Im Detail
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Inhalt
Kurztext
Trösten und trösten lassen
Textauszug
PROLOG
Vielleicht war ich verrückt geworden. Der Anblick des radikal gestutzten Pflänzchens in diesem mir so vertrauten cremefarbenen Übertopf, den mein Mann da in Händen hielt, löste jedenfalls Panik in mir aus. Ich wollte das Gefäß an mich reißen, die Überbleibsel an mich drücken, ihnen gut zureden, sie beruhigend streicheln. Zum Glück starrte ich stattdessen lediglich voller Entsetzen auf die Reste meiner Lieblingspflanze. »Du hast sie umgebracht«, sagte ich trocken und konnte den Blick nicht abwenden von diesem traurigen Mix aus Braun und Dürre.
Die Orchidee stand seit sieben Jahren am immer selben Platz. Auf unserem Fensterbrett im Wohnzimmer, links außen, neben dem alten grünen Scheibentelefon, mit Blick über die Dächer Berlins, der Abendsonne zugeneigt. Meine Schwester hatte sie uns zum Einzug geschenkt. Seitdem war sie unser Blütenwunder, hatte regelmäßig so viele Knospen und Triebe und dann wunderschöne weiße Blüten mit pinken Sprenkeln, dass wir uns erstaunt fragten, wo in aller Welt sie diese Energie hernahm. Immer wieder von vorne anfangen, immer wieder die Kraft aufbringen, alle zu überstrahlen. Ein wahres Zimmerpflanzenmysterium.
Seit einigen Monaten jedoch stimmte etwas nicht mit unserer Mitbewohnerin. Nachdem die letzten Blüten abgefallen waren, folgten zum ersten Mal in der Zeit unseres Zusammenlebens keine neuen Knospen. Die Triebe vertrockneten, wir fürchteten um ihr Leben. Genau zur selben Zeit, zu der mein eigenes Leben auf der Kippe stand. Seit meiner Krebsdiagnose ging es nun also auch mit der Orchidee bergab. Kein Wunder, dass ich mich ihr verbunden fühlte wie nie zuvor, überzeugt, ihr Schicksal wäre meines und umgekehrt. Ich hatte das Gefühl, sie sei das einzige Lebewesen in meinem Umfeld, das echte, uneingeschränkte Solidarität mit mir und meinem miserablen Zustand zeigt. Dass mein Mann sie jetzt möglicherweise mit ein paar übermütigen Scherenschnitten dem Tod geweiht hatte, stimmte mich nicht gerade hoffnungsfroh.
»Das ist eine Radikalkur«, versuchte er sich zu verteidigen. »Genau wie du mit der Chemo braucht die Orchidee eine Art Zellerneuerung, damit sie wieder in voller Pracht erstrahlen kann.« Er küsste mich auf die Stirn und stellte den Topf mit Bestimmtheit zurück an seinen Platz, wo die Orchideenstummel auch den Ausblick auf den grauen, trüb dreinblickenden Klotz von Krankenhaus genossen, in dem ich meine »Erneuerung« wöchentlich verabreicht bekam. Die Chemotherapie gegen den Brustkrebs in solche Wohlfühl-Vokabeln zu verpacken, brachte mich erstaunlicherweise nicht direkt zum Explodieren, wie es andere deplatzierte Vergleiche und Sprüche über meine Erkrankung taten - und es waren viele; Menschen sind sehr gut darin, unpassende Kommentare abzugeben. Den Vergleich meines Zustands mit dem der Pflanze nahm ich an, mehr noch: Ich wurde besessen von der Observierung meines botanischen Alter Ego.
Zu beobachten, ob und wie sich die Orchidee veränderte, ob es aufwärts mit ihr ging oder nicht; traurig darüber zu sein, dass sie es vielleicht nicht schaffen würde, hoffnungsvoll, dass sie bald wieder, wenn nicht eine Blüte, so zumindest einen kleinen grünen Trieb bekommen würde, machte etwas mit mir, das ich erst rückblickend verstehen konnte: Ich projizierte alle Entwicklungsmöglichkeiten der Orchidee auf mich. Ich akzeptierte. Ich hoffte. Die Seelenverwandtschaft mit der Orchidee gab mir etwas Überlebenswichtiges, was mir zuvor wohl niemand und nichts anderes zu spenden vermochte. Die seltsame Solidarität von und mit meiner halb verdorrten Zimmerpflanze gab mir: Trost.
EINLEITUNG
»Trost«. So steht es da also auf einem meiner Notizzettel. Ich weiß weder, wann ich das Wort aufgeschrieben hatte, noch warum es mir zu diesem Zeitpunkt wichtig war, es festzuhalten. Ich kann mich nicht einmal daran e
Hauptbeschreibung
Das Leben mit seinen unzähligen kleinen und großen Verlusten, die Weltlage mit ihren Krisen und Katastrophen. Es gibt heute viele Ereignisse, die Menschen untröstlich zurücklassen. Was aber, fragt Madeleine Hofmann, bedeutet Trost überhaupt? Die Autorin - gerade Anfang dreißig, als sie mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wurde - möchte ihren persönlichen Trost-Weg teilen, indem sie von ihren eigenen Erfahrungen und von Begegnungen mit Menschen erzählt, die auf verschiedene Weise sich und andere trösten - enge Vertraute, medizinische Fachkräfte, aber auch Kreative. Das Buch hat eine unverkrampfte Herangehensweise an das Trösten, die alles Pastorale beiseitelässt. Mühelos bringt Madeleine Hofmann Hochkultur und Popkultur zusammen und zeigt anhand verschiedener Themen - Essen, Humor, Kunst, Natur, Philosophie, Sprache -, wie individuell und existenziell Trost ist: Jeder Mensch sucht und findet ihn auf seine eigene Weise.
Autor*in
Madeleine Hofmann, geboren 1987, studierte Politikwissenschaften und Soziologie. Sie lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin. Ihre Texte und Beiträge werden u.a. bei Deutschlandfunk Kultur und im ZDF veröffentlicht. 2018 erschien ihr erstes Sachbuch Macht Platz! Als Expertin und Rednerin für die Themen »Jugend und politisches Engagement« ist sie in den Medien und bei Veranstaltungen präsent. Für ihre Recherchen wurde sie mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet.
Stichworte
Psychologie | Gesellschaft | Beziehungen | Trauer | Trost | Hoffnung | Persönlichkeitsentwicklung | Schmerz | Enttäuschung | Heilung | Bedürftigkeit | Krise | Krankheit | Verlust | Verletzlichkeit | Bücher über das Leben | Geschenkbuch | ermutigend | Reflexion | Worauf es im Leben ankommt
Buchdetails
| Titel: | Trost |
| Untertitel: | Was wir alle brauchen |
| Autor*in: | Madeleine Hofmann |
| Verlag: | Kein & Aber |
| Erscheinungsjahr: | 2025 |
| Sprache: | Deutsch |
| 224 Seiten | |
| 17 mm x 132 mm | |
| ISBN-13: | 978-3-0369-5066-2 |
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