Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Katharina Huchler:
Aktuell und absurd
Die Terranauten von T. C. Boyle
Boyle schreibt in seinem neuen Roman in gewohnt angenehm lesbarer Prosa über den Gegensatz von Inszenierung und Natur, über die Dynamik in geschlossenen Gruppen und demonstriert die Absurdität der Suche nach einer neuen Lebenswelt für eine Zeit "nach der Erde".
Die Wahl von drei Erzählstimmen, die die Geschichte aus jeweils anderer Perspektive beleuchten, funktioniert wunderbar.
Die Erzählung bleibt auch dadurch spannend, da sich die Figuren stark entwickeln - und ich als Leserin meine Meinung über sie ändern musste.
Alles in allem ein solider Boyle, der sich aufgrund der Vielfalt an Themen (Ökologie, Soziologie, Psychologie) auch als Schullektüre eignet.
Nach Picasso nur Gott...
Dora und der Minotaurus von Drakulic Slavenka
Im Mittelpunkt des Romans steht das Leben von Dora Maar, surrealistische Photographin und Malerin, die leider nicht durch ihr eigenes Werk Berühmtheit erlangte, sondern als Muse Pablo Picassos.
Drakulic' Roman beschreibt vor allem den Machtkampf, der in der Beziehung dieser beiden Künstler tobte.
Er führt uns außerdem in die Surrealisten-Szene des Paris der 1930er ein und lässt uns deren Stars wie Georges Bataille, Man Ray oder André Breton treffen.
Begeistert bin ich Doras Gedanken und ihrer poetischen Stimme gefolgt, die alle Erlebnisse aus der Ich-Perspektive erzählt. Das psychologische Duell, das sich Dora und Picasso liefern, ist faszinierend und tragisch zugleich. Das Buch liest sich sehr flüssig - klar und ungeschönt schildert es die Stufen ihrer Abhängigkeit und (zum Teil mitverursachten) Zerstörung. Ein Frauenporträt, bei dem es sich lohnt, es mehr als einmal zu lesen.
Das menschliche im Monströsen finden...
Die Hochzeit von Auschwitz von Erich Hackl
Ehrlich gesagt habe ich um die Bücher von Erich Hackl bisher einen Bogen gemacht, weil ich wusste, dass er über sehr düstere Themen schreibt. Nun bin ich auf "Die Hochzeit von Auschwitz" gestoßen - und das Buch hat mich absolut überzeugt und sehr berührt:
Aus ganz vielen verschiedenen Stimmen rekonstruiert der Chronist des Buches die Geschichte um Rudi und Marga Friemel: Rudi lernt als Spanienkämpfer die Spanierin Marga Ferrer kennen und lieben.
Doch ist er bereits mit einer Frau in Wien verheiratet, mit der er auch ein Kind hat. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wird er nach Auschwitz gebracht, wo er alles daran setzt, Marga doch noch heiraten zu können.
Es werden Erinnerungen erzählt, die sich ergänzen oder widersprechen und eben dadurch wirkt das Buch besonders authentisch. Es wird nicht immer geschildert, dass Rudi exakt dies oder jenes passiert ist, sondern Hackl schreibt auch, was gewesen sein könnte. Das macht die Geschichte umso reicher - und zu einem Panorama an Schicksalen.
Die titelgebende Hochzeit steht für ein kleines Stück Menschlichkeit, einen Hoffnungsschimmer, der selbst in einem Todeslager wie Auschwitz an allen Beteiligten nicht spurlos vorüber geht. Die Gefangenen bekommen dadurch ein Stück "Menschsein" zurück. Eben dieses Menschliche im Monströsen erspürt Hackl meisterhaft - auch in "Abschied von Sidonie" oder "Als ob ein Engel", Bücher, die ich gleich im Anschluss an die "Hochzeit" einfach lesen musste.
Aktuell und absurd
Die Hochzeit von Auschwitz von Erich Hackl
Boyle schreibt in seinem neuen Roman in gewohnt angenehm lesbarer Prosa über den Gegensatz von Inszenierung und Natur, über die Dynamik in geschlossenen Gruppen und demonstriert die Absurdität der Suche nach einer neuen Lebenswelt für eine Zeit "nach der Erde".
Die Wahl von drei Erzählstimmen, die die Geschichte aus jeweils anderer Perspektive beleuchten, funktioniert wunderbar.
Die Erzählung bleibt auch dadurch spannend, da sich die Figuren stark entwickeln - und ich als Leserin meine Meinung über sie ändern musste.
Alles in allem ein solider Boyle, der sich aufgrund der Vielfalt an Themen (Ökologie, Soziologie, Psychologie) auch als Schullektüre eignet.
Alle Menschen sind gleich, es sei denn, wir entscheiden, dass du kein Mensch bist.
Underground Railroad von Colson Whitehead
Underground Railroad folgt der Flucht des Sklavenmädchens Cora durch die Südstaaten der USA.
Der fundiert recherchierte Roman ist spannend geschrieben und sehr umfassend: Umfassend nicht im Sinne von lang, sondern weil er viele Geschichten aus mehreren Perspektiven unterbringt, ohne dass das Buch überlastet wirken würde: Sklaven, Freigelassene, Abolitionisten, Sklavenhändler und die ?ganz normale = weiße Bevölkerung? finden ihren Platz.
Indem sich Colson Whitehead der Sprache aus dem Blickwinkel der Weißen bedient, macht er deutlich, wie die Dehumanisierung des ?Humankapitals? kontinuierlich weitergeführt wurde.
Colson Whitehead hat ein eindrückliches Schaubild der Sklaverei geschaffen, das keine grausamen Details verschweigt, sich aber auch nicht in Gewaltbeschreibungen erschöpft.
Hier steht der Mensch im Mittelpunkt und die auch durch die furchtbarsten Mittel nicht abzutötende Hoffnung und Sehnsucht nach Freiheit.
Geisterspuk im herrschaftlichen Anwesen
Nacht über Frost Hollow Hall von Carroll Emma
Man mische kindgerecht Elemente von REBECCA, DOWNTON ABBEY und DIE WÖLFE VON WILLOBY und erhält diesen zauberhaften Roman für Leser ab 10 Jahren.
Tilly stammt aus einer armen Familie und ist froh, im herrschaftlichen Anwesen der Barringtons eine Stelle ergattert zu haben. Doch geht es ihr nicht um die Arbeit an sich.
Vielmehr ist sie froh um die Möglichkeit, die Geheimnisse um den zehn Jahre zuvor verstorbenen Erben der Familie zu lüften...
Eine winterliche Geistergeschichte, die sich um Freundschaft, Familie, Mutig-Sein und Trauerbewältigung dreht.
Berührender Entwicklungsroman
Kleines Land von Faye Gaël
Mit klarer und lebhafter Sprache schildert Gael Faye die Kindheit von Gabriel, der im Burundi der Neunzigerjahre aufwächst. Während der erste Teil des Romans sich auf die glücklichen Jahre, die einer kleinen Idylle gleichen, fokussiert, behandelt der zweite Teil den krassen Gegensatz der blutigen und brutalen Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi.
Als Sohn eines Franzosen und einer Ruanderin gerät Gabriel zwischen die Fronten und muss lernen, dass man sich nicht vor allem verstecken kann...
Gael Faye erzählt von den Grauen des Krieges, von der Suche nach Identität, von den kleinen Samen unrechten Tuns, die sich zu Blumen des Bösen entwickeln.
Ein beeindruckender und authentischer Roman für Leser, denen bspw. "Underground Railroad" (Colson Whitehead) gefallen hat.
Rechtes Gedankengut in der österreichischen Politik
Stille Machtergreifung von Hans-Henning Scharsach
Viele österreichische schlagende Burschenschaften blicken auf eine lange Geschichte zurück: Sie haben zielstrebig am Aufbau des Nazi-Regimes mitgewirkt und vertreten heute noch anti-demokratische und verfassungswidrige Ideen. Antisemitismus, >>Führerwahn<<, Frauenfeindlichkeit und Populismus sind nur einige Eigenschaften, die den Mitgliedern zugeschrieben werden können.
Hans-Henning Scharsach nimmt die Burschenschaften genau unter die Lupe: Geschichte und Hintergründe werden genauso beleuchtet, wie die aktuellen Burschenschafter in der Politik, ihre Werte und Strategien.
In dem Buch steckt exakte und sorgfältige Recherchearbeit: Scharsach überprüft politische Hintergründe und Zusammenhänge anhand von objektiven Kriterien und Fakten. Das Buch ist klar strukturiert und zeichnet sich durch hohe Lesbarkeit sowie Brisanz und Aktualität des Themas aus.
Wenn Sie sich entscheiden, in diesem Jahr nur ein einziges Sachbuch zu lesen, ist STILLE MACHTERGREIFUNG eine gute Wahl!
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Nachtrag: Hans-Henning Schirsach wird mit dem Bruno-Kreisky-Sonderpreis 2017 ausgezeichnet!
DAS ROSIE-PROJEKT trifft auf DAS LABYRINTH DER WÖRTER
Die Ladenhüterin von Sayaka Murata
Keiko Furukura war ihr ganzes Leben schon anders, eine Außenseiterin. Als sie einen Aushilfsjob in einem Kombini, einem japanischen Supermarkt, bekommt, findet sie endlich einen Platz, an dem sie sich wohlfühlen kann.
Die klaren Regeln und Strukturen bieten ihr Halt.
Achtzehn Jahre später arbeitet sie immer noch als Aushilfe im Kombini.
Keiko muss erfahren, dass eine Frau Mitte dreißig ohne erfolgreiche Karriere oder glückliche Familie in den Augen der Gesellschaft versagt hat.
Als ihr die Nachfragen von Familie und Freunden auf die Nerven gehen, sucht sie nach einer Lösung - und ihr neuer Kollege Shiraha könnte Teil dieser Lösung sein...
DAS ROSIE-PROJEKT trifft auf DAS LABYRINTH DER WÖRTER: Mir hat der locker-leichte Erzählstil gut gefallen - Keiko ist eine reizende Figur. Sie repräsentiert die Irritation und das Unverständnis gegenüber sozialen Normen und Werten, die unverrückbar zu sein scheinen. Der Schreibstil ist sehr lebhaft und Murata malt ein buntes Bild der magischen Welt eines japanischen Kombini.
Ein umfassendes Geschichtsbuch, das nie langweilig wird!
Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten von Paul Gill
In fünfzig Kapiteln zu je vier Seiten werden die großen Meilensteine in der Geschichte der Medizin präsentiert - beginnend bei den Trepanationen seit der Jungsteinzeit bis zu der Weiterentwicklung der Ebola-Schutzanzüge aufgrund der Epidemie von 2015.
Das Buch bietet einen spannenden Überblick über Entwicklungen in allen medizinischen Feldern.
Auch wenn sich die Kapitel auf einzelne Objekte stützen, erhält der Leser einen umfassenden Einblick in die Geschichte. Durch das angenehme und anregende Layout mit vielen Abbildungen und Infoboxen liest sich das Buch zügig - und ich kann mir die vielfältigen Informationen sehr gut merken.
Leider haben sich ein paar Druckfehler eingeschlichen, die aber den Gesamtwert dieses Sachbuchs nicht schmälern.
Mir hat DIE GESCHICHTE DER MEDIZIN ausgesprochen gut gefallen: Ein Buch für einen ersten Überblick - und zum Immer-wieder-Nachlesen!










