Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Anna625:
Ein wichtiges, aber nicht ganz einfaches Buch
Thérèse und Isabelle von Violette Leduc
Anfänglich ist es Hass, der die beiden Internatsschülerinnen Thérèse und Isabelle zu verbinden scheint. Doch dann entdecken die beiden Mädchen ihre tiefen Gefühle füreinander und gehen eine Beziehung miteinander ein, die ebenso leidenschaftlich ist wie sie von kurzer Dauer bleiben wird. Die beiden müssen ihre Liebe zueinander geheimhalten, und so liegt dabei über allem stets die Gefahr, von den Aufseherinnen des Internats oder von ihren Mitschülerinnen entdeckt zu werden.
Das gesamte Buch ist aus der Sicht von Thérèse verfasst. Die Handlung beschränkt sich fast ausschließlich auf die gemeinsamen Nächte mit Isabelle sowie die sehnsuchtsvolle Erwartung auf diese in den Zeiten dazwischen. Die Sprache ist sehr poetisch und oft auch sehr metaphorisch, gerade bei den intensiven Schilderungen der heimlich miteinander verbrachten Stunden fällt das sehr stark auf. Durch diesen doch ziemlich anspruchsvollen Stil kann es teilweise etwas anstrengend werden, dem Geschehen zu folgen, wenn er auch für mein Empfinden gut zu dem Buch passt. Manches wird auch sehr deutlich beschrieben, aber ich hätte mir tatsächlich trotzdem insgesamt eine etwas leichtere Sprache gewünscht, einfach weil ich mich beim Lesen teilweise schon sehr konzentrieren musste, um den Sinn hinter den oft sprunghaft und assoziativ wechselnden, verwendeten Bildern zu verstehen.
Der Fokus des Buches liegt ganz klar auf Sexualität und der gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen zwei jungen Frauen. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte im Frankreich der 60er Jahre als skandalös empfunden wurde und zunächst unveröffentlicht blieb bzw. einer starken Zensur unterlag. Obwohl der Text für mich recht schwer zugänglich war, finde ich es gut und wichtig, jetzt (fast 70 Jahre später!) endlich die Originalfassung lesen zu können. Denn aktuell ist das Thema heute zweifellos mehr denn je.
Leider zu unausgereift...
Eezbeez von Katharina Rauh
Lukas ist Mitglied der Schülerzeitung und gerade eigentlich damit beschäftigt, den Platz als stellvertretender Chefredakteur zu ergattern, als sein Mathelehrer sich plötzlich sehr merkwürdig verhält. Entweder er erscheint überhaupt nicht zum Unterricht oder er ist vollkommen durcheinander und gar nicht mehr er selbst.
Auch sonst scheinen in der Schule mit einem Mal merkwürdige Dinge vor sich zu gehen, und so ist für Lukas klar, dass der Sache auf den Grund gegangen werden muss.
Was er entdeckt, hat nicht nur ihn, sondern vor allem auch mich sehr überrascht: plötzlich taucht Lukas ein in eine Welt, in der Haustiere nicht mehr nur normale Haustiere, sondern insgeheim auch sprechende, auf zwei Beinen laufende Mischwesen sind, die in ihrem zweiten Leben Vorlesungen an der Uni halten... und in der es sprechende, blaue Krokodile gibt. Was schräg klingt, wird bald noch viel schräger, denn die Krokodile, auch Homocrocs genannt, sind gar nicht so einverstanden damit, dass sie ein Leben im Verborgenen führen müssen, und vor allem der berühmt-berüchtigte "Straßenwalze" (ja, so lautet tatsächlich der Name des Guten... oder eher Bösen) startet nun den Versuch, die Macht an sich zu reißen und dabei am liebsten gleich die ganze Menschheit zu unterjochen.
Leider war das Buch gar nicht mein Fall. Anfangs hatte ich noch ein recht gutes Gefühl und war neugierig auf die Geschichte, doch dann wurde es einfach nur immer seltsamer und seltsamer. Und, was mich noch mehr gestört hat: Mir haben die Details gefehlt. Details, in denen man mehr über die Figuren erfahren hätte, über ihre Umgebung und ihre Gedanken. Ein bisschen Ausschmückung eben, damit die Geschichte sich nicht liest wie eine Liste, die von Punkt zu Punkt abgearbeitet wird. Und auch Details, die der Verständlichkeit des Buches gedient hätten, wie etwa Informationen darüber, was die verwendeten Begriffe bedeuten und wofür die Abkürzungen stehen. In der Regel musste man sich all das alles selbst erschließen, was bei mir erst zu großer Verwirrung und dann leider auch bald zu noch größerem Verdruss geführt hat. Weil wichtige Informationen erst viel zu spät kommen oder völlig fehlen, war es nicht immer ganz einfach, der Handlung wiklich folgen zu können.
Dazu kommt, dass manchmal auf sehr verwirrende Weise urplötzlich die Szene gewechselt wird, ohne dass das irgendwie kenntlich gemacht worden wäre. So kommt es durchaus vor, dass man liest und liest und sich mitten im Gespräch plötzlich wundern muss, wo denn nun diese und jene Figur auf einmal herkommt, weil es zwar ein Figuren- und Ortswechsel, dafür aber keinen Absatz o.Ä. gab... Was man dann eben erst einige Zeilen später verwirrt feststellt.
Die Protagonisten selbst konnten mich leider auch kaum überzeugen. Sie schwanken zwischen unfassbar nervig (insbesondere Lukas kleine Schwester Linda ist damit gemeint, die ständig im Mittelpunkt stehen möchte und dabei wirklich keine Rücksicht auf Verluste nimmt) und vollkommen unsympathisch, wie es leider auch bei Lukas Katze, dem titelgebenden Eezbeez, der Fall ist. Weshalb er es in den Titel geschafft hat, ist mir übrigens nicht ganz klargeworden: über weite Teile des Buches spielt er überhaupt keine Rolle und wird nichteinmal mehr erwähnt, und wenn er doch mal da ist, ist er irgendwie auch nicht das, was ich mir von ihm erhofft hatte. Aber auch Lukas selbst hat nicht wirklich meine Sympathie erweckt, er war in meinen Augen zu blass und blieb mir seltsam fremd, für mich irgendwie völlig austauschbar.
Vom Schreibstil her war das Buch leider ebenfalls nicht ganz mein Fall, das hätte ich aber verschmerzen können, wenn denn der Rest gestimmt hätte...
FAZIT: Insgesamt wirkt das Buch auf mich sehr unausgereift. Die Grundidee ist, wenn auch wirklich schräg, durchaus gut; nur bei der Umsetzung wäre noch sehr viel Luft nach oben gewesen. So hätte ich mir etwa deutlich mehr Details, die die Handlung verständlicher und atmosphärischer machen, und besser ausgearbeitete Figuren, die den Leser abholen und in ihre Welt einführen, gewünscht. Weil das Lesen mitunter doch sehr anstrengend war und nur schleppend vorwärts ging, kann ich dem Buch leider nicht mehr als 2 Sterne geben.
Ich hatte mir mehr erhofft
Die Geschichte von Kat und Easy von Susann Pásztor
Knapp 50 Jahre, nachdem sie sich in ihrer Jugend in denselben Mann verliebt haben und sich nach einem tragischen Unfall aus den Augen verloren haben, treffen die beiden einstigen Freundinnen Kat und Easy nun auf Kreta wieder aufeinenander. Viel Zeit ist seitdem vergangen, und doch sind die Ereignisse des Jahres 1973 noch immer im Leben beider präsent.
Der Roman spielt abwechselnd auf beiden Zeitebenen, wobei der eine Strang am Silvesterabend 1972 beginnt und hier mit Alkohol- und Drogenkonsum oder der ersten großen Liebe vor allem typische Teenager-Probleme im Mittelpunkt stehen. Im zweiten Handlungsstrang führt Easy ein Leben als dreifache Mutter, die sich im Ferienhaus auf Kreta eine Verschnaufpause vom Alltag gönnt, während Kat einen Block für Lebensberatung führt. Über diesen kommen die beiden Frauen ins Gespräch darüber, was in ihrer Vergangenheit geschehen ist.
Sprachlich lässt sich das Buch gut lesen, die beiden Protagonistinnen sind interessant und ich konnte mich gut in beide hineinfühlen. Ihre Teenagerzeit wird gut dargestellt. Das Zusammentreffen der beiden auf Kreta empfand ich dagegen irgendwie als anstrengend, beide wollen zwar mit der Vergangenheit aufräumen, irgendwie dann aber auch nicht so wirklich, sodass sie gerade zu Beginn beide um das Thema herumschleichen und sich das wirkliche Gespräch wenn überhaupt auf den Blog beschränkt.
Der Grund, weshalb alles so gekommen ist wie es ist, war für mich vorhersehbar und daher die Geschichte nicht wirklich spannend, am Ende war die "Auflösung" dann auch tatsächlich recht unspektakulär.
Ingesamt ist "Die Geschichte von Kat und Easy" schon ein gutes Buch, das mich aber leider nicht ganz überzeugen konnte und von dem ich mir nach den vielen positiven Meinungen einfach etwas mehr erhofft hatte.
Vom Wind und von den Schatten
Jäger der Schatten von Rebecca Andel
Louise arbeitet in einem Zirkus. Doch nicht als Magierin, Trapezkünstlerin oder andere Artistin - sondern als Dämon. Denn sie hat seit ihrer Geburt eine extrem helle Haut, genauso helle Haare und vor allem tiefschwarze Augen, die kaum etwas Menschliches an sich zu haben scheinen. Gemeinsam mit dem Zirkus und den anderen Artisten, die ihr längst zur Familie geworden sind, zieht sie durch die Lande - bis eines Tages der Trapezkünstler Eli entführt wird und nur kurze Zeit später unvermittelt wieder auftaucht, nun jedoch plötzlich ein völlig anderer geworden zu sein scheint.
Auf ihrer Suche nach Antworten kommt Louise nach und nach auch den Geheimnissen ihrer eigenen Herkunft auf die Spur, begibt sich dabei jedoch auch selbst in große Gefahr...
Das Buch ist sehr spannend geschrieben und hat mir schon auf den ersten Seiten gut gefallen. Die Atmosphäre im Zirkus setzt sich zusammen aus dem Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit einerseits, aber auch den Sorgen der verschiedenen Figuren andererseits. Denn obwohl sie alle einzigartige Fähigkeiten und Talente besitzen, ist es vor allem eines, was sie den Menschen vorführen sollen: die eigene Andersartigkeit. Dieser Aspekt geht mir im Laufe des Buches leider etwas zu sehr verloren, dennoch fand ich den Ansatz gut und vor allem auch die Atmosphäre sehr schön und greifbar beschrieben.
Die Protagonistin Louise ist gut ausgearbeitet und die meiste Zeit über auch sehr sympathisch. Sie weiß nahezu nichts über ihre Vergangenheit und die Zeit, bevor sie zum Zirkus kam, und so ist es eine seltsame Hassliebe, die sie mit diesem Ort verbindet - dem einzigen Ort, an dem sie je zuhause war, und zugleich dem Ort, an dem sie sich allabendlich selbst als ein Monster präsentieren muss, das sie nicht ist. Im Gegenteil, die anderen, insbesondere der kleine Maku (der übrigens auch mein Liebling war) und auch Eli, liegen ihr sehr am Herzen.
Die Welt, in der das Buch spielt, konnte ich mir gut vorstellen, da alles genau genug beschrieben, man aber auch nicht mit Informationen überfordert wurde. Es gibt verschiedene Völker, alte, schwelende Auseinandersetzungen zwischen ihnen und einen leichten Hauch Magie, der über allem liegt. Insgesamt eine schöne Welt, die viel Raum für die Handlung bietet.
Die Geschichte selbst entwickelt sich ganz zu Anfang relativ gemächlich, was mir aber gut gefallen hat, da man sich so erstmal schön in die Atmosphäre einfühlen konnte. Danach nimmt sie auch recht schnell an Fahrt auf und es wird spannend. Das Ende ging vielleicht ein kleines bisschen zu schnell, aber das war zu verkraften. Über den Schreibstil lässt sich ebenfalls nur Positives sagen; schön bildhaft, düster und einnehmend, sodass sich das Buch wirklich sehr gut und schnell lesen lässt; ich hatte viel Spaß dabei.
Fazit: Ein spannendes, düster-fesselndes Fantasybuch. Ein bisschen Luft nach oben wäre noch gewesen, deshalb gibt es einen Stern Abzug - aber ich bin gespannt auf mehr von der Autorin!
Konnte mich überzeugen, obwohl Thriller+Krimis nicht mein Genre sind
Die Frau vom Strand von Petra Johann
Rebecca lebt mit ihrer Frau Lucy und der gemeinsamen kleinen Tochter in Rerik an der Ostsee. In den beiden und in dem Haus in Strandnähe hat sie alles, was sie sich wünscht. Trotzdem freut sie sich, als sie bei einem Spaziergang Julia kennenlernt und sich auf Anhieb gut mir der anderen Frau versteht, denn da Lucy unter der Woche in Hamburg arbeitet, verbringt Rebecca viel Zeit alleine mit ihrer Tochter Greta.
Schnell freundet sie sich mit Julia an, doch dann verschwindet Julia plötzlich ohne Ankündigung und scheint wie vom Erdboden verschluckt. Besorgt setzt Becca alle Hebel in Bewegung, um ihre neue Freundin zu finden, muss dabei jedoch feststellen, dass diese ihr nicht in allen Punkten die Wahrheit erzählt zu haben scheint. Dennoch oder gerade deshalb versucht sie hartnäckig herauszufinden, wohin Julia verschwunden ist, erhält jedoch nicht die erhoffte Unterstützung von Lucy. Eher wirkt es so, als wolle ihre Frau sie von der Suche abhalten...
Ich bin normalerweise gar kein Krimi-/Thrillerfan, hier hat mich aber der Klappentext aus irgendeinem Grund wie magisch angezogen, und nach dem Lesen kann ich sagen - ich habe es nicht bereut.
Die Geschichte setzt ein, als Rebecca Julia kennenlernt und wird zunächst aus Beccas Sicht erzählt. In diesem ersten Teil habe ich die junge Mutter als Protagonistin schätzen gelernt und konnte mich gut in sie hineinversetzen. Das rätselhafte Verschwinden Julias und die Bemühungen, sie zu finden, waren gut und nachvollziehbar beschrieben und die Spannung, die im Laufe des Buches aufgebaut wird, wurde hier bereits angedeutet - doch auf das, was noch alles folgen sollte, war ich trotzdem nicht vorbereitet.
Nach einem recht ruhigen Anfang gibt es einen Cut und die Perspektive schwenkt um auf die zweite Protagonistin und Kriminalhauptkomissarin Edda Timm. Denn diese ermittelt nun in einem Todesfall, der sich in der Zwischenzeit ereignet hat, und wie auch die Polizei tappt man als Leser lange Zeit im Dunkeln, ob es nun ein Unfall oder vielleicht doch Mord war, wer ein Motiv dafür gehabt hätte und warum. Diesen Punkt möchte ich auch gerne als besonders positiv hervorheben: Vielleicht lag es einfach an mir als nicht-krimierprobter Leserin, aber ich habe im Laufe des Buches tatsächlich gefühlt ein Dutzend mal meine Theorie abgeändert, wer denn nun wen weshalb getötet haben könnte. Und das tatsächlich auch bis fast ganz zum Ende des Buches. Der Spannungsaufbau hat mir enorm gut gefallen, die Informationen hat man wohlproportioniert immer nur häppchenweise bekommen, jedoch ohne dass es dabei langweilig geworden wäre. Das Buch gibt einem dazwischen immer wieder Zeit, selbst eine Hypothese aufzustellen, und immer wenn man denkt, so muss es sein - kommt der nächste Hinweis und man muss feststellen, dass man falschgelegen hat. Gerade Zeugenbefragungen und Polizeiarbeit im Allgemeinen empfinde ich persönlich in Büchern eigentlich meistens wahlweise als langatmig oder nicht schlüssig dargelegt (oder beides), hier hat es mir nach ganz kurzen anfänglichen Zweifeln sehr gut gefallen. Und die Zweifel rührten wohl auch eher daher, dass ich enttäuscht war, Rebeccas Sichtweise zu verlassen. Im Nachhinein hat sich diese Konstellation der Erzählperspektiven aber als sehr gelungen herausgestellt.
Das Buch hat mich in vielen Punkten überrascht, allerdings durchweg auf positive Weise. Die vielen Wendungen, der Schreib- und Erzählstil, die authentisch ausgearbeiteten Figuren und auch die Auflösung am Schluss - mir fällt nichts ein, was ich daran aussetzen könnte. Ich bin froh, zu diesem Buch gegriffen zu haben!
Hat mich leider enttäuscht
Feuerland von Michael Hugentobler
Ferdinand Hestermann ist leidenschaftlicher Völkerkundler. Alles, was mit Sprachen zu tun hat, fasziniert ihn zutiefst, und so verfügt er über gewaltige Kenntnisse vieler, auch längst ausgestorbener Sprachen. Als er eines Tages ein kleines Büchlein findet, in dem jemand handschriftlich Vokabeln des Volkes der Yamana notiert hat, ist er sofort begeistert.
Denn wer auch immer das Büchlein verfasst haben mag, lässt mit seinen Notizen eine fremde Welt vor dem inneren Auge Hestermanns auferstehen. Um das Buch, das bald zu seinem wertvollsten Besitz wird, vor den Plünderungen der Bibliotheken während des Nationalsozialismus zu schützen, setzt er sogar sein Leben aufs Spiel.
Woher das Buch ursprünglich kam, weiß Hestermann nicht; der zweite Handlungsstrang widmet sich dem ersten Teil der Geschichte des kleinen Wörterbuchs und spielt in Patagonien, wo der junge Thomas Bridges als Ziehsohn eines britischen Missionars lange Jahre im Stamm der Yamana verbringt.
Ich hatte hohe Erwartungen an das Buch, denn die Idee dahinter hat mich gleich angesprochen. Ein Wörterbuch, das zwei grundlegend verschiedene Menschen miteinander verbindet, das so ergreifend ist, dass beide dafür alles riskieren; das einen weiten Weg zurücklegt und dabei den Schatz eines ganzen Volkes bewahrt.
Leider hat meine anfängliche Begeisterung recht schnell nachgelassen, denn über weite Strecken ist der Roman leider sehr langatmig. Obwohl er sprachlich sehr schön und bildhaft geschrieben ist, habe ich keine Nähe zu den Protagonisten aufbauen können, sie blieben mir das ganze Buch über fremd. Auch wurde das Potential an historischer Themenvielfalt, dass das Buch bietet - Kolonialisierung und Christianisierung der Yamana und deren Aussterben durch eingeschleppte Krankheiten, wachsende Macht und Kontrolle der Nazis währende der 1930er Jahre -, leider nicht ansatzweise ausgeschöpft. Hier bleibt der Autor für meinen Geschmack viel zu nah an der Oberfläche, ich hätte mir deutlich mehr Details und Tiefe gewünscht.
Insgesamt konnte das Buch meine Erwartungen leider nicht erfüllen - der Ansatz ist gut, an der Umsetzung ist er jedoch gescheitert.
Die drei Kameradinnen
Drei Kameradinnen von Shida Bazyar
Die drei Freundinnen Kasih, Hani und Saya kennen sich seit ihrer Jugend. Sie alle haben gemeinsam, dass sie in ihrem Leben immer wieder aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt oder ihnen mit Misstrauen begegnet wird. Nach einer längeren Zeit der Trennung treffen sie sich auf einer Hochzeit wieder, und auch jetzt noch spielen Hass und Rechtsradikalismus eine große Rolle in ihrem Alltag.
Erzählt wird der Roman von Kasih, über sie selbst erfährt man dennoch am wenigsten. Denn sie stellt vor allem einen Bericht zusammen, der aus Rückblicken und einzelnen Szenen besteht, in deren Fokus Hani und Saya stehen. Dabei geht sie nicht unbedingt chronologisch, sondern eher assoziativ vor. Sie verweist auch selbst immer wieder auf die Unvollständigkeit dessen, was sie sagt, und darauf, dass nicht alles sich unbedingt genau so abgespielt haben muss wie sie es erzählt. Die Erzählweise hat mir tatsächlich gut gefallen, denn die Leser werden immer wieder direkt angesprochen, die Autorin will provozieren, und irgendwann beginnt man unweigerlich sich zu fragen, ob man nicht selbst längst angefangen hat der Bequemlichkeit halber die Augen zu verschließen und manchmal eben doch lieber einfach in Schubladen zu denken.
Gestört haben mich vor allem ein paar Längen, die sich im Laufe des Buches ergeben, sowie die zwangsläufig doch recht subjektiv gefärbte Sicht Kasihs. Da sie selbst zugibt, immer wieder Details zu verändern und sich manche Dinge vollständig ausgedacht zu haben, büßt zwar keinesfalls der Roman an sich an Wichtigkeit, die Geschichte, die er enthält, aber an Verlässlichkeit ein. Der Grundton ist mir zudem gelegentlich zu wütend, zu plakativ und zu absichtlich provokativ; das ist aber wohl auch meine subjektive Einschätzung.
"Drei Kameradinnen" ist zweifelsohne ein wichtiges Buch und ich habe es auch gerne gelesen. Es regt zum Überdenken des eigenen Verhaltens an, möchte den Leser dazu bringen sich selbst die Frage zu stellen, ob er nicht längst viel zu abgestumpft und zu sehr an Rassissmus und Hetze gewohnt ist. Einiges hat mich dennoch gestört oder mir gefehlt, und so lande ich am Ende bei guten 3 Sternen.
Unfassbar nervige innere Stimme
Meeresglühen (Romantasy-Trilogie, Bd. 1) von Anna Fleck
Nach einem Sturm findet Ella an der Küste Cornwalls einen vermeintlichen Surfer, der dort angespült wurde. Völlig entkräftet von seiner Zeit auf dem Wasser bringt Ella ihn zu ihren Nachbarinnen, die ihr helfen, den jungen Mann wieder aufzupäppeln. Aris erholt sich erstaunlich schnell und ist dankbar für seine Rettung; dennoch weigert er sich, irgendjemandem etwas über seine Herkunft zu verraten und weicht Fragen diesbezüglich meistens aus.
Klar ist nur, dass er aus einem weit entfernten Land stammen muss, was sein plötzliches Auftauchen an der englischen Küste umso rätselhafter macht. Nach einer Weile bietet sich ihm die Gelegenheit, in seine Heimat zurückzukehren, doch durch ein Missverständnis folgt Ella ihm und muss feststellen, dass Aris tatsächlich aus einem noch viel fremderen Land stammt, als sie bisher dachte...
Was am Anfang noch vielversprechend klang, hat sich für mich leider bald als Fehlgriff herausgestellt: Schon auf den ersten Seiten hat mich die Protagonistin unglaublich angestrengt. Aus der Ich-Perspektive heraus geschrieben erhält man als Leser einen direkten Einblick in Ellas Gefühle und Gedanken - und muss ihr leider auch ständig dabei zuhören, wie sie Gespräche mit ihrer inneren Stimme führt. Denn als inneren Monolog kann man das wohl nicht mehr bezeichnen, es wirkt eher so, als sei ihre innere Stimme eine zweite, eigenständige Person, die bis auf den gemeinsamen Körper völlig unabhängig von Ella ist. Gegen Ella selbst habe ich dabei nichteinmal etwas, sie ist einfach eine typische Romantasy-Protagonistin. Ihre innere Stimme jedoch findet immer etwas, über das sie sich beschweren kann, und was noch schlimmer ist - Ella antwortet ihr, sodass sich teilweise richtige Dialoge entwickeln. Da die innere Stimme selten länger als zwei Seiten schweigt, hat sich "Meeresglühen" für mich recht schnell zur Geduldsprobe entwickelt. Ich habe es zwar bis zum Schluss gelesen und finde auch sowohl die Nebencharaktere interessant als auch die Spannung gegen Ende schön, war aber trotzdem sehr froh, als ich es hinter mir hatte - und so sollte das ja eigentlich nicht sein.
Die Folgebände werden nicht mehr bei mir einziehen, da die Protagonistin es mir unmöglich gemacht hat, das Buch wirklich genießen zu können.
Liebe auf georgisch
Laudatio auf eine kaukasische Kuh von Jodl Angelika
Olga ist angehende Ärztin. Ursprünglich stammen sie und ihre Familie aus Georgien, nun leben sie aber bereits seit einigen Jahren in Deutschland, und während Olga sich insgesamt gut eingelebt hat, halten ihre Eltern in vielen Dingen an den Regeln und Traditionen ihrer alten Heimat fest. So ist es kein Wunder, dass Olga ihnen die Beziehung zu Felix, der mir ihr gemeinsam studiert, verheimlicht.
Für sie mag er noch so perfekt sein, ihre Mutter würde eine solche Beziehung niemals gutheißen. Eines Tages lernt Olga den etwas chaotischen Jack kennen, der das genaue Gegenteil von Felix zu sein scheint, und als sie wenig später kurzfristig mit ihrer Familie nach Tiflis reisen muss, folgen ihr beide Männer in die georgische Hauptstadt.
Während Olga mit widerstreitenden Gefühlen zu kämpfen hat und es langsam aber sicher chaotisch um sie wird, erfährt der Leser ganz nebenbei eine Menge über die Kultur und die Einwohner Georgiens. Von sprachlichen Besonderheiten über Weinbau bis zu Hochzeitssitten werden diese Informationen alle gut in die Geschichte miteingebaut und erlauben einen gelungenen und detaillierten Einblick in den kleinen kaukasischen Staat. Dabei kommt natürlich auch die Thematik "Heimat" nicht zu kurz und die Frage danach, wie sehr wir verwurzelt sind im Land unserer Vorfahren.
Der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll, dabei aber unterhaltsam und angenehm und gut zu lesen, sodass es mir nicht weiter schwerfiel, in die Geschichte hineinzufinden. Auch sind die Protagonisten schön ausgearbeitet und Olga war mir sympathisch. Der innere Konflikt, den sie mit sich selbst auszutragen hat, wird schön dargestellt und ihre Entwicklung im Laufe des Buches ist gut nachvollziehbar.
Insgesamt hat mir diese kleine Reise nach Georgien sehr gut gefallen!
Von der Macht der Bienen
Das Flüstern der Bienen von Sofía Segovia
Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der Nähe des mexikanischen Ortes Linares ein kleiner Junge gefunden. Das Kind erweckt zunächst das Misstrauen der Bewohner des Anwesens im Besitz der Morales-Familie, da es durch eine Gaumenspalte "vom Teufel gezeichnet" ist. Und, mehr noch - der Kleine ist über und über von Bienen bedeckt, die ihn umschwärmen, ihm jedoch nichts anzutun scheinen.
Simonopio, wie der Junge von nun an heißen soll, wächst als Patensohn der Morales auf und wird bald von den Mitgliedern der Familie und den Arbeitern akzeptiert, obwohl er nie wie sie zu sprechen lernt. Dafür verfügt er über eine ganz besondere Gabe: Er kann die Lebenswege ihm wichtiger Menschen fühlen und spürt beispielsweise, wenn sie sich in Gefahr befinden, so etwa als die ersten Fälle der Spanischen Grippe im Ort auftreten. Außerdem weiß er dank seiner Bienen um bevorstehende Wetterschwankungen oder wann die Pflanzen zu blühen beginnen. Doch er spürt auch, dass es einen Menschen auf dem Anwesen gibt, den Kojoten, der ihm Böses will und vor dem er sich verstecken muss, solange es möglich ist - denn dass es eines Tages zu einer Katastrophe kommen wird, ist Simonopio klar. Er weiß nur nicht, wann oder wie.
Erzählt wird der Roman aus wechselnden Perspektiven - im Hintergrund steht ein zunächst unbekannter Ich-Erzähler, in dessen Leben Simonopio lange Zeit der wahre Protagonist ist. Dann gibt es Kapitel, in denen man als Leser Beatriz, die Frau des Gutsbesitzers, begleitet, immer wieder auch Simonopio oder einen der Arbeiter. Die Perspektivwechsel stellen beim Lesen keinerlei Schwierigkeit dar, es wird stets schnell deutlich, wen man gerade begleitet. Sprachlich ist der Roman sehr gelungen - die Sprache ist sehr bildhaft und wortgewaltig, sofort hat man das weitläufige mexikanische Anwesen und seine Bewohner vor Augen und kann sich in ihre Ängste und Hoffnungen hineinfühlen. Subtiler Humor ergänzt den Zauber und die gleichzeitige Ernstheit des Buches.
Auch aus erzähltechnischer Sicht ist der Roman toll gestaltet, denn zwischen längeren Kapiteln gibt es immer wieder auch solche, die nur ein oder zwei Seiten einnehmen und manchmal sogar nur aus wenigen Sätzen bestehen - das fügt sich toll in den Roman ein und steigert an den entsprechenden Stellen die Spannung enorm.
Dem magischen Anteil der Geschichte, ausgehend von Simonopio und seinen Bienen, stand ich anfangs skeptisch gegenüber, schnell hat sich dann aber gezeigt, dass nie ein "zu viel" an Übernatürlichem vorhanden ist, das den Erzählfluss stören könnte, sondern dass dieser Aspekt die Geschichte vielmehr wunderbar ergänzt. Sie bleibt stets ernsthaft, tragisch, berührend und geheimnisvoll, ohne ins Unglaubwürdige, Anstrengende abzudriften. Diese Synthese aus Magischem und Realem hat mir sehr gut gefallen.
Fazit: Ein gelungenes, spannendes Konglomerat aus Ernsthaftigkeit und Humor, Familiengeschichte und Sozialstudie, dem ein ganz eigener Zauber innewohnt und das ich gerne weiterempfehle.











