Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Manfred Fürst:
Lost 3 ist nicht aller Tage Abend, Lost kommt wieder, keine Frage.
Weiße Fracht von Gil Ribeiro
Die nächste, die dritte Liebeserklärung an die Algarve von Gil Ribeiro. Er hat sich in die portugiesische Algarve verliebt und damit zu seiner zweiten Heimat gemacht. Er schildert die Landschaft, die Menschen, das Essen mit einer grenzenlosen Euphorie und es wunderte mich nicht, wollte der Provinzgouverneur ihn zum Ehrenbürger auf Lebenszeit ernennen.
Seine Schilderungen könnten eins zu eins in einen Reisführer übernommen werden. Doch sind die touristischen Erfahrungen im Ausland und ein jahrelanges Leben dort zwei völlig verschiedene Dinge. Ich bin mir sicher, viele werden dem zustimmen.
Saudade: Das portugiesischste aller Gefühle gehört zu den „schönsten Wörtern der Welt“. Saudade ist mehr als ein Wort. Der Begriff steht auf Portugiesisch für ein unübersetzbares Gefühl aus Sehnsucht, Melancholie, Schmerz, Nostalgie und Einsamkeit – und doch ist die Saudade so wunderschön.
Zara: [ˈθaɾa] mit dem stimmlosen dentalen Frikativ: Lege die Zungenoberfläche gegen den unteren Teil der Rückseite der oberen Zähne und produziere einen Luftstrom. Lass deine Stimmbänder nicht vibrieren.
Das sind sie wieder, die Darbietungen von gastronomischen Leckerbissen der portugiesischen Küche: Bifana, Pastéis de Nata, Frango piri piri,…
Ich habe einen Vorschlag für die Besetzung des Sub-Inspektors Miguel Duarte sollte die „Weiße Fracht“ verfilmt werden: Louis de Funès.
Leander und Soraia haben „Schmetterlinge im Bauch“. Leander wollte sagen: „Von anthropologischen und biologischen Standpunkt kann das nicht sein, zudem bin ich kein Lepidopterologe.“
Ein Gericht mit regionalen Zutaten „Südost-Algarve“ plus dem Leben und Treiben der Portugiesinnen und Portugiesen, der portugiesischen Polícia Judicária, einer fortgeführten Aufklärung über berufliche und private Aspekte eines Aspi, Leander Lost und einer kriminalistischen Zutat: Kokain mit allen nicht gesetzlichen Fassetten.
Lost 3 ist nicht aller Tage Abend, Lost kommt wieder, keine Frage.
Langatmig, viel sentimentales Rumgesülze von Sebastian mit seiner Ersatzfamilie
Das Mädchen, das verstummte von Michael Hjorth; Hans Rosenfeldt
Vier Tote, davon zwei Kinder, faustgroße Einschusslöcher – so beginnen skandinavische Krimis, nicht alle, aber viele.
Die fünfte Person, die 10jährige Nicole, die im Haus die Tat mitbekommen hat und wahrscheinlich den Täter gesehen hat, ist verschwunden.
„Dass sie nichts gesehen hatte, musste nicht bedeuten, dass sie IHN nicht gesehen hatte,“ denkt der Mörder.
Amüsant, aber mit der Häufung enervierend, die kleinen Animositäten zwischen den Mitgliedern der Reichsmordkommission, deren persönlichen Befindlichkeiten und einem paranoiden Sadisten mit Freude am Töten. Es sind auch bei der Polizei nicht alle normal.
Da ist er wieder, der Konflikt zwischen Vanja und ihrer Mutter und ihrem Ziehvater Valdemar und die selbstzerstörerische Fixierung von Valdemar auf Vanja; man hat ihr den leiblichen Vater verschwiegen. Auch Sebastian hat einen starken Fokus auf Vanja.
Verstehe die Aufregung der Kollegen von Sebastian nicht über die Vielzahl seiner sexuellen Kontakte mit Frauen. Schließlich waren sie alle volljährig und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und jeder Geschlechtsverkehr ging im Rahmen des Einwilligungsgesetzes zur Zustimmung beim Sex vor sich: „…bei dem beide Partner ausdrücklich und klar erkennbar dem Geschlechtsverkehr zustimmen müssen …“, zumindest ist uns nichts Gegenteiliges bekannt.
Mit Billy haben die Autoren einen ganz besonders unsympathischen Charakter geschaffen. Er hat nicht nur eine sadistische Freude am Töten, gleich ob es Katzen oder Menschen sind, spioniert den eigenen Kollegen nach; dieser Psychopath bringt es nicht fertig, sich von My zu trennen, dafür steht er auf seine Kollegin Jennifer mehr als auf seine Braut.
Etwas viel sentimentales Rumgesülze von Sebastian mit seiner Ersatzfamilie, irgendwie müssen die fast 600 Seiten zusammenkommen.
Ja, ja eine Krimihandlung gibt es auch noch mit Einblick in die schwedische Politik: Was macht ein Bergbauunternehmen, wenn es eine Mine ausbeuten will, dafür fünf Grundstücke braucht und nur vier Eigentümer verkaufen? Nicht dass sie jetzt glauben das Unternehmen schickt einen Killer los, nein wir sind in Schweden. Es wartet, den „Geld korrumpiert.“ Warum der Titel „Das Mädchen, das verstummte“? Weil das Mädchen nicht spricht, sondern nur zeichnet und dafür braucht man den Psychologen Sebastian.
Ich habe alle 6 Bände der Sebastian Bergman-Reihe gelesen, zwar nicht der Reihe nach und war am Anfang begeistert, doch dieser Band hat mich genervt.
Großartig und wie sagt Fitzek: „Ganz toll.“
Der Fund von Aichner Bernhard
Cover: „Keiner schreibt wie Bernhard Aichner. Ganz toll. Unverwechselbar!“ von Sebastian Fitzek. Soll ein zusätzliches Kaufargument sein, nicht für mich, braucht Aichner nicht.
Wenn das Schicksal dir alles nimmt, alle deine Träume vergraben werden, dein Leben ein einziges Dahinvegetieren ist, du ganz unten angekommen bist, dann bist du bereit.
volles Risiko einzugehen - wie Rita, die 53-jährige Supermarktverkäuferin, sie sagt „all in“.
In einer Bananenkiste aus Kolumbien findet Rita nicht nur Bananen, sondern auch 12,75 Kilogramm Kokain. Sie nimmt den „Fund“ mit nach Hause und versteckt ihn bei, der alten totkranken Gerda, für die sie sorgt. Beide trinken Tee mit Kokain und beiden geht es danach besser. Doch nun beginnt für Rita die unerwartete Achterbahnfahrt ihres Lebens.
Rita, eine Krankenschwester, eine Kassiererin in einem Supermarkt, trotz abgebrochener Schauspielausbildung spielt sie die Rolle ihres Lebens, bis sie als verkohlte Leiche endet.
Ein Kommissar nach Poirot- oder Colombo-Art mit grandiosen Dialogen will die Wahrheit herausfinden. Der Plot erinnert mich an Akiro Kuroasawas Meisterwerk „Rashomon“, nur diesmal sind es mehr als drei Personen, die jeweils unterschiedliche Versionen in den Verhören erzählen.
Aichners Art Schreibstil fesselt mit kurzen Sätzen, die eine Spannung erzeugen, der man sich nicht entziehen kann. Es besteht die Gefahr des Durchlesens. Mit großer Empathie sind die Charaktere aller Personen gezeichnet. Der Leser will wissen, ob die verkohlte Leiche wirklich Rita - unsere heimliche Heldin - ist.
Das Schicksal scheint doch nicht so grausam zu sein…
Der Schluss endet ähnlich wie bei Roald Dahl mit einer völlig unerwarteten Pointe.
Schreiben kann er, der B. Aichner. Großartig und wie sagt Fitzek: „Ganz toll.“
Unblutiger, dafür authentischer Krimi
Jagdhunde von Jørn Lier Horst
Ein 17 Jahre alter Fall soll wieder aufgerollt werden; Kommissar William Wisting hatte angeblich einen wichtigen Beweis gefälscht. Suspendierung und Einvernahme. Die Zeiten werden ungemütlich für den so rechtschaffenen Kriminalhauptkommissar.
Unfassbar die Frage eines Journalisten an den Kommissar: „Stimmen die Verwürfe, wurden Beweise gefälscht?“ Unfassbar deshalb, weil Jørn Lier Horst mit William Wisting eine sehr sympathische Romanfigur geschaffen hat, mit der der Leser „mitleidet“ und natürlich Wisting für unschuldig hält.
Ein aktueller Mord, eine 18 Jahre zurückliegende unaufgeklärte Entführung und eine 17 Jahre zurückliegende Entführung, die mit dem Tod des Mädchens endete und der Entlassung eines (vermutlich) zu Unrecht verurteilten Täters. Der suspendierte Wisting inmitten eines „Cold Cases“, einem Wiederaufnahmeverfahrens mit Vernehmung durch die ‚Interne‘ und dem aktuellen Fall, 18 Jahre auseinander, mit der Unterstützung seiner cleveren Tochter, der Journalistin Line.
Jørn Lier Horst ist es gelungen, mit Kommissar Wisting eine Romanfigur zu schaffen, in die sich der Leser hineinfühlen kann, gefüllt mit Empathie. Der Leser lässt sich gerne in die hintersten Winkel des Menschen und Polizisten Wisting, beruflich, wie privat führen.
Die ruhigen, für norwegische Krimis eher untypisch und doch zielstrebigen viertägigen Ermittlungen lesen sich sehr authentisch, war doch Jørn Lier Horst ein Kommissar der norwegischen Polizei. Er lässt die Fäden sehr geschickt und behutsam zusammenlaufen, hält mit einem angenehmen Schreibstil die Spannung bis zum Finale sehr hoch.
Einziger Kritikpunkt: Es gibt keine „fristlose Kündigung“ (Kündigung ist die normale Beendigung eines Dienstverhältnisses, sie ist immer mit einer Frist verbunden), im Roman sollte es heißen: Fristlose Entlassung (Grund zB: Schwerwiegende Dienstverfehlung).
Dieser, mein zweiter Wisting Kriminalroman hat alle meine Erwartungen übertroffen, mein dritter Wisting wartet bereits im SUB.
„Messer“, der beste Thriller aus der Harry-Hole-Serie.
Messer Ein Fall für Harry Hole. Gebunden. von Nesbø Jo
Harry Hole, verheiratet mit Rakel, ist nicht geschaffen für eine dauerhafte Zweierbeziehung, ein hoffnungsloser Fall, dem auch eine Paartherapie nicht helfen könnte; Weil es ihm nicht gelingt und er es auch gar nicht willentlich versucht. Eine Prophezeiung wird für Hole wahr: „Du wirst schon sehen, du wirst ein paar Frauen glücklich machen.
Und andere unglücklich.“
Sollte man Alkoholiker, wie Hole einer ist, ernst nehmen? Eigentlich ja, denn Alkoholismus ist eine Krankheit. Dann ist nur noch die Frage zu beantworten, ‚saufen zu Hause oder öffentlich?‘ Hole säuft öffentlich, er ist ein exhibitionistischer Trinker mit masochistischen Zügen. Er will von seiner Umwelt bedauert und gleichzeitig verachtet werden.
Krasser Plot:
Alkoholiker Hole empfindet es bereits als Erfolg, wenn er an einer Bar „vorbeifahren“ kann
Rakel wird ermordet
Svein Finne, genannt der „Verlobte“ vergewaltigt Frauen und zwingt sie unter Morddrohungen das Kind auszutragen. Frauen als Host für Alien Finne.
Also wenn sich Finne, der von Hole „auserwählte“ Mörder seiner Frau bereits im ersten Drittel zu einem Geständnis „überreden“ lässt, muss etwas „faul“ sein, mit anderen Worten, Svein Finne kann nicht der Mörder seiner Frau sein. Für den Leser wirft das wieder die Frage auf, wer hatte welches Motiv und welche Motivation, war es vielleicht doch eine Frau.
„Die Sonne ging langsam auf. Diese Stadt (Oslo) war genau wie manche Frauen. Im richtigen Licht war sie plötzlich unglaublich attraktiv, um im nächsten Augenblick schon wieder so gewöhnlich, ja gerade spröde zu wirken, dass sie in der Mittelmäßigkeit versank“ (Zitat Nesbø, S. 455).
Nesbøs Cleverness als Plot-Konstrukteur ist kaum zu überbieten und das in der 12ten Fortsetzung: Nachdem alle Mordverdächtigen, einer nach dem anderen ausscheiden, bleibt nur noch – wie sollte es anders sein – Harry Hole übrig. Aber ist er der Mörder?
Dieser Mordfall sollte als der Harry-Hole-Fall in die Annalen der norwegischen Kriminalpolizei eingehen. Alle vom Staatsanwalt abwärts klopfen sich auf die Schulter. Endlich haben sie den verhassten und doch erfolgreichsten Ermittler am Hacken, auch wenn er tot? Ist.
Katrin Bratt, Leiterin der Osloer Polizei und erbitterte Konkurrentin des Osloer Kriminalamtes über ihre Situation: „Sie hatte gesehen, wie einige Frauennach der Geburt zu Depotinnen geworden waren, davon überzeugt, dass sie die Sonne und alle Planeten des Himmels nur um Mutter und Kind drehten. Und wie sie ihre Ehemänner plötzlich mit Verachtung begegneten...“ (Zitat Nesbø, S. 473).
„Love Hurts“ von den Everly Brothers “as Tribute for” Bjørn Holm.
Zum Showdown mit genialem Winkelzug passt 5. Mose 32:25 „Die Rache ist mein; ich will vergelten.“
Nochmal Katrin: „Was weiß man eigentlich über die Menschen, mit denen man Tisch und Bett teilt.“ Wie wahr.
HARRY HOLE zum 12ten. Jo Nesbø hat von seiner brillanten Erzähltechnik nichts eingebüßt. „Messer“, der beste Thriller aus der Harry-Hole-Serie.
Genussthriller oder auch Thrillergenuss.
Ausgezählt von David Baldacci
Allein die Informationen auf dem Buchumschlag außen und innen lassen auf uneingeschränktes Lesevergnügen schließen, auf einen Genussthriller oder auch Thrillergenuss.
Bereits das erste Kapitel mit der Beschreibung des härtesten Gefängnisses der USA, deren Insassen und der einzelgängerischen 36jährigen FBI-Agentin ’Special Agent‘ Atlee Pine lassen den Leser eine unerbittliche Wirklichkeit erahnen.
Sie ist auf der Suche nach Mercy, ihrer Zwillingsschwester, „Long Road To Mercy“ der englische Originaltitel. Atlee Pine glaubt, dass der Serienmörder Tor vor fast 30 Jahren ihre Schwester entführt und getötet hat.
Pine hat ein Tattoo „No Mercy“, klar ist, dass Mercy ihre Schwester gemeint ist, aber „no mercy“ heißt auch „Keine Gnade“ und könnte das Motto für Pine sein: Keine Gnade für den Entführer/Mörder ihrer Schwester und suchen bis sie ihn zur Strecke bringen kann.
Special Agent Pine sitzt in Arizona in einem EINMANN-Büro mit der Sekretärin Blum, ist für den Grand Canyon zuständig und wird deshalb zu einem aufgeschlitzten Maultier gerufen, den dazugehörigen Reiter/Mann kann die Polizei und Pine nicht finden. Der vermisste Mann war nicht der als den er sich ausgegeben hatte. Pins investigative Instinkte sind geweckt.
Nachdem Pines Auto mit zwei Männern an Bord von der Straße abgedrängt wurde, die beiden Männer von einem Army-Helikopter „abgeholt“ und Pine erst im Krankenhaus aufwacht startet sie ihre Recherche; doch die Unfallstelle wurde „aufgeräumt“. Pine wird in einen zweiwöchigen Urlaub geschickt, der Beginn ihres Roadtrips mit Blum in ihrem Ford Mustang an die Ostküste.
Von nun an befindet sich der Leser wie in einem langen schwarzen unbeleuchteten Tunnel, in dem nichts zu erkennen ist, außer kleinen Lichtpunkten, die sofort wieder erlöschen, doch wir tasten uns weiter (Leser sind neugierig). Russen, Koreaner, Chinesen und natürlich US-Amerikaner spielen mit im völlig undurchsichtige Politdrama. Einzig Pine ist die Fixgröße, die einer „riesige Verschwörung mit katastrophalen Schäden und globalen Konsequenzen“ auf der Spur ist. Ihrem Instinkt folgend traut sie niemandem.
Pine dachte an den Army-Hubschrauber, der in Arizona gelandet und wenige Minuten später mit den verletzten Priest-Brüdern an Bord weggeflogen war. Und an die beiden Russen in Ben Priests Haus. An die falschen Feds in Simon-Russells-Haus. Und schließlich an Sung Nam Chung, den Koreaner, der als Killer für wechselnde Auftraggeber tätig war. Falls tatsächlich jemand einen Staatsstreich plante, stellte sich die Frage, wer wann wo zuschlagen würde. Und für wen arbeitete Chung? (Seite 304)
Pine ist eine tödliche und Tod bringende Kampfmaschine für viele, die ihr gefährlich zu nahekommen. Sogar einem Muli wird der Bauch aufgeschlitzt.
Baldacci liebt als US-Amerikaner „seinen“ Grand Canyon voll Stolz. Die detaillierten Skizzen des Grand Canyons, der Seitencanyons, der Trails und der gesamten Infrastruktur, der Flora und Fauna bei Tag und Nacht sind sehr beeindruckend. Was könnte es spannenderes geben als in den Tiefen des Canyons bei Nacht auf unbekannten Pfaden allein zu durchforsten – auf der Suche nach der Atombombe – wissend, dass noch andere „dunkle“ Gestalten sich dort herumtreiben, von denen Atlee Pine nicht weis, ob sie Freunde oder Feinde sind.
Im finalen Showdown kann Pine die „Welt retten“, bekommt eine neue Büroeinrichtung was impliziert, dass sie ihren geliebten Job als Special Agent behalten kann – was sonst, kommt doch in Bälde „Atlee Pine #2.“
Nach einem vielversprechenden Beginn folgt mit dem Mittelteil an der Ostküste fast eine Krimi-Klamotte: Wer? wie? was? warum? Ungläubig lesen und schmunzeln. Aber ein Fest für Verschwörungsfanatiker und Politfantasten. Der Schluss entschädigt (den seriösen Leser) mit der Grand Canyon-Episode und dem Finale in Atlee Pines Büro.
Unverzichtbar für alle Anhänger von Thomas Bernhard
Thomas Bernhard Hab & Gut von Barbara Vinken; Dietmar Steiner; Ronald Pohl
Zum 30. Todestag ( 12. Februar 1989) von THOMAS BERNHARD hat André Heller einen Band zusammengestellt, der sich mit dem Hab & Gut des „Erregungshochleistungsvirtuosen“ beschäftigt.
BERNHARDS STIL
AUSNAHMEWESEN. Am 12. Februar, drei Monate nachdem die Uraufführung seines Stückes „Heldenplatz“ am Burgtheater ganz Österreich auf den Kopf gestellt hatte, starb Thomas Bernhard.
Rechtzeitig zu seinem 30. Todestag (an den auch im Akademietheater zwischen 11. Und 20. 2. mit einem Leseprogramm erinnert wird) bringt der Brandstätter Verlag einen sehr feinen Band zu ,,Hab und Gut" und Stilbewusstsein des ewigen Provokateurs auf den Markt. Initiiert und zusammengestellt hat ihn André Heller, nachdem er den sorgfältig inszenierten Privatkosmos im ehemaligen Wohnhaus des Autors in Ohlsdorf betreten hatte. Beeindruckt von diesem durchkomponierten Haus hat Heller dann Experten versammelt, um sich mit den Wohnstätten Bernhards zwischen Obernathal und Ottnang zu beschäftigen. So schreibt u. a. Dietmar Steiner als Architekturexperte über die Häuser und Räume und die Modehistorikerin Barbara Vinken über Bernhard als ,,Dandy im Hause Österreichs“, der die Krachlederne als sein ländliches Verkleidungsritual schätzte. Die Fotos aufgenommen von Hertha Hurnaus.
Kein Krimi im eigentlichen Sinn, sondern eine Psychostudie
Die Stille bringt den Tod von Karin Fossum
Entgegen aller skandinavischen Krimitradition mit blutig abgeschlachteten Opfern, psychopatischen Tätern und durchgedrehter Kommissare, startet der Kriminalroman „Die Stille bringt den Tod“ von Karin Fossum komplett anders.
Ragna Riegel sitzt im Gefängnis - wir wissen lange nicht warum - und wird von Kommissar Konrad Sejer verhört.
Anscheinend hat der Kommissar noch nie einen derart seltenen kriminellen Vogel wie Ragna in die Finger bekommen. Ragna, ein Untersuchungsobjekt für mindesten zehn Psychiater, hat sie doch so ziemlich alle paranoide Persönlichkeitsstörungen, die man sich vorstellen und nicht vorstellen kann. Vom Verfolgungswahn bis zur Todessehnsucht:
- Sie hat Angst vor ihrer eigenen Furcht.
- Ihr Gehirn traf oft seltsame Entscheidungen.
- Sie beugt sich über die grüne Plane (mit dem Ermordeten) und bohrt ihre Klinge in den grünen Stoff, es war egal wo.
- Offenbar hatte sie etwas nicht verstanden
Dass dann der „Agent“ Bennet von Ragna ein langes Messer mehrfach bis zum Griff in den Bauch gerammt bekommt, noch bevor sie die Broschüre „Erwachet“ gelesen hatte, um nach der Lektüre aus ihrem Wahn zu erwachen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Aber warum war Bennet allein unterwegs? Doppelmord hätte sich Ragna wahrscheinlich nicht zugetraut.
Kann tatsächlich jeder Mensch zum Mörder werden? Diese Frage auf dem Buchrücken, die mehr verspricht, als der „Kriminal“-Roman Antworten geben kann. Wenn die Frage an eine paranoide schizophrene Persönlichkeit, wie Ragna gerichtet ist, dann mit „Ja“. Gerichtet an den durchschnittlichen Leser, der weder paranoid, noch schizophren ist, bleibt die Frage offen.
Karin Fussum, vielfach ausgezeichnet, viel gelesen, verfilmt und vertont, schreibt mit einem außerordentlichen Stil. Der aktuelle Sejer-Roman ist die Nr. 13. Das Hörbuch wollte ich Autofahrern nicht empfehlen, aber als Hörspiel kann ich mir „Die Stille bringt den Tod“ sehr gut vorstellen.
Kein Krimi im eigentlichen Sinn, sondern eine Psychostudie, die dem Leser einiges an Einfühlungs- und Durchhaltevermögen abverlangt.
Kriminalistisches Geocaching
Der Knochenjäger von Jeffery Deaver
Verzichte auf das Widerkauen des längst bekannten Inhalts und gebe meine besonderen Eindrücke von Jeffery Wilds Deavers, J.W.D. „Der Knochenjäger“ wieder.
Jeffery Wilds Deaver, weltweit einer der meistgelesen und -übersetzten und sicher auch einer der besten Thriller-Autoren. Warum er oder sein Verlag seinen zweiten Vornamen unterschlagen, auf den die Amerikaner viel Wert legen und so stolz darauf sind, entzieht sich meiner Kenntnis.
1997 erschien der „The Bone Collector“, die Übersetzung 1999 „Die Assistentin“, 2000 als „Der Knochenjäger“. Diese Titel lassen dreierlei Schlüsse zu: „The Bone Collector“, also der Knochensammler ist eigentlich der psychopatische Mörder, der Knochenjäger, der der den Knochensammler jagt, Forensiker Lincoln Rhyme und die Assistentin, die Straßenpolizistin Amelia Sachs mit dem besonderen Tatortblick (vielleicht vom Verlag ein Tribut an Angelina Jolie in „The Bone Collector 1999). Meine Titelpräferenz ist der Knochensammler, trifft sowohl auf den Mörder als auch auf Rhyme zu.
Der Mörder geht nach einem krankhaften, genialen Plan vor. Er entführt Personen und tötet sie nach einem Skript aus „Berühmte Kriminalfälle aus dem alten New York“ mit einem Rachegedanken gegenüber der Polizei, die seiner Mengung nicht genügend Engagement für die Aufklärung eines Verbrechens gezeigt hat. Er spielt mit der Polizei ein kriminalistisches Geocaching: Er hinterlässt am Tatort fingierte Hinweise auf das jeweilig nächste Opfer.
Der geniale Forensiker Rhyme, C4 querschnittgelähmt, lässt die Polizistin Sachs die Tatortarbeit mit Spurensicherung erledigen. Er ist ab dem vierten Halswirbel abwärts gelähmt und kann von seinen Gliedmaßen nur seinen linken Ringfinger bewegen.
Die Spurenanalyse erinnert an die TV-Serie „Bones – Die Knochenjägerin“, in der intelligente kompetente (oder obergescheite) Praktikanten für den Zuseher erstaunliche Details und Schlussfolgerungen preisgeben. J.W.D. legt besonderen Wert auf die wissenschaftliche Schilderung der Spurenanalyse. Die entsprechenden Kapitel des Romans lesen sich wie ein Lehrbuch der Forensik. Im Anhang findet man sogar ein Glossar mit Erklärungen zu den 23 wichtigsten fachspezifischen Ausdrücken.
Rhyme, anfänglich ein Kotzbrocken und die abweisende Polizistin Sachs nähern sich gegen Ende an und sie schlüpft sogar zu Rhyme unter die Decke. Der von Selbstmordgedanken geplagte Rhyme hängt jedoch sehr an seiner Berufung, erhebt sich von seinem Clinitron – ein Medizinbett, das mit dieser Spezialanfertigung nicht unter $ 4000 zu haben ist. Er rollt mit seinem elektrischen Stuhl, einem „Storm Arrow“, der etwa $ 10.000 kostet zum Tatort.
Folgendes Zitat von Seite 520 ist bezeichnend für den Plot: „Aber er (Rhyme) konnte das Ende der Geschichte nicht erkennen. Noch nicht.“ Ich auch.
Atemberaubendes Finale.
Natürlich habe ich immer den großartigen Film im Kopf, aber das Buch ist um zwei Klassen besser.
Ein Bonmot zum Schluss: „Nicht der Gärtner war’s, nicht der Captain, sondern der ...“
To be continued.
Wonder Woman "MacAnnie"
The Ice von Raake John Kåre
„Willst du die Götter zum Lachen bringen, erzähl von deinen Plänen,“ oder: „Auch der Teufel begleicht seine Stromrechnung,“ nur zwei Zitate aus „The ICE“, die neugierig machen.
Die junge norwegische Exsoldatin Anna Aune (41) und der Polar-Wissenschaftler Professor Daniel Zakariasson (73) arbeiten am Nordpol in ihrer Eisstation.
Mit ihrem Polar-Hovercraft Sabvabaa (in der Sprache der Inuit, übersetzt „flows swiftly over it“) folgen sie einem Signalleuchtfeuer und kommen zu der chinesischen Forschungsstation „Eisdrache“. Dort stellen sie fest, dass die gesamte Besatzung, bis auf einen festgefroren sind oder offensichtlich ermordet wurden. Wer es zynisch mag: Die toten Chinesen hatten Glück, in der Eiswüste auf ihrer Polarstation verwesten sie nicht so schnell. Bei Dunkelheit, extremer Kälte und Schneesturm kämpfen sie sich von Hütte zu Hütte. Wo sind der oder die Mörder? Zakariassons banale Antwort: „Der Nordpol hat eine Fläche von 12 Millionen km2, da kann man leicht verschwinden.“ Während die Dialoge von Anna und Daniel banal und offensichtlich, sind die Beschreibung der äußeren Umstände ihrer Erkundungen beklemmend und atmosphärisch von unübertroffen Dichtheit. Klaustrophobische auf der einen Seite, aber auch in dem Wissen um die unendlichen Weiten des Nordpols. Kein Wunder, Raake kommt aus der Werbebranche, nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für literarische Hochleistungen. Doch plakativ erstklassig, denn verfilmte Drehbücher überlassen dem Betrachter weniger Phantasiespielraum.
Die Exsoldatin Anna Aune leidet an dem PTBS mit zahlreichen Flashbacks ihrer Militäreinsätze Im Mogadischu und Syrien, dort wo ihr Verlobter Yann getötet wurde. Die Schilderungen ihres militärischen Einsatzes als „sniper“ sind bei weitem die besten Teile des Thrillers. „Der Nordpol besaß seine eigenen Methoden, um den wahren Charakter eines Menschen ans Licht zu bringen“ (Zitat aus „The ICE). Beim Lesen hat man das Gefühl, vor seinen Augen eine schlechte Krimiserie zu sehen.
Nach dem Abgleichen der Personalliste mit den Toten und den zwei Lebenden ergibt sich eine Differenz von einer Person: Lanpo. Wenn er der Mörder ist, wo versteckt es sich?
Der Leser wird vom Autor entweder absichtlich in die Irre geleitet oder zu einer falschen Annahme veranlasst: Zakariasson und Aune sollten die Bewegungen des Eises erforschen, ausrücken, um der Chinesenstation zu Hilfe eilen, die nur wissenschaftlichen Zwecken erbaut wurde und zum Schluss die US Navy Seals, die im Eisloch der Chinesen auf dem Meeresgrund im 3000 Meter Tiefe etwas anderes suchen als „Seltene Erden“.
Raake ist ein erfolgreicher Drehbuchautor, der sich mit seinem Debüt-Thriller „The ICE“ als Krimiautor versucht. Sieben deutsche Verlage haben sich um die Rechte gematcht. Das „Drehbuch“ von The ICE eignet sich hervorragend für eine Fernsehserie mit dem Titel „MacAnnie“ à la MacGyver, oder noch besser als Comic für die schlichteren Gemüter. Für höhere Ansprüche empfehle ich eine Open Air-Aufführung auf der Seebühne am Bodensee in Bregenz. Anna unterwegs mit Pfeil und Bogen, da fällt mir nur „Wonder Woman“ ein.
Dass einem norwegischen Autor die US Elitesoldaten weniger am Herz liegen als die Russen, liegt in der Historie der Norweger.
Deutsche Verlage haben 2019 über 1000 Rechte an norwegischer Literatur, da habe ich schon bessere Thriller gelesen.











