Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Nil_liest:

Kaleidoskop der weiblichen Literatur

Prosaische Passionen von Sandra Kegel

Diese Anthologie über große Literatinnen ist eine wahre Freude und in der Tat umfangreich! Es enthält 101 Kurzgeschichten von 101 Autorinnen aus aller Welt. Es sind Übersetzungen aus 25 Sprachen und hier ist spannend, dass es Kurzgeschichten in dieser Sammlung gibt, die bisher noch nicht ins Deutsche übertragen wurden.

Genauso gibt es auch Neuübersetzungen.
Weibliche Literatur ist hier geballt zu finden und ist ein Gegengewicht zu der doch dominierenden männlichen Schreibkunst, die wir alle kennen aus dem letzten Jahrhundert. Dieses Buch zeigt uns was es noch zu entdecken gibt, eine unerwartete Fülle und Variation. Und vor allem nicht nur in Europa, ein Bild der globalen weiblichen literarischen Schaffenskunst. Natürlich liegt mit dieser Anthologie nur ein Ausschnitt der schieren Vielfalt vor und es wurden die Geburtsjahrgänge 1850 bis 1921 gewählt mit einer einzigen Ausnahme: Sofja Tolstaja (geboren 1844). Aber selbst in diesen Geburtstjahrgängen gibt es Schriftstellerinnen, die leider nicht enthalten sind. Sprich diese Sammlung ist der Beginn einer Entdeckungsreise für uns alle! Simone Beauvoir, Agatha Christie und Doris Lessing gehören sicherlich zu den bekanntesten Autorinnen in der Sammlung. Aber wie steht es um Sui Sin Far oder Florbela Espanca oder Ulfat Idilbi?
Ich habe einige spannende Entdeckungen gemacht, die mir sehr gut gefallen haben. Dazu helfen hinten im Buch die Autorinnenviten. Hier gibt es zu jeder Autorin einen kurzen Lebenslauf und ihre Werke. Hochspannend und hilft auch Weiteres dieser vielen Damen zu erkunden. Meine Leseliste und meine Lust auf Klassikerinnen ist stark angestiegen!
Die einzige marginale Kritik die ich an diesem tollen Buch äußern kann:Das Nachwort von Sandra Kegel ‚Schreiben, um nicht zu sterben‘ hätte ich gerne an den Anfang gestellt. Ich habe es nach ca 10 Kurzgeschichten gelesen und wäre auch gerne mit dieser Einstimmung in die Texte gestartet. Die Herausgeberin dieser Anthologie, die auch Feuilletonchefin der FAZ ist, rundet das Bild der Kurzgeschichten gekonnt und gut ab. Auch ein lesenswerter Text mit der Gegenwartsbrille auf die short stories.
Fazit: Mehr Modernistinnen lesen!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Eine Lektion der Genügsamkeit

Das Geschenk von Kobi Yamada

Kobi Yamada hat ein schönes Bilderbuch geschrieben. Ja, nicht niedlich, nicht bezaubernd, sondern schön. Denn er möchte in dieser Welt des Überflusses für wenige und zugleich des unerträglichen Mangels für viele andere die wichtigste Botschaft transportieren, die wir Menschen alle beherzigen sollten: Das Leben ist das süßeste Geschenk von allen.

Da passt der simple Titel hervorragend: Das Geschenk. Nur an der ein und anderen Stelle holpert die Übersetzung aus dem Englischen.
Die Illustrationen von Adelina Lirius unterstreichen die achtsame Idee hinter dem Text und setzt das kleine Mädchen mit seiner Bonbonschale gekonnt in Szene. Denn es geht um ein Mädchen, dass eine Bonbonschale findet, dass täglich genau ein Bonbon darin findet. Nicht mehr und nicht weniger. Denn es genügt. Übrigens ist das gezeichnete Mädchen wunderbar
Ein Bilderbuch für Klein und Groß, eines das Besinnung auf Genügsamkeit auf eine liebevolle Art transportiert.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Schmackhaft!!!

Bohnen, Linsen und Co von Marie Melchior; Betina Hastoft

Ich bin ja ein Hülsenfrüchtefan – schon immer gewesen! Seit die vegetarische und vegane Küche nachhaltigen und leckeren Variationen in der Küche aufspürt, kommen immer mehr Gerichte mit Hülsenfrüchten vor. Herrlich! Die Däninnen Marie Mechior und Betina Hastoft haben nun ein ganzes Buch gefüllt mit leckersten Rezepten spezifisch zu Hülsenfrüchten mit dem Titel „Bohne Linsen &Co“.

Aber es sollte erwähnt sein, dass es ein weder rein vegan noch vegetarisch Kochbuch ist, es ist einmal durch die ganze Bandbreite alles dabeo: vegetarisch, Fleisch, Fisch, süß, salzig, alles dabei!
Jetzt mag man sich wundern: Was süß? Ja, denn eine der 6 vorgestellten Bohnensorten ist die Kakaobohne. Die anderen sind: Kichererbsen, Linsen, Bohnen (hier verschiedene Sorten), frische Erbsen und frische Bohnen. Die Köchin und Foodstylistin Marie Melchior hat in diesem sehr übersichtlichen und handlichen Kochbuch eine bunte Mischung zusammengetragen. Mein (bisherigen) Favoriten sind Bohnen“Pommes“ und die Sommerrollen mit Linsen! Lecker!
Zu jeder Hülsenfrucht gibt es eine knappe Informationsübersicht. Auch sind die Fotos großartig von Betina Hastoft! So tolle Food Fotos! Wirklich große klasse!!!
Fazit: Erst wird man erst mit tollen Fotos gesegnet, dann mit guten Rezepten bereichert und zum Ausprobieren animiert für den vollen Genuss! Lasst es euch schmecken!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Nackte Teepuppen, ein schwimmender Kuhstall und fruchtige Tinte!

Gastro Obscura von Cecily Wong; Dylan Thuras

Was haben nackte Teepuppen, ein schwimmender Kuhstall und fruchtige Tinte gemeinsam? Sie sind alle versammelt in einem neuen Buch mit vielem Kuriosen: ‚Gastro Obscura‘.
Für meine Back- und Kochbücher habe ich bereits ein eigenes Regal in der Küche um die guten Schätze immer griffbereit zu haben.

Nun habe ich ein Buch entdeckt, dass sich so ohne weiteres in keine Schublade zwängen lässt, nicht nur, weil es ein massiv umfangreiches Werk ist, sondern weil der Inhalt zwar gut in die Küche passt, aber keine Rezepte enthalten sind!
‚Gastro Obscura‘ von Cecilia Wong und Dylan Thuras ist ein Atlas-Obscura-Buch. Denn die beiden hatten vor einigen Jahren mit großem Erfolg mit dem Atlas Oscura, in dem sie viele kuriose, weniger bekannte und bestaunbare Orte sammelten. Und nun haben sie dieses Konzept auf alles was mit Essen, Genuss, Verzehr und Essensbräuche zu tun, angewendet. Dieses Buch hält eine globale Fülle an Entdeckungen für den Gaumen bereit. Wahnsinn, was sich da alles findet!
Wir entdeckten bereits ein witziges Teil, dass wir in Vancouver, Canada am Strand bestaunen dürfen: den Geo duck!
Das Buch ist nach Kontinenten aufgebaut und selbst die Antarktis ist hier vertreten! Bei den größeren Kontinenten ist es dann auch noch mal regional aufgeteilt. Wer was Bestimmtes sucht, kann gut das Themenregister nutzen.
Wirklich ein großartiges Buch zum Stöbern und Entdecken. Was haben wir schon gemeinsam als Familie die Nase hier reingesteckt. Mal ein besonderes Coffee table book, dass wirklich JEDER in die Hand nimmt und gleich für Gesprächstoff sorgt.
Bilchreich und schön gestaltet, ist das Buch ein gelungenes Kompendium! Ihr werdet staunen, versprochen!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Das Muttertier

Für euch von Iris Sayram

Iris Sayram, eine doktortiteltragende Juristin, die als Journalistin erfolgreich ist, hat sich nun auch als Autorin bewiesen. Ihr Debütroman „Für euch“ arbeitet ihre Kindheit und Jugend auf. Ein Kuriosum, denn die Autorin sagt selbst, dass sie jahrelang, ach was, Jahrzehnte ihre Herkunft versucht hat zu verschweigen und unter den Teppich zu kehren.

Vor allem, weil es ihr peinlich war, denn sie wuchs in bitterer Armut und in Mangel auf in den 80er & 90er Jahren im Friesenviertel in Köln. Ein Viertel in dem die Feierwütigen sich herumtrieben zwischen Discos und Puffs. Hier, genau hier, wird Iris Sayram groß mit einer Mutter, die Klos putzt und noch anderes macht um einfach an Geld zu gelangen. Machens an der Grenze zur Legalität. Der Vater, ein Spielsüchtiger mit türkischem Migrationshintergrund. Zwar hat die kleine Familie nicht viel materielles, aber sie lieben sich und wünschen sich eine bessere Zukunft für ihre Tochter.
Im Grunde ist der Roman eine Hommage an ihre aufopfernde Mutter Mimi, die ihre Kraft daraus zog sich für ihre Familie aufzuopfern: Für euch – wie der Titel lautet. Es zeigt wie man als Muttertier über sich hinauswachsen kann für das eigene Kind.
Iris Sayram schreibt hart und liebevoll zugleich, so zwiespältig ihre Kindheit und Jugend sicher oft war. Sie nimmt uns mit in einen Mikrokosmos, der vielleicht wenig Status und Bildung zu bieten hatte, aber ihr trotzdem eine gute liebevolle Lebensbasis gegeben hat. Jeder ist auf seine Weise zu dem geworden was er ist, geprägt durch seinen Lebensweg. Spannend zu erlesen wie die Autorin ihren eigenen Weg und die damit einhergehenden Emotionen über die Jahre hinweg nun von außen betrachten kann und realisiert was ihre Mutter geleistet hat.
Fazit: Mich hat der Roman beeindruckt, denn im Grunde fordert er uns alle auf mehr zu sehen hinter den gescheiterten Existenzen, die uns so oft begegnen und deren Geschichte wir nicht kennen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Was bedeutet wohnen eigentlich?

Das Zuhause von Emanuele Coccia

Der italienische Philosoph Emanuele Coccia der an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris unterrichtet hat sich der Frage angenommen: Was ist ein Zuhause?
Sehr berechtigt nach solch einer langen Zeit in der wir alle sehr viel mehr Zeit in unseren vier Wänden verbracht haben. Da wurde ich neugierig was Emanuele Coccia dazu philosophiert.

Auf etwas mehr als 150 dicht bedruckte Seiten werden hier einige Theorie postuliert, anekdotenhaft über das Leben und Wohnen gesponnen. Es wird ein Blick in die Vergangenheit geworfen und was das Zuhause mit Land und Versorgung ausmachte um dann den Vergleich zur Gegenwart zu ziehen wo das Zuhause ein Rückzugsort von der Welt bedeutet wo es heimelig und stylisch sein sollte. Irgendwie nett zu lesen, aber zugleich auch nichtssagend. Ich hatte nach der Lektüre keinen großen Erkenntnisgewinne und fand es streckenweise auch anstrengend.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Europäische Backtraditionen zwischen zwei Buchdeckeln

Neues Backen von Laurel Kratochvila

Aus meiner Sicht kann es gar nie genug Back- und Kochbücher geben, ob alte traditionelle Rezepte oder neue Kreationen. Es ist einfach toll neue Rezepte und Gaumenfreuden zu entdecken. Und hier kommen wir zu dem Buch mit dem schnörkellosen Titel „Neues Backen“ von Laurel Kratochvila. Eine Amerikanerin, die es in jungen Jahren nach Prag verschlug und dort in einer Kneipe arbeitete und mittlerweile in Berlin ist.

Dort war der Plan mit ihrem Mann eine zweite Buchhandlung zu eröffnen, die leider nicht lief und sie begann zu Backen um den Laden auch als Café zu nutzen und so begann die Erfolgsgeschichte von ‚Fine Bagels‘! Aber den berühmten Bagels ist nur eine Seite gewidmet.
Laurel Kratochvila erzählt in diesem Buch die Geschichte von einem traditionellen Backhandwerk und portraitiert ihre momentanen Meister mit ihren Kreationen und Rezepten. Es ist spürbar wieviel Respekt sie dem Handwerk zollt und es feiert, dass wir Europäer diese Liebe zum Gebackenen zelebrieren und huldigen. Dafür braucht es eben manchmal den Blick von außen.
Wahrlich ist „Neues Backen“ eher ein Backbuch für Vielbäcker und Küchenliebhaber, die gerne ausprobieren und auch schon ein paar Grundlagen können! Sonst frustrieren die zum Teil doch recht umfangreichen Rezepte wie beispielsweise Croissants. Auch hier wieder die Verneigung vor der Komplexität des Backens. Aber keine Sorge, es enthält auch Alltagstaugliches wie gute Sauerteigbrote oder auch Brioche auf Sauerteigbasis. Es kommen Backwaren aus ganz Europa vor. Sei es aus Polen, Italien, Frankreich, Dänemark, Portugal und anderen europäischen Ländern. Vor allem enthält es auch viele Grundrezepte, die sich auch mit eigener Kreativität gut abwandeln lassen.
Aber jetzt auch ein paar Worte zum Layout: Sehr gelungen!!! Die Bilder rund um das Essen sehen so schmackhaft aus, da will man fast ins Buch beißen! Excuse my french, aber das ist food porn! Auch die Rezepte sind sehr übersichtlich gestaltet und meist auf einer Seite – ja, in recht kleiner Schrift. Die Rezeptseiten haben alle ein kleines Vorwort, wo die Autorin noch mal was zum Rezept loswerden will und das macht dieses Buch persönlich und äußerst nett. Zwischen der Fülle an Rezepten werden Bäckermeister:innen und ihre Läden portraitiert und man möchte sie alle aufsuchen!
Fazit: Ich blieb mit viel Appetit zurück und habe 2 Vorsätze getroffen: Jeden Monat eine Köstlichkeit aus diesem Buch ausprobieren und vor jedem Städtetrip schauen ob ich einer der Läden finden werde, die hier porträtiert werden!
PS: Ist auch auf Englisch zu haben!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Gebrochene Identitäten

Die Tochter des Kommunisten von Aroa Moreno Durán

‚Die Tochter des Kommunisten‘, das ist Katja und auch die jüngere Schwester Martina. Geflohen vor dem Franco-Regime in Spanien nach Ostberlin in den 50er Jahren. Der kommunistische Vater integriert sich schnell und spricht nur noch Deutsch mit den Kindern, die Mutter Spanisch. Sie hat Sehnsucht nach der Heimat.

Der Roman erzählt uns über 30 Jahre wie es Katja ergeht. Ihr wird zunächst ein Leben durch die Eltern übergestülpt, dem auch sie sich im Laufe der Zeit entzieht, da sie mit ihrer großen Liebe in den Westen flieht, Johannes. Auch sie ist nun im Exil und kann nachfühlen was bereits ihre Mutter in der Einsamkeit Ostberlins erfahren hat.
Der Debütroman der 1981 geborenen Spanierin Aroa Moreno Durán wurde in Spanien gefeiert und bekam den ‚Premio del Ojo Critico‘. Er ist auf den wenigen 172 Seiten eine gelungene Spanisch-Deutsch-Deutsche-Geschichte und das fabelhaft übersetzt von Marianne Gareis. Wirklich großartig ist die plastische kurzgehaltene Beschreibung des Erzählten, wie die Einsamkeit und Isolation auf Menschen wirkt und sie bricht. Das schmerzhafte Exil, bei aller Überzeugung tut einfach weh und kann hier von Eltern und Kindern in eigener Dynamik noch mal anders verstanden werden. Denn die Entfremdung durch den doppelten Bruch, erst von Spanien nach Ostberlin und dann wiederum mit Westdeutschland erlaubt einen Blick hinter die Entwurzelung durch ideologisches Getriebensein.
Wirklich äußerst lesenswert!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Keine Leiche, kein Verbrechen

Die letzte Tür vor der Nacht von António Lobo Antunes

Es gibt zwar eine brutal ermordete Leiche, aber es handelt sich nicht um einen Krimi! Es verschwindet ein Geschäftsmann in Schwefelsäure und hat sich praktisch aufgelöst, aber das ist nicht der Fokus des Romans. Denn es ist klar wer die Mörder sind. Fünf Männer, die dubioser nicht sein könnten: ein zwielichter Rechtsanwalt und sein Bruder, ein sehr gewissenloser Kräuterhändler sowie zwei Geldeintreiber.

Es ist ein fein ausgetüfteltes Psychogram dieser fünf Täter. Die anfängliche Gewalt dient António Lobo Antunes nur als Ausgangspunkt. Vor allem fußt dieser Leichenfund auf einer realen Begebenheit, die sich in der Nähe Portos zutrug.
Kein Roman, der sich nebenbei weglesen lies. Ich tat mich etwas schwer, vor allem wegen der Syntax. Oder besser, wegen der fehlenden Syntax. Wenig Satzenden, keine Anführungszeichen, nur Spiegelstriche, wenn gesprochen wird. Dann die doch sehr poetische offene mäandernde Sprache, die volle Aufmerksamkeit bedarf. Das machte mir den Lesefluss nicht sonderlich einfach.
Mich hat der Roman „Die letzte Tür vor der Nacht“ gereizt, weil der mittlerweile 80jährige António Lobo Antunes schon des Öfteren genannt wurde als Anwärter auf den Literaturnobelpreis! Der Portugiese hat schon viele Romane geschrieben und dies ist sage und schreibe der 29.! Spannend ist auch, dass er von Hause aus Psychiater ist und lange Zeit als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitete.
Und hier kommen wir zum großen Punkt der Überzeugung dieses Romans. Er ist ein Meister sich in die inneren psychischen Windungen anderer Menschen einzufüllen und zeichnet uns großartige nach in welchem Seelenzustand die Täter sind. Die abwechselnde Erzählperspektive lässt uns komplett eintauchen und wir ergründen sie alle.
Und da António Lobo Antunes in einem Interview mal sagte: „A good reader is hard to find“ (‚Ein guter Leser ist selten zu finden‘) überlasse ich es euch, ob ihr es wagen wollt!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wie kam der Schmerz in die Familie?

Verbrenn all meine Briefe von Alex Schulman

Alex Schulman ist einer DER schwedischen Autoren, die momentan große Aufmerksamkeit genießen. Im vergangenen Jahr erschien ins Deutsche übersetzt der Roman „Die Überlebenden“ und nun ist sein eigentliches Debüt übersetzt von Hanna Granz auch bei uns zu haben. Im Original ist diese autofiktionale Geschichte bereits 2018 erschienen und gibt uns einen intimen Einblick ins Schulmans Leben.

Drei Ebene hat der Roman und alle greifen ineinander und sind doch grundsätzlich verschieden. Sein Schreibstil entspannt wieder eine Sogwirkung in dem er sein eigenes psychologisches Familiendrama skizziert:
Analyse. Denn der erste Faden spielt in der Gegenwart und zeichnet ein von unvorhersehbarer Wut und vom Zorn gepackten Mann in Mitten seiner Familie. Alex Schulman schildert seine psychotherapeutischen Aufarbeitungen und macht sich auf die innere und äußere Spurensuche was ihn zu solch einem Verhalten leiten lässt. Schnell wird klar: Es liegt in der Familiengeschichte seiner Mutter begraben und er recherchiert.
Rekonstruktion. Strang Nummer 2 spielt im Jahr 1932, in dem seine Großmutter Karin (der auch das Buch gewidmet ist) ihrer großen Liebe Olof Lagercrantz begegnet, nur leider ist sie bereits verheiratet mit Sven Stolpe. Und dieses Drama entspinnt sich jahrzehntelang. Sven Stolpe macht seiner Frau das Leben zur Hölle und liefert sich einen erbitterten literarischen Kampf mit seinem Nebenbuhler. Olof und Karin lieben sich und doch kann es nicht sein und wird nie gelebt.
Erinnerung. Schulman taucht in seine eigene Kindheit ab und reflektiert wie er den narzisstischen, frauenverachtenden Mann, seinen Großvater, wahrgenommen hat. Mit Kinderaugen verfolgen wir die unheilvolle und kalte Stimmung im Hause der Großeltern.
Auch wenn hier viel vom Autor und all den bekannten schwedischen Literaten in seinem Umfeld enthalten ist, (Auch Karin war im Literaturbetrieb tätig als Übersetzerin ins Schwedische aus 4 Sprachen!) ist und bleibt es ein Roman, da ja doch viel unklar bleibt im Rückblick.
Schulman hat ein besonders ergreifenden Roman geschrieben, der mich noch lange nach der Lektüre beschäftigt hat. Er hat die Gabe in seinen Texten die Beklemmung einer ganzen Familie darzustellen und zeigt uns wie weit das Unglück dreier Personen noch sehr lange nachhallen kann in den kommenden Generationen. Wirklich ein Stück gute Literatur!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest