Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Bibliomarie:
Frau Cebulla und der Gentleman
Zärtlich ist der Tod von Mischke Susanne
Bodo Völxen, dem Leiter des Kommissariats für Mord und Tötungsdelikte in Hannover, sind die subtilen Veränderungen seiner Sekretärin Frau Cebulla völlig entgangen. Sicher, das fehlende Quietschen ihrer Gesundheitsschuhe hat er schon bemerkt, aber das statt dessen Pumps getragen werden, fiel ihm nicht auf.
Umso größer der Schock, als Frau Cebulla um Hilfe bittet. Ihr neuer Partner ist verschwunden, sie wollten doch grade ein Wellness-Wochenende antreten. Allerdings hat sie kurz vorher mit ihrem Vermögen aus einer „vorübergehenden“ Verlegenheit geholfen.
Schnell stellt sich heraus, dass Frau Cebulla nicht das einzige Opfer des attraktiven Heiratsschwindlers war und als eine junge Musikerin ermordet in ihrer Wohnung gefunden wird, deutet alles darauf hin, dass auch sie den Mann kannte. Hat er sie umgebracht, weil sie kein Vermögen hatte? Aber warum ist nur die mittelklassige Geige verschwunden und nicht das überaus wertvolle Cello?
Sehr geschickt beginnt dieser Kriminalroman. In kurzen Episoden erfährt ein wenig von den handelnden Personen und bekommt auf diese Weise kurzweilig das ganze Personal der Dienststelle vorgestellt. Überhaupt ist der Ton des Krimis wunderbar entspannt. Er liest sich flüssig und unterhaltsam. Obwohl kein „Humorkrimi“ musste ich einige Male schmunzeln, so bleibt selbst der übliche Detailkram von Spurensuche und Recherche amüsant. Eine der gelungensten Szenen ist eine Falle die Kommissarin Kristensen dem Heiratsschwindler stellt. Nach einer getürkten Anzeige taucht ausgerechnet der angejahrte Chef der Pathologie zum Date auf.
Die Autorin stellt einige ganz geschickte Fallen für den Leser und ich musste lange rätseln, bis ich den Prolog mit der Handlung in Verbindung bringen konnte. Als Krimi hat das Buch genügend Spannung um den Leser bei der Stange zu halten, auch wenn es nicht unbedingt nervenaufreibend zugeht. Mir hat es bis zur letzten Seite gefallen
Erst gegen Ende des Buches habe ich gesehen, dass ich den 8. Band der „Hannover-Reihe“ der Autorin in der Hand hatte. Ich kannte die Vorgänger nicht und es war auch beim Lesen kein Hindernis. Allerdings habe ich mir inzwischen die ersten Bände bestellt, denn das Buch hat mir Lust auf Mehr gemacht.
Empfehlenswerter Krimi
Zärtlich ist der Tod von Mischke Susanne
Nach „Stumme Wut“ ermittelt DCI Matilda Clarke nun in ihrem zweiten Fall. Ein aufmerksamer Bewohner hat einen Mord gemeldet. Im Wagen saß ein Paar, er wurde brutal misshandelt und erschossen, die Frau hat ihre Vergewaltigung und einen Bauchschuss nur knapp überlebt. Pikant wird die Situation als sich herausstellt, dass beide verheiratet waren, aber nicht miteinander.
Der Fall ist rätselhaft, es gibt keine verwertbaren Spuren und Clarke steht unter besonderem Druck.
Die Presse hat einen alten Fall wieder aufgegriffen, der sich jährt. Ein Achtjähriger wurde entführt, die Geldübergabe ging schief, der Entführer hat sie nie wieder gemeldet und von dem Jungen fehlt seither jede Spur. Dieses Versagen wurde DCI Clarke angelastet, die damals durch den Tod ihres Mannes schon an ihre psychischen Grenzen kam. All das wühlt die Presse in diffamierender Weise wieder auf. Außerdem soll aus Budgetgründen das Morddezernat aufgelöst werden, wenn Clarke nicht rasche Erfolge liefern kann. Keine guten Voraussetzungen für Ermittlungen.
Der Kriminalfall ist äußerst raffiniert ausgedacht und hielt mich von Anfang an gefangen. Schnelle Szenen- und Perspektivwechsel geben das Tempo vor, aber Michael Wood gibt nie die Fäden aus der Hand. Jede Szene, jeder Dreh ist logisch und ergeben zum Ende hin ein schlüssiges Ganzes. Aber das ist so gut gemacht, dass ich bis zu den letzten Kapiteln den Plot nicht auflösen konnte. Die Spannung, schon von Beginn an sehr hoch, steigerte sich im Lauf des Geschehens weiter. Das ist wirklich ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Die Polizeiarbeit war sehr realistisch beschrieben und sehr gut fand ich auch die Charakterisierung des Teams. Für seine Figuren hat sich der Autor Zeit genommen, sie wirken absolut echt. Ich hatte zu jeder Zeit eine ganz genaue Vorstellung Personen und Umgebung, es spulte sich in meinem Kopf ein richtiger Film beim Lesen ab.
Die Hauptfigur, Matilda Clare, ist kein einfacher Mensch, sie wirkt spröde, kämpft mit ihren Dämonen und hat erst seit kurzem ihr Alkoholproblem in den Griff bekommen. Trotzdem ist sie eine sympathische Person, die nicht aufgibt und auch ihr Team hinter sich weiß.
Schon das erste Buch von Michael Wood hat mir gefallen, „Gieriger Zorn“ hat alle meine Erwartungen erfüllt und ich warte ungeduldig auf weitere Übersetzungen.
Tief unter der Erde
Letzter Stollen von Herbert Dutzler
Am Ende jeder Grubenfahrt im Schaubergwerk zählt Frau Roither die Schutzanzüge. Verflixt, da fehlen zwei, ein wenig später fehlt dann nur noch einer, aber das macht sie stutzig, dass sie die Polizei ruft. Das bedeutet dass der Franz Gasperlmaier aus seiner Geburtstagsfeier zum 50igsten gerissen wird.
Aber so schlimm ist das nicht, denn er steht eh nicht gern im Mittelpunkt und die Späßchen machen ihn nur verlegen. Denn der Inspektor ist so ganz vom alten Schlag, eher bedächtig und Neuheiten und allzu hohem Tempo eher abgeneigt. Aber Kollegin Manuela und die Chefin Frau Dr. Kohlross sind ja an seiner Seite, als dann tatsächlich ein Toter auftaucht.
Ein Salzbergwerk als Schauplatz eines Krimis war für mich neu und sehr interessant. Dutzlers Altaussee-Krimis sind gewürzt mit einem verschmitzten Humor und viel österreichischem Charme. Das ist auch seiner Hauptfigur, dem Franz Gasperlmaier zu verdanken. Ein ganz knorriger Charakter, dem die Einhaltung der Essenszeiten mindestens genauso wichtig ist, wie der Fortgang der Ermittlungen. Man muss ihn mögen, auch wenn seine Gedankengänge manchmal einige Zeit brauchen, bis er sie ausspricht. Meist sind dann Manuela oder die Kohlross schon weiter. Überhaupt die Frauen, die verunsichern ihn immer zutiefst, auch wenn er sie als Kolleginnen sehr schätzt.
Die Geschichte führt nicht nur tief in den Stollen, sie führt auch tief in die Vergangenheit und ganz zum Schluss überrascht der Autor die Leser mit einem ganz und gar unerwarteten Ende.
Ich mag den ganz eigenen Humor des Krimis und konnte mich bestens unterhalten. Da ich es liebe, wenn in Krimis auch die Region und ihre sprachliche Eigenheiten zum Zuge kommen können, bin ich hier auch auf meine Kosten gekommen.
Wer gern zum regionalen Kriminalroman mit viel Humor greift, wird hier bestens bedient.
Ein Sommer am Atlantik
Letzter Stollen von Herbert Dutzler
Die junge Ella verbringt 1938 ein zauberhaften Sommer auf der Ile de Ré bei einer französischen Freundin ihrer Mutter. Mit Sohn Christophe verbindet sie bald mehr als eine Freundschaft. Es scheint, sie hat die Liebe ihres Lebens gefunden. Doch schon ihren nächsten Sommerbesuch muss sie abbrechen. Der Krieg ist ausgebrochen und Christophe wird zur Armee eingezogen.
Auch Ella meldet sich als Freiwillige zum Frauenhilfscorps der Army. Dann erhält sie eine schreckliche Nachricht aus Frankreich, die ihre Zukunftspläne zunichtemachen.
60 Jahre später bittet Ella ihre Enkelin Kendra ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Ella ist am Ende ihres Lebens angekommen und spürt, wie sich ihre Erinnerungen allmählich auflösen. Sie möchte aber ihre Geschichte an ihre Kinder, vor allem an ihre Tochter, weitergeben. Für Kendra werden Ellas Geschichten auch zum Spiegel ihrer eigenen Situation. Ihre Ehe ist in einer Krise, ihr Mann und sie sind überfordert von den Problemen mit dem autistischen Sohn Finn. Ihre Liebe scheint verloren zu gehen, während sie versuchen, den Alltag zu bewältigen.
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Die Erinnerungen von Ella führen nach Frankreich, berichten von unbeschwerten Sommerwochen und dem Zauber der ersten großen Liebe, über die bereits die dunklen Wolken der Kriegszeiten drohen. Ihre Erzählungen reichen bis ins Jahr 1970 und berichten von Hoffnung und zerplatzten Träumen, von Verzicht und neuem Glück. Dieser Zeitraum nimmt nicht nur den größten Teil des Romans ein, er ist auch der Teil, der mich am meisten gefesselt hat. Eine starke Frau, die am Ende ihres Lebens zurückblickt und ihr Schicksal Revue passieren lässt – das hat mich wirklich berührt und auch die historischen Details, die den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht Englands und Frankreichs erzählen, fand ich sehr interessant.
Die Szenen vom Sommer auf der Atlantikinsel sind zauberhaft erzählt, Wind und Sonne, der Duft der Gräser und Kräuter, das wirkt lebendig und erzeugt farbige Bilder in meiner Vorstellung und nimmt mich mit auf die Insel.
Dagegen wirkt Kendra und ihr Familienproblem fast ein bisschen blass. Obwohl sehr sympathisch geschildert und ihr Nöte greifbar sind, ist eindeutig Ella die prägnanter gezeichnete Figur.
Ein warmherziger Roman, der obwohl manche traurige Szene enthält, einen optimistischen Ausblick auf das Leben hat. Ich habe mich davon wirklich anrühren lassen und bin auf Stunden die in Geschichte eingetaucht.
Tage der Abrechnung
Die Farben des Feuers von Pierre Lemaitre
Am Tag der Beisetzung des Bankiers Marcel Péricourt, stürzt oder springt der Enkel aus dem Fenster und bleibt schwerverletzt auf dem Katafalk liegen. Madeleine Pericourt verliert sich in ihrer maßlosen Trauer und in ihrer Sorge um den nach dem Sturz gelähmten Sohn Paul. So steht sie zwar formell an der Spitze des Bankhauses, aber der Prokurist der Bank Gustave Joubert lenkt die Geschäfte.
Umgeben ist Madeleine vom raffgierigen Onkel Charles und vom Hauslehrer André Delcourt, der auch ihr Liebhaber ist. Erst spät, zu spät begreift Madeleine, dass keiner ihrer Vertrauten ihr Wohlwollen im Auge haben. Joubert will Rache für die Kränkung, dass er mit einem Almosen im Testament des alten Péricourt abgespeist wurde.
Doch als Madeleine alles verloren hat, erwacht in ihr die Kraft ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die politischen Wirren, die Wirtschaftskrise und die Vorboten des Zweiten Weltkriegs spielen ihr in die Hände und sie beginnt die Schuldscheine für den Verrat einzufordern.
Pierre Lemaitre findet einen leichten, oft sogar ironischen Ton um seine Figuren zu portraitieren. Der Roman entwickelt fast die Dynamik einer Kriminalgeschichte, wenn Madeleine Zug für Zug ihren Rachefeldzug umsetzt. Die farbige Darstellung der Gesellschaftsschichten und deren Umwälzungen im Vorkriegsfrankreich ist prägnant und gelungen. Der Roman entwickelt einen Sog, dem ich mich als Leserin nicht entziehen konnte. Besonders gelungen fand ich die Frauen der Geschichte, nicht nur Madeleine, sondern auch Kindermädchen Léonce und Pflegerin Vladi sind großartig portraitiert und stehen für ihre jeweilige Gesellschaftsschicht. Es ist ein groß angelegter Sitten- und Gesellschaftsroman, in den Lemaitre Madeleines Abrechnung einbettet. Dabei gefiel mir ganz besonders die Raffinesse der einzelnen Handlungsstränge, die auch mit Kritik an der damaligen Gesellschaft nicht spart. Ob nun es die Arroganz des Großbürgertums oder die Eitelkeit der Politiker oder die Geltungssucht der Presse ist. Madeleine hat viel verloren, aber ihre Freiheit hat sie sich zurück erobert.
Ein wunderbarer Roman, dessen brillante Sprache mich nachhaltig beeindruckt hat.
Schwester Frevisse ermittelt
Die Novizin. Mord im Jahr des Herrn 1431 von Margaret Frazer
Friedlich geht das Leben im Kloster St. Frideswide seinen Gang. Novizin Thomasine will dort in wenigen Tagen ihr Gelübde ablegen. Das passt ihrer Großtante Lady Ermentrude Fenner überhaupt nicht in ihre Pläne. Sie möchte Thomasine, ausgestattet mit einer guten Mitgift, verheiraten. Ihre turbulenten Besuche im Kloster sind gefürchtet, aber als Gönnerin des Konvents muss sie mit gebührenden Ehren aufgenommen werden, doch sie überlebt ihren Besuch nicht.
Schwester Claire, die kräuterkundige Nonne, vermutet Gift und schon bald haben der Coroner und die aufgebrachte Verwandtschaft von Lady Fenner eine Schuldige ausgemacht. Doch Schwester Frevisse hält nichts von schnellen Urteilen. Mit Erlaubnis der klugen Priorin beginnt sie zu ermitteln.
Das Kloster als Schauplatz eines Verbrechens ist ein beliebtes Sujet. Der Kontrast zwischen frommen Frauen hinter friedlichen Klostermauern und der Gewalttat, bietet viel Stoff für farbig geschilderte Szenen. Klosterleben, Gebetsregeln und Alltag der Schwestern und das mittelalterliche Leben der Landedelleute werden erzählt und werden durch die bildhafte Sprache lebendig. Schwester Frevisse ist eine gescheite und mutige Frau, die das Kloster nicht als Einengung empfindet und so stellt sie sich mutig dem Coroner und den Schergen der Fenners entgegen. In ihrer Unbeirrtheit und ihrer Hartnäckigkeit ähnelt sie wirklich der im Werbetext erwähnten Miss Marple.
Als weltlicher Gegenpart darf Thomas Chaucer auftreten. Der Sohn des angesehenen Dichters Geoffrey Chaucer, dessen Canterbury Tales zum englischen Kulturgut gehören, ist zwar nicht adlig, aber vermögend und angesehen bei Hofe. Dem Kloster ist er durch sein früheres Mündel Frevisse verbunden. Was der kleinen, abgeschiedenen Welt des Klosters fremd ist, kann der weitgereiste und politisch versierte Thomas beitragen.
Margaret Frazer ließ Schwester Frevisse in vielen Bänden ermitteln. Sie erschienen um die Jahrtausendwende in Deutsch. Nun werden sie E-books wieder aufgelegt und die Wiederentdeckung lohnt sich.
Cormoran Strike ermittelt
Weißer Tod von Robert Galbraith
Zum vierten Mal lässt Robert Galbraith ( J.K. Rowlings) ihren Privatdetektiv Cormoran Strike ermitteln. Neben seinen üblichen Aufträgen weckt der Besuch eines jungen Mannes sein besonderes Interesse, Billy ist offensichtlich schwer psychisch gestört und ist sich sicher, dass er als Jugendlicher einen Mord an einem Kind mitangesehen hat.
Bevor Cormoran mehr Details erfahren kann, flüchtet der junge Mann in Panik.
Nach einigen spektakulären Erfolgen hat Strikes Detektei eine gewisse Berühmtheit erlangt und so erreicht ihn auch der Auftrag des konservativen Ministers Chiswell. Der wird erpresst und Strike und seine Assistentin Robin nehmen den Auftrag an, besonders da der Name des Ministers auch in Billys Dunstkreis fällt.
Die Ermittlungen führen Cormoran in verschiedene Kreise, in die exklusive englische Oberschicht ebenso wie ins Umfeld des britischen Parlaments und in die Welt der Hardcore-Sozialisten. Dabei verblüfft mich die genaue Beschreibung der jeweiligen Milieus. Absolut stimmig ist die Darstellung der abgeranzten WG Zimmer in Londons armen Vierteln, wie auch das schäbige Büro Strikes und seiner ebenso schäbigen Zwei-Zimmer-Absteige im Stockwerk darüber. Genauso stimmig auch die Welt der Oberschicht in ihren schön restaurierten kleinen Häusern mit hübschen Vorgärten in den angesagten Stadtteilen.
Auch bei der Charakterzeichnung einzelner Personen hatte ich gleich sehr realistische Bilder vor Augen. So erinnerte mich die Beschreibung von Chiswell sofort an die Fernsehbilder von Boris Johnson. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist.
In dem bisher umfangreichsten Band dieser Reihe (857 Seiten) setzt die eigentlich Krimihandlung sehr spät ein. Tatsächlich lässt sich die Autorin viel Zeit für ihre Figuren und ihre gesellschaftlichen Verflechtungen. Aber sie schreibt so faszinierend und fesselnd, dass mir die langsam einsetzende Spannung nie als Manko erschien. Im Gegenteil, mir gefielen die Beziehungsspannungen zwischen Robin und Cormoran. Der Roman beginnt mit Robins Hochzeit und der daraus resultierenden Zurückhaltung Cormorans. aber sehr schnell erkennt Robin ihren Fehler. Aber beide sind einfach zu stolz und zu kompliziert gestrickt um auf einander zuzugehen. Auch das macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.
Das Ende ist absolut schlüssig, aber so überraschend, dass ich auch nie einen Hauch von Verdacht oder Ahnung hatte und das passiert mir als passionierter Krimileserin selten. Erst in der Rückschau wurde mir die Bedeutung der kleinen, immer wieder eingestreuten Hinweise und Bemerkungen klar. Genau wie die Ibsen-Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt werden und deren Bezug sich am Ende enthüllt.
Ich freue mich auf den nächsten Band und auf die weitere Entwicklung zwischen Robin und Cormoran.
Nadel & Faden
Da machen wir´nen Flicken drauf von Gina Greifenstein
In glücklicher Erwartung sitzt Moni an ihrem zwanzigsten Hochzeitstag im Lokal. Ihr Rolf scheint sich wieder einmal etwas zu verspäten. Aber die Seligkeit wird ihr in wenigen Minuten aus dem Gesicht gewischt. Ausgerechnet diesen Tag hat sich Rolf ausgesucht um ihr das Ehe-Aus zu verkünden. Er hat eine Andere.
Nur 3-4 Jahre älter als die gemeinsame Tochter Emma und es eilt, da die Tussi – so wird sie fortan im Buch genannt – auch schon schwanger ist.
Moni flüchtet zur besten Freundin Ruth, einer bekannten Modedesignerin, die grade ihre neue Kollektion vorstellt. Dort gibt es zuerst reichlich Alkohol zur Ersten Hilfe und sofort einen Traummann, mit dem sie ihren Frust wegtanzt. Ach, wenn nicht nur der Morgen danach wäre….
Moni erfindet sich neu, sie macht den Motorradführerschein, ein Herzenswunsch seit Jugendzeiten. Sie startet auch beruflich durch, denn gleich nach Studium kam damals Rolf und kurz danach Emma, so dass sie nie ihren Beruf als Schneiderin und Modedesignerin ausgeübt hat. An ihrer Seite Ruth, die sie mit ihren pragmatischen Ratschlägen und tatkräftiger Hilfe aufrichtet. Und siehe da, an neuen Traummännern ist kein Mangel, aber was will Moni wirklich?
Herzschmerz und Liebeskummer, das Ende einer Ehe und ein Neustart ins Leben. Damit kann ich in einem Satz den Inhalt zusammenfassen. Eine sehr flott – man liest das Buch in einem Atemzug – geschriebene Geschichte mit Humor und viel Wortwitz und die mich wirklich bestens unterhalten hat. Allerdings sollte man nicht so sehr über Logik und Realität nachdenken, denn daran mangelt es in der Story. Es ist halt ein Märchen und das Happy End ist nicht nur unerwartet, es ist auch ein passender Schlusspunkt für Moni.
Der Autorin ist wirklich eine federleichte Geschichte gelungen, sie schreibt amüsant und frech und das Buch hat mir durchgehend Spaß gemacht, auch wenn es nicht lange nachhallt. Aber ab und zu darf es auch ein süßes Appetithäppchen sein und es hat noch nicht mal Kalorien.
Familienschicksal
Jahre aus Seide von Ulrike Renk
Ulrike Renks Familiensagas basieren häufig auf einer wahren Begebenheit. Das macht ihre Romane meist besonders intensiv. In ihrem neuen Buch „Jahre aus Seide“ ist es das Schicksal der jüdischen Krefelder Familie Meyer. Karl und Magda Meyer und ihre beiden Töchter Ruth und Ilse leben ein harmonisches Familienleben.
Nach den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geht es wirtschaftlich aufwärts. Man baut ein neues Haus in bester Krefelder Lage und die Zukunft verspricht wirklich Jahre aus Seide. Doch am Horizont ziehen bereits dunkle Wolken auf.
Sehr intensiv beschreibt die Autorin wie der Alltag der Familie immer häufiger durch das Erstarken der neuen Partei eingeschränkt wird. Erst nur durch gehässige Bemerkungen und Einschränkungen im kulturellen Leben, aber immer schneller dreht sich die Spirale der Gewalt. Die Meyers die sich als assimilierte Juden in erster Linie als Deutsche fühlen, die Synagoge höchstens zu den Feiertagen besuchen und auch keine koschere Küche pflegt, hoffen – wie viele andere auch – das dieser Spuk bald vorüber ist. Aber auch sie können die Augen nicht länger verschließen und denken über eine Auswanderung nach.
Dieser Teil der Geschichte hat mich sehr berührt, es ist oft das Alltagsleben ganz gewöhnlicher Leute, die die Gräuel der Nazis besonders deutlich machen. Deshalb hat mich das Buch auch erst in der letzten Hälfte richtig angesprochen.
Der erste Teil beschreibt sehr ausführlich und oft auch mit vielen netten, aber letztlich nichtssagenden Details das Leben einer erfolgreichen Familie. Dem harmonischen Familienleben wird viel Platz eingeräumt. Da wird ein Idyll geschildert, mit einer liebevollen Umwelt und Eltern. Das Hauptaugenmerk in diesem Buch, das als Beginn einer Trilogie angekündigt ist, liegt auf der älteren Tochter Ruth. Ein Mädchen, das oft allzu altklug dargestellt wird. Schon als 4-5 Jährige spricht sie druckreif und reflektiert. Selbst wenn ich berücksichtige, dass Ruth meist nur Erwachsenen Umgang hat, wirkt das aufgesetzt und unecht. Wir lesen von ihrer Kinderzeit, den Freundschaften mit den Nachbarskindern, von den ersten Schuljahren und später den Jahren auf dem Lyzeum, von den ersten schwärmerischen Verliebtheiten.
Da „Jahre aus Seide“ der erste Band ist, werden natürlich viele Personen und Handlungsstränge eingeführt, deren weitere Entwicklung offen bleibt und die wahrscheinlich erst wieder in der Fortsetzung aufgegriffen werden. Das ist zwar verständlich, hat mich aber trotzdem gestört.
Gestört haben mich auch die vielen Druckfehler im Buch. Es gab eine Namensverwechslung und Sätze, die durch seltsame Satzstellung oder Wortverwechslungen sinnlos scheinen. Ich finde, das darf einem aufmerksamen Lektorat in einem renommierten Verlag nicht passieren.
Ich lese die Bücher der Autorin ausgesprochen gern und die Australien- und die Ostpreußensaga habe ich verschlungen. Deshalb bin ich enttäuscht, dass mich die Geschichte einfach nicht zu fesseln vermochte.
Der Geschmack von Marzipan
Das Café der kleinen Kostbarkeiten von Jan Steinbach
5 Jahre ist es her, dass Luise ihren Mann verlor. Ein Schlaganfall traf ihn und sie musste hilflos zusehen, wie die ärztliche Hilfe zu spät kam. In ihrer Trauer wurde sie von ihrem Sohn und seiner Familie aufgefangen, aber die anfängliche Fürsorge hat sich inzwischen zu einem subtilen Verlust über ihr eigenes Leben entwickelt.
Einen Wunsch trägt sie schon lange mit sich: Luise und ihr Mann wollten einmal die Weihnachtstage in Lübeck verbringen, wo sie zusammen einmal einen wunderschönen Tag verbrachten. Diesen Wunsch durchzusetzen erweist sich als schwierig, ihr Sohn und ihre Schwiegertochter wollen sie nicht allein reisen lassen.
Aber Luise setzt sich mit einigen Ausflüchten durch und so steht sie nun im winterlichen Lübeck und sucht die Orte auf, die sie zusammen mit ihrem Mann schon einmal erlebt hat. Ihr Weg führt sie auch in das hübsche kleine Café des passionierten Bäckers Ludwig Johannsen. Backen ist auch für Luise eine Leidenschaft und sie findet eine verwandte Seele. Sie lebt auf und es scheint, dass die Weihnachtszeit ihren Zauber auch Luise und Ludwig nicht verfehlt.
Aber die Realität in Form von Sohn Jochen holt sie ein. Er will seine Mutter zurückholen, vor unüberlegten Entscheidungen schützen und ein neues Glück für sie scheint ihm ein Verrat an der Familie zu sein.
Natürlich darf es in dieser zauberhaften kleinen Geschichte ein Happy End geben. Es ist schließlich Weihnachten, da sind die Herzen offen für kleine Wunder. Es liegt sicher auch daran, dass ich diese Geschichte am Weihnachtstag gelesen habe und sie hat meine Stimmung getroffen. Es ist herzerwärmend erzählt, ein klein wenig sentimental, aber mit liebevoller Zeichnung der Figuren. Man wünscht Luise und Ludwig dieses Glück, vereint mit ihrer Leidenschaft für’s Backen und dem kleinen, romantischen Café in Lübecks Altstadt. Der Geschmack von Marzipan lag mir beim Lesen auf der Zunge.
Im Anhang gibt es sogar Luises und Ludwigs Rezepte für Weihnachtsgebäck, die zum Ausprobieren verführen.









