Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Im Detail

Million Dollar Boy

Million Dollar Boy /
Eine Weltreise auf den Spuren des Geldes

Autor*in: Will Hofmann

Deutsch
2017 - Wiebers Verlag

Taschenbuch

inkl. gesetzl. MwSt.
Besorgungstitel, lieferbar voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen
Versandkostenfrei in Österreich

€ 14,90

Die unten angeführte Ampelregelung zeigt Ihnen, ob ein Buch lagernd ist und wo Sie es abholen können:

Diesen vorrätigen Artikel können Sie hier abholen:

nicht vorrätig,
Besorgungstitel, lieferbar voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen
Leporello - die Buchhandlung
Singerstraße 7, 1010 Wien
Reservieren (Kontakt)
nicht vorrätig,
Besorgungstitel, lieferbar voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen
Stöger-Leporello - die Buchhandlung
Obkirchergasse 43, 1190 Wien
Reservieren (Kontakt)

Bitte beachten Sie, dass sich der aktuelle Bestand durch fortlaufende Verkäufe ändern kann.
Gerne reservieren wir Ihnen ein Exemplar.

Inhalt

Hauptbeschreibung
Ausgerechnet ein Jucken in der Kniekehle verhilft Ede zu unverhofftem Reichtum. Der Mittdreißiger, der sich schon als Kind für Geld begeistert hat, entdeckt einen Zusammenhang zwischen den quälenden Reizen seiner Neurodermitis und dem Lauf von Roulettekugeln. Schnell perfektioniert er sein System und wird ein gemachter Mann.

Doch der Traum vom sorglosen Leben voller sinnlicher Genüsse währt nicht lange. Ede gerät in die Hände einer Verbrecherbande, die sich mit seiner Hilfe bereichern will, und eine Odyssee durch Spielcasinos rund um den Globus beginnt. Zunächst erkennt Ede in ihrer Route ebenso wenig eine Bedeutung wie in seiner Marotte, an jedem Ort eine seltene Münze zu erstehen. Doch bald begreift er, dass das Ziel der Reise etwas gänzlich anderes sein wird als materieller Reichtum.

Der utopische Gedanke einer Welt ohne Geld ist Ausgangs- und Endpunkt für Will Hofmanns fantastischen Roman, der einen abenteuerlichen Reisebericht mit Mystery- und Science-Fiction-Elementen und mit leichtfüßig-philosophischen Reflexionen verknüpft. Edes Weltreise durch exotische Spielhöllen wird zugleich zu einer Reise durch die Geschichte des Geldes und dessen unheilvoller Wirkung – und eine Reise zur Entdeckung des eigenen Selbst.

Textauszug
Prolog

Jetzt, wo wir das M bekommen werden für den Flug in die Türkei, habe ich mir vorgenommen, die Ereignisse aufzuschreiben. Es ist erstaunlich, wie schnell wir uns alle an das neue System gewöhnt haben. Wir alle, auf der ganzen Welt − an das System ohne Geld.

Es ist mir längst selbstverständlich geworden, dass ich die neuen Tintenpatronen und den Packen Druckerpapier im Laden einfach nur aus dem Regal nehmen muss. An dem Kassierer kann ich einfach vorbeigehen, aber wir wechseln dabei freundliche Worte. Das war früher die Ausnahme. Er weiß, dass beide Güter zur Kategorie G gehören. Bei denen muss ich keine Berechtigung nachweisen. Diese Artikel stehen mir zu, stehen jedem zu. Ich könnte auch zehn oder hundert davon mitnehmen, niemanden würde das scheren. Aber die stünden nur bei mir zu Hause herum, würden Platz wegnehmen und einstauben. Ich kann ja jederzeit neue holen, wenn sie aufgebraucht sind, so wie jetzt.

Die Aufregung hat sich erstaunlich schnell gelegt. Nicht gelegt allerdings haben sich die Spekulationen um das Warum. Täglich werden in den Medien neue Theorien von Fachleuten verbreitet, was sich abgespielt haben könnte. Manche klingen plausibel, andere hanebüchen. Die Koryphäen aller Disziplinen streiten sich.

Es gibt nur eine Handvoll Leute, die wissen, was sich abgespielt hat. Und dazu gehöre ich. Viele Einzelheiten sind aber auch mir verborgen geblieben. Die Natur des Prinzips und die Gestalt des Interpres sind mir nach wie vor ein Rätsel. Doch die Ereignisse, die zum Umbruch geführt haben, die kenne ich. Und ich denke, jetzt − nach fast einem Jahr − ist es an der Zeit, das Geheimnis zu lüften.

Es ist unglaublich, wie schnell dieses Jahr vorbei war. Tascha und ich sind inzwischen verheiratet, und ich bemühe mich, endlich Russisch zu lernen. Hätte ich nur damals besser aufgepasst, in der Schule. Doch Russisch war verhasst, nicht nur in meiner Klasse, nicht nur auf unserer Schule, sondern bei fast allen Schülern in ganz Magdeburg. Ach, was sage ich, in der ganzen DDR. Und die paar Bruchstücke, die ich mit Mühe gelernt hatte, hatte ich erfolgreich verdrängt.
Ich bin wieder beim Zoo am Bahnhof angestellt. Munz, der Chef der Tierhandlung, und die Kollegen haben mich nach meiner Rückkehr freudestrahlend aufgenommen. Es war eine bewegende Begrüßung. Anfangs hatte ich versucht, die Tränen meiner Rührung zu unterdrücken. Dann besann ich mich: Hatte ich nichts gelernt auf meinen Reisen? Zulassen, geschehen lassen! Als ich Marlene von der Kasse an mich drückte, brachen die Dämme. Ich schluchzte los und versuchte, dabei zu lächeln. Marlene küsste mich auf die Wange, und ich hatte beinahe das Gefühl, ich müsste mir in die Hose machen. Da ist man Mitte vierzig, und dann das...
Viel Zeit zum Reden gab es nicht, der Laden machte ja bald auf. Nur kurz umriss ich, was ich in meiner Abwesenheit gemacht hatte – selbstredend, ohne das Geheimnis zu lüften. Verwundert waren die Mitarbeiter hauptsächlich, dass meine Braut keine Portugiesin war.
Auch die Abendschule hat mich wieder, ich mache gute Fortschritte. Nächstes Jahr steht das Abi an. Die Kollegen trauern jetzt schon, dass ich sie für das Veterinärmedizin-Studium wieder verlassen werde. Wahrscheinlich werde ich der älteste Studierende sein, doch das will ich jetzt durchziehen.
Ähnlich aufregend war das Wiedersehen mit Fritze. Machte der große Augen, als ihn sein alter Zellengenosse Ede im Gefängnis besuchte! Hier versuchte ich es gar nicht, mich zu beherrschen. Wange an Wange schmiegte ich meinen Kopf an seinen – und konnte plötzlich verstehen, wieso Tascha immer meckerte, wenn ich unrasiert war. Die Freudentränen blieben hier zwar aus, aber ich atmete heftig. Für Fritze hatte sich das Leben fast überhaupt nicht geändert – Knast blieb Knast. Nur dass ihm das Abo von der Rheinischen Post nicht mehr zugestellt wurde, das fuchste ihn.
Tascha und ich wohnen weiter bei Frau Harder. Sie hat uns die Wohnung nebenan abgetreten. Wir haben eine Wand durchbrochen und so ausreichend Platz geschaffen. Wir wohnen noch dort, aber wir zahlen keine Miete. Niemand zahlt mehr Miete.
Tascha betreibt nach wie vor ihren Kunst- und Ikonenhandel. Es ist schon merkwürdig, wie sie an ihre Ware kommt, ohne dass sie einkaufen muss oder sie veräußert, ohne dass jemand bezahlt. Sie gibt die Kunstwerke heraus, wenn ihr ein Interessent würdig erscheint. Gespräche entscheiden, nicht das dicke Konto. Manchmal führt das zu merkwürdigen Ereignissen. Auf diese Art kam Fritze wieder frei. Tascha hatte einem Kunden gegenüber nur erwähnt, dass das neue System auch Nachteile habe. Sie führte meinen Freund im Gefängnis an, dem das Abonnement der Rheinischen Post einfach deshalb nicht zugestanden werde, weil es ja in Magdeburg genügend Zeitungen gebe. Und Fritze war nicht der Typ, der bettelte. Ein Sturkopf, aber ein sympathischer.
Der Kunde war Anwalt. Er versprach Tascha, sich um die Angelegenheit zu kümmern – unabhängig davon, ob sie ihm sein Wunschbild aushändigen würde oder nicht. Er bekam es. Und er setzte nicht nur das Abo durch, er erreichte ziemlich schnell, dass Fritzes ganzer Fall nochmals aufgerollt wurde. Er deckte nicht nur Verfahrensfehler auf, sondern konnte die Unschuld meines Freundes hieb- und stichfest belegen.
Ich werde noch zur richtigen Heulsuse. Als wir Fritze abholten, flossen die Tränen. Und das tat gut. Zum Glück kam er provisorisch erst einmal bei Frau Harder unter, in einer kleinen Kammer. So hatten wir den Freund nicht nur in Freiheit, sondern auch in unserer Nähe.

Nicht nur Tascha fühlte sich anfangs merkwürdig bei ihrer Arbeit. Ähnlich ging es auch der Belegschaft im Zoo am Bahnhof. Die Kunden kamen und erkundigten sich nach einem Tier. Man unterhielt sich, man erforschte die Wünsche der Kunden, man beriet, schätzte ab, welche Erfahrung sie mit Tieren hatten und ob die kleinen Wesen es gut bei ihren neuen Herrchen haben würden. Nicht immer gaben wir ein Tier heraus, und fast immer konnten wir unsere Gründe dafür darlegen. Dass ein Kunde im Streit das Geschäft verließ, das kam eigentlich nicht vor. Missgestimmt war der eine oder andere schon, doch oft waren auch die nach ein paar Tagen wieder da – mit geänderter Einstellung.
Dann gaben wir den neuen Liebling gerne ab. Wir löschten ein H, I oder J von der Chipkarte, je nachdem, um welches Tier es sich handelte. Mir kommt es jetzt vollkommen absurd vor, dass man früher Geld haben musste. Geld, Geld und nochmals Geld.

Seit der Wende ist vieles viel besser geworden. Ja, wir hatten wieder eine Wende, die zweite in meinem Leben. Bei der nationalen Wende 1989 war ich gerade mal den Kinderschuhen entwachsen – und jetzt gab es die internationale. Die Zahl der Kriminellen hat sich laut Statistik sprunghaft verringert. Die bewaffneten Konflikte – sprich Kriege – sind deutlich weniger geworden. Viele Regierungen sind konstruktiv zusammengerückt, um die postmonetäre Ära kreativ zu gestalten. Es finden sich bis jetzt keine Anzeichen, dass Geld jemals wieder eine Rolle spielen sollte. Es hatte sich auch schnell gezeigt, dass die Wirtschaft nicht zusammenbrach. Im Gegenteil – es gab einen ungeahnten Aufschwung. Den Ökonomen war schnell klar: Gesteigerte Nachfrage war der Grund, und humanere Arbeitsbedingungen steigerten die Produktivität.
Die Nachrichten strotzen nicht mehr nur von Gräueltaten. Neben Sport hat sich eine neue Rubrik etabliert: Schönes im Leben. Hier wird von „kleinen“ Ereignissen berichtet, einfach von Erlebnissen, die einen oder mehrere Menschen besonders glücklich machen.
Zum Beispiel hat jemand unerwartet Hilfe erfahren oder etwas wiedergefunden, was er verloren und was ihm viel bedeutet hat. Menschen, die einen Brand, einen Unfall oder eine schwere Krankheit überstanden haben, berichten von ihrem Glück.

Ja, das Jahr war wie im Fluge vergangen! Und der nächste Flug stand an.
Für die Reise in die Türkei mussten Tascha und ich bei der Bank und dann bei der Kommission vorsprechen. Die freundliche Bankangestellte bescheinigte uns, dass wir beide schon die Luxusstufe K erreicht hatten. Für den Flug benötigten wir allerdings ein M. Die Kommission tagte zweimal in der Woche, den Antrag stellte man mindestens sechs Wochen vorher. Wir bekamen dann Tag und Uhrzeit der Bearbeitung mitgeteilt. Die Behörden hatten eine Internetseite eingerichtet, auf der man einsehen konnte, wer welchen Antrag gestellt hatte. Gleichzeitig wurde der Antrag im Lokalteil der Magdeburger Nachrichten veröffentlicht und im Rathaus ausgehängt.

Aufgeregt waren wir schon, als wir im Wartezimmer saßen. Dreißig oder vierzig weitere Leute waren dort, die machten uns noch nervöser. Es schien uns, als wären sogar Reporter darunter. Die Unruhe legte sich auch nicht, als wir aufgerufen wurden, zumal all die Leute mit uns in den Raum strömten. Unser Antrag hatte Aufmerksamkeit erregt, weil Edgar Nitschke durch die Gerichtsverhandlung zu den Steuerhinterziehungsvorwürfen noch eine kleine Berühmtheit war. Damals waren Millionen noch Sensationen, und ich hatte dem Gericht nicht plausibel machen können, woher meine stammten.
Beinahe sah es im KR des Rathauses aus wie in einem Gericht. Der Vorgang ähnelte auch einer Gerichtsverhandlung. Ach ja, KR bedeutet Kommissions-Raum.
Sechs Leuten saßen wir gegenüber. Der Vorsitzende fragte nach den Personalien und unserem Begehr.
Wir trugen vor, dass wir in der Wendezeit im Tmolos gewesen seien, uns in dieser Zeit so richtig ineinander verliebt hätten und dort nun, nach einem Jahr, Freunde aus Russland und China treffen wollten. Was denn der TmolosTmolos sei, wollte der Vorsitzende wissen. Wir erklärten, dass dieses Gebirge in der Türkei liege und heute Bozdağ heiße. Da wir aber beide ein Faible für Geschichte hätten, bevorzugten wir die alten Bezeichnungen.
Der Vorsitzende fragte die Zuschauer, ob jemand eine Frage habe. Tatsächlich wollte jemand wissen, was uns gerade in dieses Gebirge getrieben habe. Den Namen konnte er nicht richtig aussprechen. Das sei doch keines der üblichen Touristenziele in der Türkei.
„Ich habe damals Münzen gesammelt“, erklärte ich. „Und es wird vermutet, dass in dieser Gegend die allerersten Münzen der Menschheitsgeschichte geprägt wurden.“
„Hat das etwas mit Ihrem ungeklärten Reichtum zu tun?“, wollte der Frager weiter wissen. Ich musste aufpassen, was ich sagte.
Ich überlegte kurz, ob ich als Begründung unser komplettes Erlebnis im Bozdağ erzählen sollte. Ich fürchtete aber, dass ich dann eher im Irrenhaus als in der Türkei landen könnte.
Der Vorsitzende kam mir zu Hilfe. „Darüber haben wir hier nicht zu befinden“, erklärte er. ‚’Das Verfahren ist abgeschlossen, Herr Nitschke wurde freigesprochen und sitzt hier wie jeder andere Antragsteller auch. Ihm geht es nicht anders als allen anderen Millionären, ihre damaligen Reichtümer nützen ihnen heute überhaupt nichts mehr.“ Nach einer Pause fragte er weiter: „Gibt es denn Einwände gegen das M für die Antragstellerin und den Antragsteller?“
Ein wenig Gemurmel, dann meldete sich noch eine junge Frau zu Wort: „Man soll es genehmigen. Das ist doch ein richtig romantisches Ereignis, das muss man unterstützen.“
Weitere Beiträge kamen nicht. Die Kommission zog sich zur Beratung zurück. Nach zehn Minuten betraten sie den Saal erneut.
„Dem Antrag wird stattgegeben. Und zwar einstimmig.“ Das waren die erleichternden Worte des Vorsitzenden. Tascha und ich fielen uns in die Arme. Beim Verlassen des Rathauses bekamen wir einige Glückwünsche. Ein Reporter machte ein paar Fotos. Am nächsten Tag erschien in einem Lokalblatt ein kleiner Artikel in der Rubrik Schönes.
Die Verfahren in Russland und China unterschieden sich etwas von unseren, waren aber im Prinzip ähnlich. Alle bekamen wir die Reise bewilligt.

Deutschland hatte als erster Staat dieses Punktesystem eingeführt. Es wurde beinahe weltweit übernommen. Die USA hatten zunächst heftig dagegen protestiert. Sie wollten eine Klassifikation, die mit A beginnt: weil einerseits das Alphabet, andererseits Amerika mit diesem Buchstaben beginne. Die Diskussion ebbte schnell ab, als Tracy Chapman spöttisch bemerkte, da könne man doch auch das Star-Spangled Banner in A-Moll singen statt in C-Dur. Die Amerikaner setzten das G in der Folge für General Needs ein.

Wer hätte sich vor zwölf Monaten ausmalen können, was aus den Banken und ihren Angestellten werden würde? Jetzt ist auch das schon selbstverständlich: Sie verwalten die Bonusvergabe. Mit den Boni haben die Regierungen eine Art Vergütungssystem geschaffen. Leistungen und Berechtigungen werden auf einer Chipkarte gespeichert.
Für alle Einkäufe oder beanspruchte Dienstleistungen oberhalb G muss ich die Bonuskarte durch einen Scanner ziehen. Das bedeutet zum Beispiel: Nahverkehrsmittel waren frei, Fernreisen waren nur mit Bonus möglich.
Alle G-Leistungen bekomme ich ohne Boni. Das sind Grundnahrungsmittel, Wohnung und eine Grundausstattung an Kleidung.
An Kleidung steht jedem zu: Rock/Hose, Unterwäsche, Socken, Bluse/Hemd, Pullover – zu einer jeweils festgelegten Stückzahl pro Jahr. Der Bonusstand braucht nicht vorgelegt zu werden. Der Verkäufer verlässt sich auf die Ehrlichkeit der Kunden. Eine Kombination aus Anzug/Kostüm, Mantel und Schuhen steht einem alle drei Jahre zu. Die muss man sich auf der Bonuskarte mit Kaufdatum einspeichern lassen. Diese Artikel gehören in Kategorie H.
Für bestimmte Anträge muss die Bank die erreichte Stufe bestätigen, so wie bei unseren Flügen.
Als G steht einem weiter zu: ein Smartphone und ein einfach ausgestatteter Computer sowie ein Radio-, ein Fernseh- und ein Hi-Fi-Gerät samt Reparatur oder Austausch bei Irreparabilität. Weitere und aufwändiger ausgestattete elektronische Geräte fallen alle vier Jahre unter H.
Wasch- und Spülmaschinen gehören zu G. Verzichtet jemand auf diese Geräte, steht ihm ein Ausgleich in den Kategorien I bis M zu.
Die Kategorien I bis U sind die Luxus-Kategorien. Den Eintrag I bekommt jemand, der fünfunddreißig Stunden in der Woche arbeitet. Die Art der Arbeit zählt nicht. Eine weitere Möglichkeit aufzusteigen ist das Ableisten von Überstunden. Die werden allerdings nur anerkannt, wenn die Betriebsleitung nachweisen kann, dass sie erforderlich sind und keine geeigneten Mitarbeiter zu bekommen sind.
Engagement in der Freizeit bringt Punkte. Die Trainer beim MSV 90 bekommen alle ihr J. Ich bekomme das für meine Abendschule. Soziales Engagement bringt ebenfalls Steigerungen.
Steuern werden nicht mehr gezahlt – womit auch? Der Staat hat keine „Ausgaben“. Die Beamten wie Polizei, Feuerwehr und Verwaltung bekommen ihre Einträge auf die Bonuskarte.

Auf Arbeitgeberseite müssen Chefs und Vorgesetzte nachweisen, dass sie ihren Betrieb ordentlich führen. Zufriedene Angestellte, ermittelt über Befragung der Bank, erbringen ihnen eine mehr oder weniger hohe Stufe der Luxus-Kategorien, ebenso die Anzahl der Angestellten und der Erfolg eines Unternehmens. Bei Sportlern, Schauspielern, Musikern und Sängern fließt der Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad in die Vergabe mit ein.
Erzielt jemand ein X, dann steht ihm alle fünf Jahre ein Luxuswagen zu, ein Porsche, Lamborghini, Jaguar oder Ferrari. Bekommt er einen neuen, gibt er den alten als Gebrauchtwagen ab. Der gilt dann immer noch als Artikel der Klasse U. X ist sozusagen die Luxus-Luxusstufe, das Allerhöchste.
Das bedeutet nun aber nicht, dass jemand, der M oder N eingetragen hat, niemals an einen Porsche kommen kann. Er stellt einen Antrag und begründet sein Verlangen. Die Kommission prüft und entscheidet. Als Argument kann der Bewerber Leistungen anführen, die auf der Bonuskarte nicht erfasst sind. Oder er stellt seine besondere Motivation dar, belegt etwa, wie fasziniert er von diesem Fahrzeug ist. Kreativität in der Argumentation wird gewürdigt. Der Wunsch, einfach mal aufs Gaspedal zu treten, vermindert die Chancen; die Absicht, Freunde zu unterstützen, steigert sie.
In der Kommission kann jeder mitarbeiten. Sie entscheidet ähnlich einem Schöffengericht. Die Mitarbeit verbessert selbstredend den eigenen Bonus.

All das ging mir auf dem Flug nach Izmir durch den Kopf. Der Landeanflug erfolgte bei etwas stürmischem Wetter. Immer noch wurde mir mulmig bei solch wackeligem Aufsetzen, auch nach Hunderten von Flügen. Wenig später trafen Tascha und ich uns mit den Freunden im Hotel Palas, wie ein Jahr zuvor. Am nächsten Tag reisten wir mit dem Zug nach Alaşehir, auch wie vor einem Jahr. Wir zogen ein ins Hotel Benan und mieteten einen Land Rover. Zufällig bekamen wir genau den wieder, den wir schon einmal gehabt hatten.

Was genau uns erwarten würde, wussten wir nicht. Doch wie alles begonnen hatte, das wusste ich umso besser.

Buchdetails

Titel: Million Dollar Boy
Untertitel:Eine Weltreise auf den Spuren des Geldes
Autor*in:Will Hofmann
Verlag: Wiebers Verlag
Erscheinungsjahr:2017
Sprache:Deutsch
284 Seiten
Abbildungen zu Roulette-Tisch und Kessel
20.5 cm x 12.7 cm
ab 14 Jahre
ISBN-13: 978-3-942606-30-1

Taschenbuch

inkl. gesetzl. MwSt.
Besorgungstitel, lieferbar voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen
Versandkostenfrei in Österreich

€ 14,90

Weiterempfehlen