich Züge einer klassischen griechischen Tragödie aufgewiesen hat. Die Abgründe, die sich im Leben der daran beteiligten Figuren aufgetan haben, hat Andrea Bonetto glaubhaft für mich werden lassen.
Leider ist es dem Autor nicht gelungen, die unterschiedlichen Teile seines Romans zu einem in sich stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Denn der Krimi beginnt als ein um Lokalkolorit angereicherter Cosy Crime, um dann als intensives Drama, das seine Tragik aus der Fallhöhe seiner Figuren bezieht, zu enden. Indem ich den Schluss dieses Buchs als stärker als dessen Einstieg, der für meinen Geschmack ein wenig langatmig ausgefallen ist, empfunden habe, hätte ich mir gewünscht, dass "Abschied auf Italienisch" sich auf das Drama konzentriert und auf den Großteil seiner Cosy Crime-Elemente verzichtet hätte. Davon hätte ich nur die besondere Kulisse der malerischen Küste Liguriens beibehalten, weil diese ein ungewohnter, zumindest mir zuvor nicht bekannter Schauplatz ist, der einen interessanten Kontrast zu den dort aufgefundenen Leichen bildet. Um den düsteren Unterton, der im späteren Verlauf dieses Krimis mehr hervortritt, zu betonen, hätte sich angeboten etwa dem über dem Totenbett seiner Mutter zwischen Grassi und seinem Vater eskalierenden Konflikt und Grassis Verwicklungen in Mafia-Fälle während seiner Zeit als Polizist in Rom mehr Raum zu geben.

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Große Bandbreite abgedeckter Themen rund um das Leben in der Dunkelheit

Lebendige Nacht von Sophia Kimmig

Dass das einleitende Zitat aus dem Kinderbuch "Licht aus, sagte der Fuchs" von Marsha Diane Arnold stammt, ist symptomatisch für die Passagen, von denen das an sich fundierte Sachbuch zur lebendigen Nacht über weite Strecken dominiert wird. Denn mit einem Schreibstil, der von poetischen Beschreibungen, Anleihen beim Märchen sowie aus der Fantasy- und Science-Fiction-Literatur geprägt ist, hat Sophia Kimmig meinen Geschmack leider nicht getroffen.

Beispiele dafür sind ihre Ausführungen zu parallelen Welten und ihre Vergleiche aus der Comic-Welt.
Auch im Prolog schildert die Autorin auf fast schon mythisch zu nennende Weise das Leben an einer Bushaltestelle in der Nacht, das sie Dunkelwelt nennt. Prinzipiell finde ich die ungewöhnliche Kombination aus lyrischen Elementen mit wissenschaftlichen Fakten interessant. Das zeigen gelungene Umsetzungen etwa in den Tropen von Raoul Schrott, für die ich mich begeistern kann. Doch Sophia Kimmig fehlt dafür das literarische Talent. Ihre Stärke ist als promovierte Biologin ihr wissenschaftlicher Hintergrund. So hätte ich den Prolog als gelungen empfunden, wenn die Autorin auf poetische Anwandlungen verzichtet hätte, um stattdessen von ihrer Doktorarbeit über Füchse oder dem Forschungsprojekt, in dessen Rahmen sie sich mit nachtaktiven Tieren auseinandersetzt, zu berichten. Zudem hätte ich als einleitendes Zitat das einer berühmten Biologin, die damit von der Autorin vorgestellt worden wäre, als passender angesehen.

Auch im weiteren Verlauf des Buchs hätte ich mir gewünscht, dass die Stärken von Sophia Kimmig mehr zum Tragen gekommen wären. Denn die Abschnitte, in denen die Autorin ihr fundiertes Wissen zeigt, habe ich als weit überzeugender empfunden. So habe ich mir etwa im ersten Kapitel gern von ihr die lateinische Artbezeichnung, die sich aus Gattung und Art zusammensetzt, sowie die auf das Farbsehen spezialisierten Zapfen in der Netzhaut des Auges, die in zwei verschiedene Arten von Sehzellen zu unterscheiden sind, erklären lassen. Dabei sind ihre Erläuterungen, die durch exakte Quellenangaben belegt sind, verständlich formuliert.
Auf das oft recht umfangreiche Füllmaterial, das mit der Vermittlung dieses Wissens einhergeht, hätte ich aber verzichten können. Die Überleitung von einem zum nächsten Thema besteht meist aus einer Reihe von Fragen, die mich dazu anregen sollten, mir bestimmte Szenarien vorzustellen oder mich in entsprechende Situationen hineinzuversetzen. Das ist aber bei der anschaulichen Art und Weise, auf die das darauf folgende Wissen dargelegt wird, gar nicht nötig. Dem hätte ich auch ohne die einleitenden Fragen gut folgen können. Ebenso wenig hätte ich die wiederholt auftretenden Sätze gebraucht, in denen die Autorin betont, wie spannend das Fachgebiet der Biologie ist. Das sollte doch durch den Inhalt deutlich werden.
Statt die Themen mit solchen Sätzen zu beenden, die wohl verdeutlichen sollen, dass nun ein Exkurs abgeschlossen ist, wäre der Aufbau strukturierter ausgefallen, wenn die Autorin zur Gliederung des Fließtextes Infokästen oder Übersichten in tabellarischer Form eingebunden hätte. Ein Beispiel für eine solche Übersicht wäre die prozentuale Unterscheidung in tag- und nachtaktive Tierarten u.a. für Säugetiere, Vogelarten und Insekten. Infokästen hätten den zusätzlichen Vorteil mit sich gebracht, dass darin vermitteltes Wissen so übersichtlich aufbereitet worden wäre, dass diese sich zum späteren Nachlesen anbieten sowie zum Nachschlagen eignen würden.

Als sinnvolle Ergänzung hätte ich angesehen, wenn Sophia Kimmig weiterführende Literatur empfohlen hätte, sofern Themen etwa außerhalb des Fokus dieses Sachbuchs liegen. Dabei hätten mich beispielsweise Informationen zu den verschiedenen von der Autorin aufgelisteten Tagfaltern (u.a. Kohlweißling, kleiner und großer Fuchs, Bläuling, Aurorafalter, Schachbrett) interessiert. Auch ein Link, der auf die Rote Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten der internationalen Weltnaturschutzunion IUCN verweist, wäre hilfreich gewesen.
Um trotz des vermittelten Wissens die Lesbarkeit in ihrem Buch zu wahren, kann ich nachvollziehen, dass Sophia Kimmig auf zu viel Fachvokabular und dessen Erläuterung verzichtet hat. An manchen Stellen hätte ich mir jedoch gewünscht, dass die Autorin, um diese Balance zu wahren, mehr mit Fußnoten gearbeitet hätte. So hätten etwa die Nachtfalter Eumorpha labruscae oder Citheronia regalis, aber auch Candela und Lumen als Einheiten zur Quantifizierung des Lichts näher erläutert werden können.
Die Vorstellung mir unbekannter nachtaktiver Tiere wie etwa des auf Neuguinea vorkommenden Tüpfelkuskus, des neuseeländischen Kakapos, des Blattschwanzgeckos oder des Taguans ist interessant gewesen. Dabei haben mir aber Bilder gefehlt. Mit dazu passenden Fotos, die die genannten Tiere abbilden, hätte ich deren Beschreibung als weit gelungener empfunden. Denn ich möchte während der Lektüre des Buchs nicht nebenher die erwähnten Tiere googeln müssen, um ein Bild von diesen vor Augen zu haben.
Was mir an Lebendige Nacht besonders gut gefallen hat, ist das wirklich spannende, unter Sachbüchern leider sonst so unterrepräsentierte Thema der nachtaktiven Tiere. Dabei wird das Leben in der Dunkelheit von Sophia Kimmig in einem breiten Spektrum behandelt. Die Bandbreite der nachtaktiven Tieren reicht von Tierarten, die ich erwartet habe, wie den Eulen, Fledermäusen und Waschbären, über Tiere, an die ich nicht unbedingt gedacht habe, wie die Haselmaus, den Sieben- und Gartenschläfer bis hin zu solchen, die mir zuvor nur dem Namen nach bekannt gewesen sind, wie den Bilchen und Nachtfaltern. Ergänzt wird das von weiteren Kapiteln, die rund um das Leben bei Nacht kreisen. Diese schließen etwa die Ursachen für die Nachtaktivität von Tieren, deren Ursprung in der Urzeit liegt, sowie einen faszinierenden Exkurs zu Tieren, die an Land, aber auch Unterwasser Licht ins Dunkel bringen, mit ein.

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Erzählungen um einen mythischen Fels im Wandel der Zeit

Der weiße Fels von Anna Hope

Eine namenlose Schriftstellerin reist in 2020 mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann in einem Van durch Mexiko. Begleitet werden sie von einer bunt zusammengewürfelten Gruppe bestehend aus einem Mexikaner und einem siebzigjährigen Schamanen, einer Senegalesin und ihrem Kind, einem Musikproduzenten aus Schweden sowie einem Kolumbianer, einer unterwegs aufgegabelten Französin, einer Deutschen und einem Engländer.

Ihr Ziel ist eine kleine Stadt am Pazifik. Dort ist der weiße Fels zu finden, der für die Wixárika eine heilige Stätte darstellt. Für die Schriftstellerin und ihren Mann ist diese Reise eine Pilgerfahrt. Denn nachdem sie sieben Jahre lang alles versucht hatten ein Kind zu bekommen, ist sie nach der Zeremonie eines Schamanen der Wixárika schwanger geworden. Und nun werden sie dafür in Gestalt von Opfern etwas zurückgeben.

Der weiße Fels hat einen ungewöhnlichen Aufbau, der mich an mythische Geschichten wie die aus 1001 Nacht erinnert hat. Darin wird eine Geschichte begonnen, um dann mittendrin eine weitere anzufangen, um wiederum eine neue Geschichte aufzunehmen, bis auf diese Weise die vierte Erzählebene erreicht ist, um erst dann die zuletzt begonnene Geschichte zu beenden. Auf diese verschachtelte Art erzählt Anna Hope Geschichten, die um den weißen Felsen kreisen, der bei den Wixárika Tatéi Haramara heißt und den sie für den Ursprung allen Lebens halten. Dabei sind die verschiedenen Kapitel aus unterschiedlichen Perspektiven, die sich auf anderen Zeitebenen bewegen, geschildert. Zu diesen zählen neben der Sichtweise der Schriftstellerin, die in der Gegenwart angesiedelt ist, die eines berühmten Sängers Ende der 60er Jahre, eines erst zwölf Jahre alten Mädchens Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eines Kapitänleutnants aus dem Jahr 1775.
Davon ist die Schriftstellerin, die permanent mit ihrer Unsicherheit ringt, die schwächste Figur. Auch ihr neidvoller Blick auf die mit ihr reisende Senegalesin, der es im Gegensatz zu ihr mühelos gelingt ihre Tochter zu versorgen, die stets sauber, ruhig und zufrieden ist, lässt sie nicht gerade sympathischer wirken. Zudem scheitert sie an dem Buch, das sie eigentlich während ihrer mehrmonatigen Reise über Mexiko schreiben wollte und für das sie im Vorfeld umfangreiche Recherchen angestellt hat. Leider hat Anna Hope die Gelegenheit verpasst dieser Schriftstellerin zumindest eine interessante Vergangenheit zu geben, wenn sich diese nur an die Untreue ihres Ehemanns und an ihre eher fadenscheinige Motivation, mit der sie sich Protesten gegen den Klimawandel angeschlossen hat, erinnert.

Die dem weißen Felsen zugrunde liegende Intention der Autorin verstehe ich so, dass sie die Figuren, aus deren Sicht sie die Ereignisse schildert und denen sie keinen Namen gibt, sondern sie nur durch ihre Rolle (die Schriftstellerin, der Sänger, das Mädchen, der Leutnant) charakterisiert, eher als Archetypen denn als Personen ansieht. Das gelingt beim Sänger und beim Mädchen gut, lässt auch beim Leutnant wenig zu wünschen übrig, obgleich sein Freund Miguel Manrique die bessere Wahl als Leutnant gewesen wäre. Denn Miguel ist die interessantere, da charismatischere Figur, dessen Gedankengänge über seine besondere Verbindung zum weißen Felsen einen tieferen Einblick in dessen einzigartige Natur hätten geben können. Im Vergleich zu den zuvor genannten Figuren bleibt die Schriftstellerin blass. Am spannendsten sind die Kapitel der Schriftstellerin, wenn sie anderen Mitgliedern ihrer Reisegruppe aus dem von ihr recherchierten Leben des Sängers und den Umständen der schwersten Reise im Leben des Mädchens erzählt. Indem sie dabei teilweise den Inhalt der später folgenden Erzählungen wiedergibt, nimmt sie diesen damit aber nur einen Teil ihrer Wirkung. Stärker wäre der weiße Fels ausgefallen, falls Anna Hope der Versuchung widerstanden hätte mit einer zeitlich in der Gegenwart angesiedelten Geschichte einen Rahmen um die anderen Kapitel dieses Buchs spannen zu wollen. Denn diese Erzählungen hätte ich als gelungener empfunden, wenn die Autorin den Mut bewiesen hätte diese nur für sich selbst sprechen zu lassen, statt sie in einem übergeordneten Kapitel zusätzlich zu erläutern.
Die Kapitel erzählen starke Geschichten, die mir wohl noch länger im Gedächtnis bleiben werden, abgesehen von der, die die Schriftstellerin betrifft. Dabei hat Anna Hope nur manchmal ein wenig zu dick aufgetragen, wenn sie es mit den in ihren Geschichten eine Rolle spielenden Superlativen übertrieben hat. Beispielsweise muss ja nicht gleich der berühmteste Sänger, dessen Vater der jüngster Admiral der US-Marine und maßgeblich am Ausgang des zweiten Golfkriegs beteiligt gewesen ist, zu einer Hauptfigur werden. Auch ertrinkt dieser Sänger gleich in einem ganzen Sumpf aus Problemen, indem er mit seinem Übergewicht, seiner Alkohol- und Drogensucht zu kämpfen hat, ihm eine Anklage nach seiner öffentlichen Entblößung droht und der von seiner langjährigen Freundin verlassen wurde. Zudem schildert Anna Hope die menschlichen Abgründe, die sich in den Kapiteln des Mädchens auftun, fast schon mit einem voyeuristischen Blick darauf, der sich am Leid und der Qual der Yoemen ergötzt.
Statt dieser expliziten Beschreibung der Grausamkeiten, die die Yoemen zu erdulden haben, hätte die Autorin sich besser auf die mythische Elemente ihrer Erzählung konzentriert, die dieser einen besonderen Touch geben. Denn das Mädchen besitzt nicht nur Empathie und einen guten Orientierungssinn, sondern verfügt auch über die Fähigkeiten einer Seherin. Insgesamt hätte eine ruhigere Erzählweise diesen Geschichten gut getan, weil diese die stillen Momente darin betont, die weit stärker ausgefallen sind. Beispiele dafür sind die Entdeckung der Jupiter Monde vom Leutnant durch sein Teleskop, der leise Widerstand eines hoch gewachsenen Familienvaters, wie ein Danke zur schlimmsten Demütigung der Unterdrückten werden kann und das Ende eines vollkommen über die Stränge geschlagenen Drogentrips, das ein besserer Abschluss für diesen Roman als sein tatsächliches Ende gewesen wäre.

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