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Rezensionen von Bücherfreundin:

Verlust und Trauer

Und es wird trotzdem wieder Sommer werden von Sebastian Becker

Der Instagram-Künstler Sebastian Becker, bekannt unter dem Namen Tschief, veröffentlicht seit 2012 kurze und poetische Texte in unverwechselbarer Handschrift im Internet. In seinem Buch "Und es wird trotzdem wieder Sommer werden" thematisiert er den Tod seines damals 57-jährigen Vaters und lässt uns teilhaben an seiner Trauer.

Es ist ihm wichtig, dass sein Buch nicht als Trauerbuch verstanden wird, er möchte beschreiben, was ihm passiert ist und wie es sich angefühlt hat.

Der Ich-Erzähler Sebastian ist 28 Jahre alt und befindet sich gerade bei seiner Mutter, als er erfährt, dass sein Vater beim Wandern so schwer gestürzt ist, dass er ins Krankenhaus transportiert werden musste. Wenige Stunden nach seiner Einlieferung verstirbt der Vater.

Mit viel Empathie und großer Offenheit beschreibt der Autor die schwere Zeit nach dem Tod seines Vaters. Fast drei Monate bleibt er in dessen Haus und ist von vielen Menschen umgeben, die füreinander da sind, für die Mahlzeiten sorgen und sich um alles Notwendige kümmern. Er erinnert sich an seine letzte Begegnung mit dem Vater zwei Tage vor dessen Tod, an seine Kindheit und Jugend. Die Eltern trennen sich, als Sebastian noch ein kleiner Junge ist, später besucht er den Vater und dessen neue Familie an jedem zweiten Wochenende. Er denkt an eine gemeinsame Bergwanderung im Schnee, an eine Hotelübernachtung und an unzählige Gespräche. Als er sich dazu entschließt, sein Studium abzubrechen, ist der Vater für ihn da und nimmt sich viel Zeit, um mit ihm zu überlegen, wie es weitergehen kann.

In teils sehr kurzen Abschnitten, die mit handgeschriebenen Texten und gezeichneten Sonnenblumen eingeleitet werden, hält der Autor seine persönlichen Erinnerungen und Gedanken fest. Dabei gewährt er uns tiefe Einblicke in seine Gefühls- und Gedankenwelt. Sehr gut gefallen hat mir die Beschreibung des Vater-Sohn-Verhältnisses anhand kleiner Episoden und Anekdoten. Obwohl Vater und Sohn in Liebe miteinander verbunden sind, lässt der fehlende Alltag sie einander fremd werden.

"Und es wird trotzdem wieder Sommer werden" hat mich zutiefst berührt, da ich bereits mehrere Herzensmenschen verloren und mich in den Schilderungen über Schmerz, Trauer und Sehnsucht oft wiedergefunden habe. Das Buch ist kein Ratgeber, kann es nicht sein, denn jeder trauert anders. Es gibt Denkanstöße, vermittelt andere Sichtweisen, macht Mut und gibt Hoffnung. Voller Wärme erzählt der Autor von seinem Vater und der großen Sehnsucht nach ihm. Es geht in dem Buch nicht nur um die schmerzvolle Trauer, es geht auch um Sprachlosigkeit, Liebe und Dankbarkeit.

Meine Lieblingsstelle im Buch ist diese Aussage des Autors: "Ich glaube, man darf nach dem Tod einer geliebten Person für immer traurig sein, aber nicht für immer unglücklich. Das Leben kehrt zurück - und mit ihm die Möglichkeit, zu blühen".

Absolute Leseempfehlung!

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Mitreißende und bewegende Familiengeschichte

Buckeye von Patrick Ryan

Der aktuelle Roman "Buckeye" des amerikanischen Autors Patrick Ryan, der im September 2025 in den USA erschienen ist und dort auf Anhieb die Bestsellerlisten eroberte, liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor. Im Mittelpunkt der 656 Seiten umfassenden Geschichte stehen zwei Paare, deren Leben auf besondere Weise miteinander verflochten sind.

Ann Napolitano, Chris Whitaker und Tom Hanks haben sich sehr lobend über das Buch geäußert, meine Erwartungen waren dementsprechend hoch - und ich wurde nicht enttäuscht!

Bonhomie in Ohio: Wir schreiben das Jahr 1945, als die attraktive Margaret Salt den Werkzeugladen von Cal Jenkins betritt und ihn fragt, ob er ein Radio besitzt. Die Nachricht vom Kriegsende versetzt sie in so große Freude, dass sie Cal spontan küsst. Dieser kurze Moment setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die zwei Familien für immer miteinander verbinden wird.

Die Handlung springt 3 1/2 Jahre zurück, und wir lernen Cal kennen, der mit Becky verheiratet ist und im Werkzeugladen seines Schwiegervaters arbeitet. Er ist wegen eines von Geburt an verkürzten Beins kriegsuntauglich. Das Paar hat einen Sohn, den sie Skip nennen. Becky ist erfolgreich als Medium tätig und versucht in Séancen, für ihre verzweifelten und trauernden Klienten mit Verstorbenen in Kontakt zu treten. Dass sie ihre Fähigkeiten ohne Cals Wissen in einer Zeitung anbietet, führt zu einer Entfremdung des Ehepaars.

In einem zweiten Erzählstrang treffen wir auf Margaret und Felix Salt. Margaret wurde als Baby von ihrer Mutter vor einem Waisenhaus abgelegt und lebt dort bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Sie zieht nach Columbus, um dort in einem Café zu arbeiten. Bald lernt sie Felix kennen, der ihr nach drei Monaten einen Heiratsantrag macht. Er hat Betriebswirtschaft und Ingenieurswissenschaften studiert und ist für eine Firma tätig, die Aluminium produziert. Nach ihrer Hochzeit wird Felix befördert, und sie ziehen nach Bonhomie. Doch die junge Frau, die auf Wunsch ihres Mannes nicht mehr berufstätig ist, ist in ihrer neuen Umgebung nicht glücklich.

Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des Vietnamkriegs begleiten wir die beiden Familien über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten, lernen ihre Lebensgeschichten kennen und erleben ihre Höhen und Tiefen. Es geht nicht nur um Liebe, Familie und Verlust, sondern auch um Eltern und ihre Kinder, Lügen und Schuld, um Freundschaft und Identität. Geheimnisse und verdrängte Neigungen werden offenbart, und es gibt schicksalhafte Wendungen.

Das fesselnde Buch hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen und begeistert, ich konnte es kaum aus der Hand legen. Die Schicksale der Protagonisten haben mich erschüttert und zutiefst berührt. Ich mochte die klare Sprache des Autors, seinen Humor und den ruhigen Erzählstil. Der damalige Zeitgeist und der gesellschaftliche Wandel sind hervorragend beschrieben, ebenso die Auswirkungen der Kriege auf die amerikanische Bevölkerung. Auch die Charakterzeichnung ist Patrick Ryan perfekt gelungen, er skizziert seine Figuren so authentisch, dass ich sie mir gut vorstellen konnte. Meine Lieblingsfigur war Felix, dem es nicht gelingt, seine Kriegstraumata und den Verlust seiner großen Liebe zu verarbeiten. Ich mochte aber auch Tom, konnte seine Bitterkeit wegen Margarets Verhalten und seinen Zorn wegen Felix' Schweigens gut nachvollziehen. Auch das Schicksal von Cals Vater Everett, der seine Traumata aus dem Ersten Weltkrieg in Alkohol zu ertränken versucht, hat mich sehr berührt.

Absolute Leseempfehlung für diesen meisterhaft geschriebenen Roman, in dem der Autor gekonnt die amerikanische Geschichte mit den Schicksalen zweier Familien verwebt und den ich mir auch sehr gut als Vorlage für eine bewegende Verfilmung vorstellen könnte!

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Inspirierendes Buch mit wunderbaren Fotos

KUNTH Bildband Erlebnis Flusskreuzfahrt von Katinka Holupirek

Das Interesse an entspannten Reisen auf hoher See und Flüssen ist groß, immer mehr Urlauber buchen Flusskreuzfahrten und genießen die zahlreichen Vorteile dieser Urlaubsform. Auf dem Hotelschiff geht es ruhig und gemütlich zu, niemand wird seekrank, der Blick auf die schönen Flusslandschaften ist Balsam für die Seele.

Obwohl der Standort ständig wechselt, entfällt das lästige Kofferpacken, nach einem gemütlichen Frühstück startet man zu seinem Tagesausflug und besucht historische Orte und die interessantesten Sehenswürdigkeiten entlang der Route.

In seinem aktuellen Bildband "Erlebnis Flusskreuzfahrt: Reisen auf den schönsten Wasserwegen Europas" stellt der renommierte Kunth Verlag auf 288 Seiten die schönsten und beliebtesten Flusskreuzfahrten unseres Kontinents vor. Die ersten beiden Seiten der 28 Kapitel beschreiben die einzelnen Schifffahrtsrouten und nennen ihre Länge, die Reisezeit und Reisedauer. Auf den Folgeseiten finden wir Beschreibungen und einzigartige Farbfotos der schönsten Küstenorte entlang der europäischen Flüsse, Kanäle und Seen in Irland, Großbritannien, Schweden, Frankreich, Spanien, Portugal, der Niederlande, Belgien, Deutschland, der Schweiz und Italien. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Donau, die vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer durch Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine fließt.

Da ich in der Nähe von Köln lebe, waren für mich natürlich die Routen auf dem schönen Rhein von besonderem Interesse, ganz besonders die 490 km lange Fahrt zwischen Köln und Basel sowie die unterschiedlichen Fahrten in die Niederlande. Ein großer Traum wäre neben einer Kreuzschifffahrt auf der Donau auch eine Reise auf Rhône und Saône, um in Arles auf Vincent van Goghs Spuren zu wandeln.

Der übersichtlich gestaltete Bildband im Großformat mit den umfassenden Informationen, Anregungen und wunderschönen Farbfotos lädt zum Träumen ein, er hat mich begeistert und mir viel Lesefreude bereitet. Er hat mir umfangreiches Hintergrundwissen vermittelt und ist für mich die ideale Unterstützung bei der Planung meiner nächsten Flusskreuzfahrten. Die Übersichtskarten, die den genauen Verlauf der Flussreisen darstellen, fand ich sehr hilfreich. Hervorheben möchte ich die sehr hochwertige Gestaltung, die das Buch auch zu einem kostbaren Geschenk macht.

Absolute Leseempfehlung!

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Großartiges Buch über die richtige Ernährung für optimale Blutfettwerte

Die Ernährungs-Docs - Cholesterin senken - Unsere 100 besten Rezepte von Matthias Riedl; Jörn Klasen; Silja Schäfer; Viola Andresen

Ich bin seit der ersten NDR-Sendung "Die Ernährungs-Docs" begeistert von den Reportagen, in denen schon vielen Menschen mit unterschiedlichen gesundheitlichen Problemen auf der Basis einer Ernährungsumstellung geholfen wurde.

In "Cholesterin senken - Unsere 100 besten Rezepte", dem aktuellen Buch der Ernährungs-Docs, steht das Thema Cholesterin im Fokus.

Auf den ersten 17 Seiten können wir unser Wissen vertiefen, es geht u.a. um gute und schlechte Fette, die Fettverdauung und Essen für gute Gefäße. Diese Informationen sind auch für medizinische Laien gut verständlich. Es folgt eine zweiseitige Übersicht über die Top-Lebensmittel für gute Cholesterinwerte.

Ab Seite 19 folgen 100 Rezepte für Frühstück, Hauptgerichte, kleine Gerichte und Süßes. Jeder Rezeptvorschlag umfasst ein bis zwei Seiten mit Zutatenliste und Zubereitungshinweisen, schöne Farbfotos präsentieren das Ergebnis. Ich bin begeistert von der Fülle der vorgestellten Speisen, die leicht zuzubereiten sind. Einige Rezepte habe ich bereits ausprobiert und mich sehr gefreut, dass sie mir so gut schmeckten. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass manche Zutaten nicht in jedem Haushalt vorhanden sind, wie z.B. Rote-Linsen-Mehl, dunkles Mandelmus oder rohe Kakao-Nibs.

Das Buch umfasst 215 Seiten, es ist sehr hochwertig und übersichtlich gestaltet. Am Ende befindet sich ein dreiseitiges Rezeptregister, das die Suche nach bestimmten Gerichten erleichtert. Des Weiteren gibt es einen Test, mit dem man herausfinden kann, wie es um die eigene Herzgesundheit bestellt ist.

Ich glaubte, bereits viel über das Thema zu wissen und habe doch einiges hinzugelernt, so z.B., dass zwei Hafertage effektiver sind als ein tägliches Haferfrühstück. Der positive Effekt auf den Cholesterinspiegel ist sogar noch nach sechs Wochen nachweisbar! Überrascht hat mich auch die Aussage der Ernährungs-Docs, dass nur 20 % unseres Cholesterins von der Nahrung stammen, während 80 % des Cholesterols (körpereigenes Cholesterin) in der Leber produziert werden.

Absolute Empfehlung für dieses tolle Rezeptbuch, das dabei helfen kann, den Cholesterinspiegel mit der richtigen Ernährung zu senken.

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Melancholische Geschichte

Wirf einen Schatten von Elena Fischer

Im Mittelpunkt von "Wirf einen Schatten", dem neuen Roman von Elena Fischer, steht der Bergbauer Joseph, dessen Frau Lis mit dem 4-jährigen gemeinsamen Sohn Samuel in die Stadt gezogen ist. Anfangs hatte er noch gehofft, dass die beiden bald zurückkehren würden, doch mittlerweile sind sechs Monate vergangen, in denen er von Lis nichts mehr gehört hat.

An Heiligabend des Jahres 1963 versinkt er in tiefer Trauer, hält sein Leben und die Perspektivlosigkeit nicht länger aus. Er ist davon überzeugt, dass er das Richtige tut, wenn er seinem Leben ein Ende setzt. Die Tiere hat er mit mehr Futter als sonst versorgt und das Gewehr liegt bereit, als es an der Tür klingelt. Er kann die junge Frau, die einen Schwächeanfall hat, gerade noch auffangen und trägt sie zum Sofa. Bald erkennt er, dass Birdie, wie sie sich nennt, ernsthaft krank ist. Er kümmert sich darum, dass sie Hilfe bekommt und bietet ihr an, bei ihm zu bleiben, bis sie sich erholt hat ....

Die Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die erste Ebene beginnt mit dem 24.12.1963, während der zweite Erzählstrang im August 1963 mit dem Tag beginnt, an dem Lis gemeinsam mit Samuel ihren Mann verlässt. Auf dieser Ebene wird die Geschichte rückwärts erzählt, langsam blättert sich Josephs Vergangenheit und die von Lis auf. Wir erfahren erst am Ende des Buches, wie Joseph und Lis sich sechs Jahre zuvor kennenlernten.

Elena Fischer ist es gelungen, die Figur des Joseph mit sehr viel Empathie zu zeichnen. Die strenge Erziehung durch den Vater und mehrere tragische Ereignisse in der Familie haben Spuren hinterlassen und einen Mann aus ihm gemacht, dem es schwerfällt, sich von den Traumata seiner Vergangenheit zu befreien und über seine Gefühle zu reden. Er liebt seine Tiere und die Arbeit auf dem Hof, ein Leben in der Stadt kann er sich nicht vorstellen. Seine Frau Lis dagegen vereinsamt nach anfänglicher Begeisterung für das Hofleben zusehends, sie langweilt sich und fühlt sich von Joseph vernachlässigt. Auch Lis' Schwester Ada, die in dem Buch eine wichtige Rolle spielt, ist ganz wunderbar beschrieben. Ich mochte die zurückhaltende junge Frau, die schon früh ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt. Mit der Figur der Pfarrerstochter Birdie, die von zuhause geflohen ist, hatte ich meine Schwierigkeiten, irgendwie passt sie für mich nicht so recht in die sechziger Jahre.

Das melancholische Buch hat mir sehr gut gefallen, besonders Josephs Schicksal hat mich berührt. Er steckt voller Selbstzweifel, möchte Samuel ein guter Vater sein, weiß aber nicht, wie das geht. Es braucht Zeit und Geduld, bis er zu dem Kleinen, der auf Lis fixiert ist, eine Beziehung aufbauen kann. Ich mochte die klare Sprache und den schönen Erzählstil der Autorin. Die Geschichte hätte mir allerdings noch besser gefallen, wenn sie ein paar Jahrzehnte später gespielt hätte. Einiges wäre stimmiger gewesen, so z.B. die eher modernen Vornamen der Protagonistinnen oder die Geschichte um Edda, die ich für die damalige Zeit als unrealistisch empfand.

Trotz der historischen Ungenauigkeiten habe ich das Buch, in dem es um Liebe und Sehnsucht, Flucht und Hoffnung geht, gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt.

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Warmherzig und bewegend

Weiterleben von Patrick Charnley

Der Debütroman "Weiterleben" des englischen Autors Patrick Charnley basiert auf seinen persönlichen Erfahrungen. Er erlitt im Februar 2021 einen 40-minütigen Herzstillstand. Dank schneller Hilfe wurde sein Leben gerettet, aufgrund eines Sauerstoffmangels kam es zu gravierenden Gehirnschädigungen, die ihn auch heute noch beeinträchtigen.

Der 20-jährige Ich-Erzähler Jago Trevarno war 40 Minuten lang tot, sofortige Reanimation und eine darauffolgende Operation am offenen Herzen haben sein Leben gerettet. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Aufgrund von Gehirnschädigungen muss er mit vielen Einschränkungen leben. Er ist vergesslich, leidet unter dem Fatigue-Syndrom, hat Probleme mit den Augen, mit dem Lesen und Schreiben. Freude, Traurigkeit und Langeweile vermag er nicht mehr zu empfinden. Seine Mutter ist vor kurzem infolge einer Krebserkrankung verstorben, den Vater kennt er nicht. Daher lebt Jago seit 5 Monaten bei seinem Onkel Jacob, dem älteren Bruder seiner Mutter. Jacob ist Selbstversorger in Cornwall, er hat zwei Pferde, betreibt eine kleine Rinderfarm und baut Gemüse an. Er kümmert sich sehr liebevoll und fürsorglich um seinen Neffen. Die beiden führen ein ruhiges Leben auf Jacobs Hof, es gibt bis auf die Steckdose für die Gefriertruhe keinen Strom, Öllampen sorgen für behagliches Licht. Die Ruhe der beiden wird gestört, als Jacobs zwielichtiger Nachbar Bill Sligo ihm ein an der Küste gelegenes Grundstück abkaufen möchte und dabei auch vor kriminellen Aktionen nicht zurückschreckt ...

Die Geschichte ist in schöner Sprache sehr ruhig erzählt. Der Autor beschreibt die malerische Küstenlandschaft und das einfache, dabei aber auch harte Leben auf dem Land. Es ist ein langsames, ein achtsames Leben im Einklang mit der Natur. Wir beobachten Jagos und Jacobs Alltag mit seinen Ritualen, das Zubereiten ihrer Mahlzeiten, das sparsam eingerichtete und ordentliche Haus. Sie kümmern sich in einer friedlichen und für Jago heilsamen Atmosphäre um die Versorgung der Tiere und die Gemüsebeete. Die Erzeugnisse verkaufen sie auf dem Markt in St. Ives.

Die sympathischen Charaktere sind authentisch und bildhaft geschildert, der Autor lässt uns tief in Jagos Gedanken- und Gefühlswelt blicken. Seine gesundheitlichen Einschränkungen und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen beschreibt er mit sehr viel Empathie. Meine Lieblingsfigur war der geduldige und ausgeglichene Jacob, für den es selbstverständlich war, seinen Neffen bei sich aufzunehmen. Er gibt ihm Ruhe und Geborgenheit, und er achtet darauf, dass Jago sich bei der täglichen Arbeit auf dem Hof nicht überanstrengt, lange Pausen einlegt und ausreichend schläft.

Der Roman hat für mich nur eine einzige Schwäche: die Geschichte um Bill Sligo. Obwohl durchaus spannend erzählt, fand ich sie entbehrlich und hätte stattdessen lieber mehr über Sophie gelesen. Trotz dieses Kritikpunkts habe ich das Buch mit sehr viel Freude gelesen, es hat mich begeistert, gefesselt und zutiefst berührt. Es regt zum Nachdenken an über das eigene Leben, unsere Gesundheit und unseren hektischen Lebensstil. 

Absolute Leseempfehlung für diese hoffnungsvolle und warmherzige Geschichte mit Tiefgang, die gänzlich ohne Sentimentalitäten auskommt und für mich bereits jetzt eines meiner diesjährigen Lesehighlights ist!

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Packend erzählte Zeitgeschichte

Falls jemand fragt, wer wir waren von Eva Kranenburg

In ihrem aktuellen Roman "Falls jemand fragt, wer wir waren" verknüpft die Autorin Eva Kranenburg, die in Dresden lebt und als Psychotherapeutin und Drehbuchautorin tätig ist, die Suche eines jungen Mädchens nach seiner Freundin mit den Geschehnissen des Volksaufstands am 17. Juni 1953 in Halle.

Die 16-jährige Schülerin Mathilde Kersten, genannt Tilla, lebt mit ihrem Vater, einem KZ-Überlebenden, in einer kleinen Wohnung in Halle. Als Tilla die 17-jährige Rena kennenlernt, findet sie in ihr eine Freundin, mit der sie viel Zeit verbringt. Als Rena plötzlich verschwindet, begibt Tilla sich auf die Suche. Zu Ihrer Überraschung muss sie feststellen, dass die Frau, die Rena als ihre Mutter ausgegeben hat, überhaupt keine Kinder hat, und dass das Haus, in dem sie angeblich mit ihrem Vater wohnt, nur eine Fassade ist. Anfangs fühlt sie sich von ihrer Freundin verraten, vermutet dann aber doch einen triftigen Grund für Renas Verhalten. Sie will das Rätsel um Rena lösen und beginnt, nachdem ihre Vermisstenanzeige bei der Polizei keinen Erfolg zeigt, mit eigenen Nachforschungen.

Die aus vier Teilen bestehende Geschichte ist auf zwei Handlungsebenen in der Ich-Form erzählt: die wenigen Wochen mit Rena und die Zeit nach ihrem Verschwinden. Den Höhepunkt des Romans stellen die Geschehnisse während des Volksaufstands am 17. Juni 1953 in Halle dar. Am Ende des Buchs beschreibt die Autorin den historischen Kontext.

Ich habe das packende Buch bis zum für mich stimmigen Ende sehr gern gelesen. Die Autorin skizziert die Protagonisten, ganz besonders die etwas naive Tilla, authentisch und bildhaft. Sie ist eine gute Schülerin, die gern Journalistin werden möchte, glaubt an den Sozialismus und sieht in ihm den einzigen Weg für dauerhaften Weltfrieden. Je länger sie nach Rena sucht, desto mehr Zweifel regen sich in ihr. Sie beginnt vieles zu hinterfragen, wird dabei immer mutiger, und auch ihr Vater muss sich ihren unbequemen Fragen stellen. Sehr gut dargestellt fand ich auch die kämpferische Rena, die furchtlos und zielstrebig ihren Weg geht.

Ich finde es sehr gelungen, wie die Autorin die Geschichte der beiden Mädchen in die politische Situation rund um den 17. Juni 1953 eingebettet hat. Der damalige Zeitgeist ist hervorragend eingefangen, außerdem gibt das Buch einen intensiven Einblick in das Leben und den Alltag in der jungen DDR. Allerdings empfand ich Tillas Entwicklung von der überzeugten Sozialistin zur Widerstandskämpferin als etwas zu schnell und daher nicht ganz realistisch.

Trotz meines Kritikpunktes Leseempfehlung für diesen beeindruckenden und hervorragend recherchierten Roman über ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte! 

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Über das Älterwerden

Tschikago von Alexandra Stahl

In "Tschikago", dem aktuellen Roman von Alexandra Stahl, steht neben dem Leben der Großeltern der Autorin das Älterwerden im Fokus.

Nach dem Scheitern ihrer Ehe zieht die Mutter der damals 3-jährigen Ich-Erzählerin Alexandra zu ihren Eltern in ein kleines Dorf in Unterfranken. Fortan wächst das Mädchen in der Nähe der Großeltern auf und erinnert sich Jahre später mit viel Liebe und Humor an die gemeinsame Zeit.

Die Großeltern sind noch jung, bei Alexandras Geburt ist ihre Großmutter 46 Jahre, der Großvater 49 Jahre alt. Die Großmutter arbeitet bis zu ihrer Frühpensionierung wegen Schwerhörigkeit in einer Holzfabrik. Sie sammelt Puppen, schaut regelmäßig die Spielshow "Glücksrad", gibt Tupperpartys und füttert zum Leidwesen des Großvaters neben den beiden eigenen auch streunende Katzen. Der Großvater ist als Elektriker in einer Chemiefabrik tätig. Er liest Böll, sieht regelmäßig "Ran" und hortet Steckdosen und Verlängerungskabel. Die Ehe des Paares ist nicht perfekt, häufig gibt es kleine Streitereien, doch am Ende eines jeden Tages "sind sie unzertrennlich".

Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil lernen wir die Großeltern der Autorin kennen, im zweiten Teil fängt die mittlerweile 29-Jährige nach dem Tod des Großvaters in einem Berliner Seniorenheim als Ehrenamtlerin an. Anfangs besucht sie einmal wöchentlich eine Bewohnerin, später leitet sie eine Biografiegruppe, in der die Senioren ihre persönlichen Erinnerungen miteinander teilen. Im dritten Teil des Buches erinnert die Autorin sich an zurückliegende Besuche bei der Großmutter.

"Tschikago" ist ein Buch über das Älterwerden, die Beschwernisse des Alters und das Abschiednehmen. Alexandra Stahl erzählt die Geschichte ihrer Großeltern in schöner Sprache, die Dialoge im fränkischen, für mich gut lesbaren und verständlichen Dialekt. Mit viel Wärme, Empathie und Humor beschreibt sie das Zusammenleben zweier Menschen, die 57 Jahre eng verbunden waren. Obwohl mir dieser erste Teil des Buches am besten gefallen hat, habe ich auch die teils sehr berührenden Geschichten über die Heimbewohner und ihre Gespräche und Lebensweisheiten, teils im Berliner Dialekt, gern gelesen. Der dritte Teil konnte mich leider nicht überzeugen, er folgt keinem roten Faden und springt zwischen Erinnerungen an die Besuche bei der Großmutter, dem eigenen beruflichen Werdegang und losen Gedankensplittern hin und her.

Ich habe das Buch, das keine durchgehende Geschichte erzählt, gern gelesen. Ich mochte nicht nur die authentisch beschriebenen Großeltern der Autorin, sondern auch ihre ruhige und liebevolle Erzählweise, ihren wunderbaren Humor und die im Dialekt geschriebenen Dialoge.

Leseempfehlung für alle, die sich für das Thema Älterwerden interessieren und bereit sind, sich auf einen fragmentarischen Erzählstil einzulassen.

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Mutiges und bewegendes Buch

Fremde von Belle Burden

In ihrem Debüt "Fremde" erzählt die amerikanische Autorin Belle Burden die Geschichte ihrer Ehe. Das Buch ist im Januar 2026 in den USA erschienen und stand dort monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times".

Die Ich-Erzählerin Belle und ihr Ehemann James beschließen im März 2020, wegen der Pandemie vorübergehend von ihrem Wohnsitz in New York in ihr Ferienhaus auf Martha's Vineyard zu ziehen.

Von dort aus werden sie im Homeoffice arbeiten, Belle als Anwältin, James als Hedgefondsmanager. Die beiden gemeinsamen Töchter Carrie und Evie begleiten sie, ihr Sohn Finn bleibt mit seinem Freund und dessen Eltern auf Long Island. Die Familie verbringt harmonische Tage, es wird gemeinsam gegessen, man geht spazieren, nachmittags brennt ein Feuer im Kamin. Wenige Tage nach ihrer Ankunft erhält Belle einen Anruf von einem Fremden, der ihr mitteilt, dass ihr Mann eine Affäre mit seiner Frau habe. Damit konfrontiert, beteuert James, dass er Belle liebe und die Affäre vorbei sei. Am nächsten Morgen eröffnet er seiner Frau, dass er beschlossen habe, sich scheiden zu lassen. Wenig später verlässt er das Haus. Für Belle bricht eine Welt zusammen ...

Belle Burden verarbeitet in ihrem Buch das Ende ihrer Ehe, die 1999 geschlossen wurde, für die Ewigkeit, so schien es damals. Sie passten perfekt zusammen, die drei Wunschkinder werden geboren, und Belle gibt ihren Beruf auf, um sich der Familie zu widmen. Sie ist glücklich als Vollzeitmutter, engagiert sich ehrenamtlich gegen häusliche Gewalt und vertritt jugendliche Einwanderer. James macht Karriere, bald steht für ihn die Arbeit an erster Stelle. Er hat immer weniger Zeit für seine Familie und kommt erst am späten Abend nach Hause.

Offen und ehrlich beschreibt die Autorin nicht nur die Jahre mit James, sie lässt neben ihrer eigenen Vergangenheit auch die ihrer Eltern in das Buch einfließen. Sie stammt aus einer wohlhabenden New Yorker Familie, ist die Tochter eines Politikers und einer Stadtplanerin. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag steht sie vor den Trümmern ihrer Ehe. Ein schmerzhafter Prozess der Loslösung von dem Mann, den sie zu kennen glaubte, beginnt. Während James' Familie sich von Belle lossagt und den Kontakt zu ihr abbricht, stehen ihre Freundinnen, ihre Mutter und die Stiefmutter fest an ihrer Seite. Anfangs am Boden zerstört, sich ständig nach dem Warum fragend und ohne jegliches Selbstwertgefühl, gelingt es der schüchternen Belle nach und nach, sich mutig der neuen Situation zu stellen. Sie kämpft für ihre Rechte und gewinnt ihre Identität und ihr Leben zurück.

Ich habe das fesselnde Buch sehr gern gelesen, es ging mir unter die Haut und hat mich zutiefst berührt. Belles Verzweiflung, ihren Schmerz und ihre Trauer konnte ich gut nachempfinden. Ich habe ihr gewünscht, dass sie es bald schafft, sich innerlich von dem Menschen zu lösen, der sie nach 20 scheinbar glücklichen Ehejahren völlig emotionslos verlassen hat.
Es hat mich erschüttert, dass James auf das Sorgerecht für die Kinder verzichtete und den Kontakt zu ihnen auf ein Minimum reduzierte. Ein Treffen pro Woche reichte ihm. Nie durften sie bei ihm übernachten, nie machte er Urlaub mit ihnen.
Verwundert hat mich Belles Naivität im Zusammenhang mit dem auf James' Wunsch hin geänderten Ehevertrag. Sie übersah erste Warnsignale und überließ ihrem Mann sämtliche finanziellen Angelegenheiten.
Gut gefallen hat mir, dass die Autorin ihre Geschichte mit viel Empathie, dabei aber auch vollkommen sachlich und ohne Schuldzuweisung erzählt.

Absolute Leseempfehlung für dieses großartige und mutige Buch, das in Kürze mit Gwyneth Paltrow als Produzentin und Hauptdarstellerin verfilmt wird.

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Lesenswertes Debüt mit wichtiger Botschaft

Tage am Fluss von Jochen Mariss

Im Mittelpunkt von "Tage am Fluss", dem Debütroman von Jochen Mariss, steht die alleinstehende Sara Harmsen. Die fast Fünfzigjährige lebt zurückgezogen mit ihrer Hündin Luna, sieben Hühnern und drei Schafen auf einem abgelegenen Hof. In vierter Generation betreibt sie eine kleine Personenfähre, die das Dorf Erlengrund mit der Stadt verbindet.

Eines Tages kommt ein junger Mann an Bord, er ist verletzt und erinnert sie an ihren jüngeren Bruder. Sie nimmt ihn mit nach Hause und behandelt seine Wunden. Leon möchte bei ihr bleiben und bietet ihr als Gegenleistung handwerkliche Dienste für ihr über die Jahre vernachlässigtes Anwesen an. Sara, anfangs wenig begeistert von Leons Anwesenheit, stellt bald fest, dass sie beide die Natur lieben und ihnen der Klimaschutz am Herzen liegt. Während sie und Leon sich langsam einander annähern, erfährt sie, dass der junge Mann ein von der Polizei gesuchter Klimaaktivist ist ...

Die Geschichte ist in schöner Sprache und in ruhigem Tempo erzählt, sie liest sich sehr flüssig. Wir lernen die menschenscheue und schroffe Selbstversorgerin Sara kennen, die ihre Tiere und Bücher liebt. Ich fand es interessant, Sara in ihrem Alltag zu begleiten, ihr bei ihren zahlreichen Tätigkeiten auf der Fähre und dem Hof über die Schulter zu schauen. Sie sorgt sich um die Existenz ihres Fährbetriebs, da der Bürgermeister plant, eine Brücke über den Fluss zu bauen. Leon macht sich Sorgen wegen seiner Zukunft, er hat sein Studium abgebrochen und sich einer Gruppe angeschlossen, die für den Erhalt des Uhlendorfer Forsts kämpft. Neben der Handlung um Sara und Leon bilden die wichtigen Themen Umweltschutz und Klimawandel einen weiteren Schwerpunkt des Romans.  

Das Buch, in dem es auch um eine schwierige Kindheit, um Schuldgefühle und deren Auswirkungen auf das ganze Leben geht, hatte intensive Momente, die mich sehr berührt haben. Leider wurden einige Themen nur oberflächlich angerissen und nicht weiter verfolgt, manches war vorhersehbar, manches unrealistisch und überzogen. Die Klimathematik nahm für mein Empfinden etwas zu viel Raum ein. Dennoch habe ich den Roman bis zum stimmigen Ende gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt.

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